
Verweigerer-Welle: Warum Pistorius die jungen Männer davonlaufen

12.102 Anträge auf Kriegsdienstverweigerung sind bis Ende August 2026 beim zuständigen Bundesamt in Köln eingegangen. Das sind schon jetzt mehr als dreimal so viele wie im ganzen Jahr 2025. Seit das neue Wehrdienstgesetz gilt, wollen immer mehr junge Deutsche schriftlich festhalten lassen, dass sie nicht zur Waffe greifen werden. Dabei ist die Wehrpflicht offiziell noch gar nicht zurück.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache
Nach Angaben des Bundesamts für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA) gingen dort 2024 noch 2.249 Anträge ein. 2025 waren es 3.879. Und jetzt, nach nur acht Monaten, sind es 12.102. Ein Ende ist nicht in Sicht.
Die tatsächliche Zahl dürfte sogar noch höher liegen. Anträge landen zuerst beim Personalamt der Bundeswehr und kommen erst mit Verzögerung beim BAFzA an. Die Behörde erklärt den Anstieg mit der Weltlage und dem öffentlichen Interesse an den Fragebögen, die die Bundeswehr im Rahmen des Wehrdienstmodernisierungsgesetzes verschickt. Einen Trend nach oben beobachte man schon seit 2022, also seit dem russischen Überfall auf die Ukraine.
„Kriegstüchtig“ – aber mit wem?
Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) fordert seit 2023, Deutschland müsse bis 2029 „kriegstüchtig“ sein. Ein starkes Wort. Doch sein Plan stützt sich vor allem auf Freiwillige: Rund 80.000 zusätzliche Soldaten sollen her. Gelingt das nicht, könnte der Bundestag eine sogenannte Bedarfswehrpflicht aktivieren und junge Männer tatsächlich einberufen.
Dass die Freiwilligkeit an Grenzen stößt, zeigt sich bereits in der Truppe. Die Litauen-Brigade an der NATO-Ostflanke ist erst zu 80 Prozent besetzt, und zwar laut Ministerium ausschließlich mit Freiwilligen. Mitte September kündigte das Haus von Pistorius dann einen Kurswechsel an:
„In wenigen Bereichen werden ab sofort auch ergänzend verpflichtende Maßnahmen zum Einsatz kommen.“
Im Klartext heißt das: Wenn sich nicht genug Soldaten freiwillig melden, wird zwangsversetzt. Beobachter sehen darin einen Vorgeschmack auf das, was auch Zivilisten drohen könnte. Aus Sicht vieler Bürger rächt sich, dass die Politik die Bundeswehr jahrzehntelang kaputtgespart hat und nun hektisch nachrüstet, ohne der jungen Generation überzeugend zu erklären, wofür sie einstehen soll.
So läuft das Verfahren
Das Recht, den Dienst an der Waffe aus Gewissensgründen zu verweigern, steht in Artikel 4 Absatz 3 des Grundgesetzes. Es gilt auch, solange die Wehrpflicht ausgesetzt ist. Der Weg dorthin ist allerdings typisch deutsche Bürokratie:
- Der Antrag geht schriftlich an das Bundesamt für das Personalmanagement der Bundeswehr in Köln.
- Es folgen eine Eingangsbestätigung und die Vorladung zur Musterung.
- Wer tauglich ist, dessen Antrag wird an das BAFzA weitergereicht, das über die Anerkennung entscheidet.
- Wer vor dem 1. Januar 2010 geboren ist und nicht gedient hat, wird ohne Musterung direkt an das BAFzA verwiesen.
Verlangt werden ein unterschriebenes Begleitschreiben, ein lückenloser Lebenslauf und eine ausführliche, persönliche Begründung der Gewissensentscheidung. Ab Juli 2027 sollen alle jungen Männer verpflichtend gemustert werden. Frauen nur, wenn sie sich freiwillig melden.
Ablehnungen nehmen zu
Nicht jeder kommt durch. Bis Ende August lehnte das BAFzA 428 Anträge ab, 2025 waren es 1.048, 2024 nur 280. Abgelehnt wird etwa, wer die Musterung verweigert, unvollständige Unterlagen nicht nachreicht oder seine Gründe auch in einer Anhörung nicht glaubhaft machen kann. Eine Statistik über die konkreten Gründe führt das Amt nach eigenen Angaben nicht.
Eine Behörde am Limit?
Wie bewältigt das Amt diese Flut? Man passe „bestehende Strukturen sukzessive“ an, heißt es. Gesetzlich soll über Anträge ohne vorherige Musterung innerhalb von neun Monaten entschieden werden. Das neue Gesetz erlaubt allerdings längere Fristen für Antragsteller, die vor 2010 geboren sind. Das klingt eher nach Verwaltung im Notbetrieb als nach Zeitenwende.
Ehrlich betrachtet ist die Verweigerer-Welle ein Misstrauensvotum. Ein Staat, der von seinen Bürgern Opferbereitschaft verlangt, muss ihnen zuerst Vertrauen geben. Genau daran scheint es in Berlin zu fehlen.
Hinweis: Dieser Beitrag stellt keine Rechtsberatung dar. Er gibt die Meinung unserer Redaktion und die uns vorliegenden Informationen wieder. Wer verweigern möchte, sollte sich bei den zuständigen Stellen oder bei einem Rechtsanwalt informieren.
- Themen:
- #SPD

Als PDF in wenigen Sekunden per E-Mail.
- Kettner Edelmetalle News
- Finanzen
- Wirtschaft
- Politik











