
Brasilien-Krimi: Lula gegen Bolsonaro-Sohn â was Europa jetzt droht

Am Sonntag, dem 4. Oktober, sind mehr als 158 Millionen Brasilianer aufgerufen, einen neuen PrĂ€sidenten zu wĂ€hlen. Der 80-jĂ€hrige Amtsinhaber Luiz InĂĄcio Lula da Silva von der Arbeiterpartei PT tritt gegen Senator FlĂĄvio Bolsonaro von der rechten PL an, den Ă€ltesten Sohn von Ex-PrĂ€sident Jair Bolsonaro. Die Umfragen sehen ein Kopf-an-Kopf-Rennen, und fĂŒr Berlin und BrĂŒssel geht es dabei um sehr viel Geld.
Die Umfragen: zu knapp fĂŒr jede Prognose
Das Institut Datafolha sieht Lula im ersten Wahlgang bei 40 Prozent und Bolsonaro bei 36 Prozent. Dahinter folgen Augusto Cury mit 5, Ronaldo Caiado mit 4, Renan Santos mit 3 und Romeu Zema mit 1 Prozent. Kommt niemand ĂŒber die HĂ€lfte der gĂŒltigen Stimmen, gibt es am 25. Oktober eine Stichwahl.
Und die wird eng. In einem simulierten zweiten Wahlgang liegt Lula bei Datafolha mit 47 zu 45 Prozent vorn, also innerhalb der Fehlermarge. AtlasIntel/Bloomberg misst sogar praktisch Gleichstand.
Deshalb versucht das Bolsonaro-Lager in letzter Minute, die Rechte hinter einem Kandidaten zu sammeln. SĂŁo Paulos Gouverneur TarcĂsio de Freitas wirbt öffentlich fĂŒr den âvoto Ăștilâ, die ânĂŒtzliche Stimmeâ. WĂ€hler kleinerer rechter Bewerber sollen also taktisch zu Bolsonaro wechseln. Romeu Zema will Medienberichten zufolge aber trotz Druck im Rennen bleiben.
Kein TV-Duell der beiden Favoriten
Dazu kommt ein Novum: Wie berichtet wird, gibt es zum ersten Mal seit 20 Jahren keine Fernsehdebatte zwischen den beiden Spitzenkandidaten. Beide sagten ab, und eine Justizentscheidung brachte den Sender Globo dazu, die letzte geplante Debatte zu streichen. Viele WĂ€hler mĂŒssen sich also ohne direkten Vergleich entscheiden.
Mercosur, Rohstoffe, Brics: Darum geht es fĂŒr Deutschland
FĂŒr Europa ist das mehr als eine ferne Wahl. Seit dem 1. Mai 2026 gilt der Handelsteil des EU-Mercosur-Abkommens vorlĂ€ufig. Zölle auf wichtige EU-Exporte wie Autos, Arzneimittel und Wein sind seitdem weggefallen oder deutlich gesunken. Davon profitiert besonders die deutsche Industrie, die unter hohen Energiepreisen und BĂŒrokratie leidet.
Der Berliner Lateinamerika-Experte Janek Bruno Werner hĂ€lt die Wahl deshalb fĂŒr wichtig:
âBrasilien liegt zwar zwölf Flugstunden von Deutschland entfernt, wie sich die politischen VerhĂ€ltnisse dort entwickeln, hat aber konkrete Auswirkungen auf Deutschland.â
Neben dem Agrarhandel geht es vor allem um kritische Mineralien, ohne die keine Batterie- oder Chipindustrie auskommt. Und Brasilien legt sich politisch nicht fest. Das Land ist GrĂŒndungsmitglied der Brics-Gruppe, zu der heute elf Staaten gehören. Werner erinnert daran, dass Lula am 9. Mai 2025 gemeinsam mit Xi Jinping bei Putins Siegesparade in Moskau zu Gast war.
Bolsonaro will nĂ€her an Trump rĂŒcken
FlĂĄvio Bolsonaro kĂŒndigt eine âprofessionelle und pragmatischeâ Diplomatie an. Er will engere Beziehungen zu den USA, Argentinien und Israel. In Interviews stellte er die Brics-Mitgliedschaft infrage, kritisierte die AbhĂ€ngigkeit von China und warb auch bei Rohstoffen fĂŒr eine Partnerschaft mit Washington. Dabei ist China weiterhin Brasiliens gröĂter Handelspartner.
Werner hĂ€lt eine Stichwahl fĂŒr sicher. Gewinne Bolsonaro, werde sich Brasilien nach seiner EinschĂ€tzung deutlich an die Trump-Regierung annĂ€hern. BrĂŒssel könnte dann bei Rohstoffen Konkurrenz von einem Partner bekommen, der VertrĂ€ge schneller abschlieĂt.
Ein Land, das in zwei Lager zerfÀllt
Laut Werner zeigt das knappe Rennen, wie gespalten das Land ist. Im Ă€rmeren Nordosten liegt Lula klar vorn. Bolsonaro ist im wohlhabenderen SĂŒden und im Mittleren Westen stĂ€rker, und Minas Gerais gilt als umkĂ€mpft.
Laut Werner entscheidet vor allem die innere Sicherheit die Wahl. Die Lage habe sich zuletzt zwar verbessert, viele BĂŒrger empfĂ€nden das aber anders. Bolsonaro will hĂ€rtere Strafen, HochsicherheitsgefĂ€ngnisse und eine militĂ€risch ausgerichtete Polizei. Lula setzt dagegen auf Geheimdienstarbeit, Justizreformen und PrĂ€vention.
Gute Wirtschaftsdaten, schlechte Stimmung
Die Arbeitslosigkeit lag zuletzt bei 5,3 Prozent, die Inflation im August bei 4,22 Prozent. Trotzdem bewerten laut Datafolha 40 Prozent der Befragten die Regierung als schlecht oder sehr schlecht. Lula wirbt mit Sozialprogrammen und Staatsinvestitionen. Bolsonaro verspricht AusgabenkĂŒrzungen, Steuersenkungen, weniger BĂŒrokratie und Privatisierungen.
Beide Kandidaten belasten KorruptionsvorwĂŒrfe. Lulas frĂŒhere Verurteilungen aus den Lava-Jato-Verfahren wurden aufgehoben. Gegen FlĂĄvio Bolsonaro gibt es Berichten zufolge eine AffĂ€re um Kontakte zum Bankier Daniel Vorcaro und um die Finanzierung eines Films ĂŒber seinen Vater.
Klar ist nur: Ganz gleich, wer gewinnt, Europa kann sich nicht darauf verlassen, dass Brasilien automatisch an seiner Seite steht. Der Ausgang der Wahl entscheidet mit darĂŒber, wie viel von BrĂŒssels Mercosur-Abkommen tatsĂ€chlich bei den Unternehmen ankommt.

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