
Brandenburger Machtpoker: Wurden BSW-Abgeordnete mit Geld zum Fraktionswechsel gelockt?
Was sich derzeit im Brandenburger Landtag abspielt, liest sich wie das Drehbuch eines politischen Thrillers â nur dass es leider die RealitĂ€t sein könnte. Interne Chatprotokolle, die der Berliner Zeitung und der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung anonym zugespielt wurden, deuten auf einen Vorgang hin, der das Vertrauen in die parlamentarische Demokratie in Brandenburg nachhaltig erschĂŒttern könnte: Ein BSW-Abgeordneter soll ein konkretes Geldangebot erhalten haben, um zur CDU-Fraktion ĂŒberzulaufen.
Brisante ChatverlÀufe aus der zerbrochenen BSW-Fraktion
Die Dokumente, datiert auf den 30. August sowie Ende Oktober 2025, sollen aus internen Gruppenchats der damaligen BSW-Fraktion stammen. Beteiligt gewesen seien demnach mehrere Abgeordnete, darunter der heutige Infrastrukturminister Robert Crumbach â inzwischen wieder SPD-Mitglied â, die mittlerweile fraktionslosen Abgeordneten Reinhard Simon und AndrĂ© von Ossowski sowie die Abgeordnete Melanie Matzies und der aktuelle BSW-Fraktionsvorsitzende Niels-Olaf LĂŒders.
Der explosivste Eintrag stammt offenbar vom August 2025. Darin soll Simon geschrieben haben, er habe âzu Beginn der Legislaturperiode ein Angebot durch einen Mittelsmann in die CDU zu wechseln fĂŒr eine betrĂ€chtliche Summe" erhalten. Es sei ein âtelephonischer Vorschlag" gewesen. Von Ossowski habe darauf mit beiĂender Ironie reagiert: âIch fordere das Doppelte" â garniert mit Smiley und Banknoten-Emojis. Man könnte fast lachen, wĂ€re der Vorgang nicht so erschreckend.
Crumbachs fragwĂŒrdige Doppelrolle
Besonders pikant ist die Rolle Robert Crumbachs in diesem Geflecht. Der Mann, der 41 Jahre lang SPD-Mitglied war, bevor er 2024 zum BSW wechselte, soll in den Chats Berichte ĂŒber Abwerbeversuche konsequent heruntergespielt haben. Im August habe er solche ĂuĂerungen als Mittel zur âUnruhestiftung" abgetan. Im Oktober soll er entsprechende Szenarien als ebenso abwegig eingestuft haben wie eine Koalition mit der AfD. Wörtlich habe er geschrieben: âGanz ehrlich finde ich diese Art der Auseinandersetzung zum Kotzen."
Starke Worte. Nur wenige Wochen spĂ€ter tat Crumbach dann genau das, was er zuvor offenbar als absurd abgekanzelt hatte: Er verlieĂ das BSW, schloss sich der SPD-Fraktion an und behielt seinen Ministerposten. Sein Wechsel war der entscheidende Baustein, damit SPD und CDU eine knappe parlamentarische Mehrheit zusammenkratzen konnten â eine Mehrheit, die der WĂ€hler bei der Landtagswahl 2024 so nicht vorgesehen hatte.
Noch im Januar 2025 hatte Crumbach auf dem BSW-Bundesparteitag pathetisch verkĂŒndet: âGlaubwĂŒrdigkeit und Mut sind von unschĂ€tzbarem Wert." Man fragt sich unwillkĂŒrlich, welchen Wert er seiner eigenen GlaubwĂŒrdigkeit beimisst.
Zwei mögliche Lesarten â keine davon schmeichelhaft
Die Chronologie der Ereignisse lĂ€sst im Grunde nur zwei Interpretationen zu, und beide werfen kein gutes Licht auf den heutigen Infrastrukturminister. Entweder Crumbach hat seine politische Ăberzeugung innerhalb weniger Wochen um 180 Grad gedreht â was bei einem erfahrenen Berufspolitiker zumindest ungewöhnlich wĂ€re. Oder er hat in den internen Chats bewusst eine Position vertreten, die nicht seiner tatsĂ€chlichen Absicht entsprach. Beschwichtigung als Taktik, Vertrauensbekundungen als Nebelkerzen. Beides wĂ€re fĂŒr einen demokratisch gewĂ€hlten Volksvertreter unwĂŒrdig.
MaĂgeschneiderte Gesetze fĂŒr eine nicht gewĂ€hlte Mehrheit
Der Fall Crumbach steht dabei nicht isoliert. Mehrere Abgeordnete verlieĂen im Herbst 2025 die BSW-Fraktion. Die BSW-Landesvorsitzende Friederike Benda sprach von organisierten Austritten. Und was dann geschah, lĂ€sst selbst hartgesottene Beobachter der Brandenburger Landespolitik staunen: Das Fraktionsgesetz wurde in einer Sondersitzung passgenau geĂ€ndert, um der neuen Gruppe âWir fĂŒr Brandenburg" â bestehend aus den BSW-AbtrĂŒnnigen â eine parlamentarische Grundlage zu verschaffen. AusschĂŒsse wurden eigens aufgestockt. Die Abgeordnete Matzies meldete gemeinsam mit SPD und CDU Tagesordnungspunkte an, noch bevor ihre Gruppe ĂŒberhaupt formell gegrĂŒndet war.
Wer hier keinen Zusammenhang erkennt, der glaubt vermutlich auch noch daran, dass die Ampel-Koalition an sachlichen Differenzen zerbrochen ist. Der parlamentarische GeschĂ€ftsfĂŒhrer des BSW, Falk Peschel, brachte es auf den Punkt: SPD und CDU verfuhren nach dem Motto âWas nicht passt, wird passend gemacht", um Abgeordnete zu belohnen, die bereit gewesen seien, das âReserverad einer vom BĂŒrger nicht gewĂ€hlten Regierung" zu spielen.
Mauer des Schweigens bei den Beteiligten
Die Reaktionen der Betroffenen auf die Presseanfragen sprechen BĂ€nde â vor allem durch das, was sie nicht sagen. Simon, dem die Schilderung des Geldangebots zugeschrieben wird, reagierte zunĂ€chst mit gespielter Ahnungslosigkeit: âIhre Mail ist mir völlig unverstĂ€ndlich." Auf eine detaillierte Nachfrage antwortete er gar nicht mehr. Von Ossowski erklĂ€rte lapidar, er könne âdamit inhaltlich leider gar nichts anfangen". Die CDU-Fraktion wies alles âentschieden" zurĂŒck. Die BSW-Fraktion wollte âvermeintliche Leaks" nicht kommentieren.
Am aufschlussreichsten war wohl das Verhalten des stellvertretenden Regierungssprechers Michael Schlick. Er bat zunĂ€chst um einen RĂŒckruf, verweigerte dann jede Stellungnahme und reagierte auf die Verschriftlichung seiner telefonischen Aussagen mit den knappen Worten: âGebe ich nicht frei!" und âSchlechtes deutsch!" â ein bemerkenswerter Umgang mit der Presse fĂŒr einen Regierungssprecher, der eigentlich der Ăffentlichkeit Rede und Antwort stehen sollte.
Ein demokratiepolitischer Skandal ersten Ranges
NatĂŒrlich sind die Chatprotokolle kein juristischer Beweis. Sie belegen nicht zweifelsfrei, dass die CDU tatsĂ€chlich Geld fĂŒr Fraktionswechsel angeboten hat. Und sie beweisen nicht, dass Crumbach von Anfang an ein doppeltes Spiel spielte. Doch die Indizien verdichten sich zu einem Bild, das in seiner Gesamtheit schwer als bloĂer Zufall abzutun ist.
Am Ende steht in Brandenburg eine Regierung, die ihre Existenz nicht dem WĂ€hlerwillen verdankt, sondern dem Wechsel einzelner Abgeordneter unter UmstĂ€nden, die bis heute nicht aufgeklĂ€rt sind. Sollte sich herausstellen, dass tatsĂ€chlich finanzielle Anreize fĂŒr Fraktionswechsel geboten wurden, wĂ€re dies nichts weniger als ein Angriff auf die Grundfesten der parlamentarischen Demokratie. Denn wenn Mandate kĂ€uflich werden, dann ist der WĂ€hlerwille nur noch eine FuĂnote in den GeschĂ€ftsbĂŒchern der Macht.
Dieser Vorgang reiht sich ein in eine besorgniserregende Entwicklung, die viele BĂŒrger in Deutschland zunehmend an der IntegritĂ€t ihrer gewĂ€hlten Vertreter zweifeln lĂ€sst. Wenn Politiker ihre Ăberzeugungen wie Hemden wechseln und parlamentarische Mehrheiten am WĂ€hler vorbei zusammengebastelt werden, dann darf man sich nicht wundern, wenn das Vertrauen in die Demokratie erodiert. Brandenburg könnte zum LehrstĂŒck dafĂŒr werden, wie politische Hinterzimmer-Deals den Volkswillen aushebeln â und warum es höchste Zeit ist, dass die BĂŒrger genauer hinschauen, was ihre Volksvertreter treiben.

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