
Schulen brennen in Frankreich â und die Politik will das Internet kappen!

Frankreich erlebt die heftigsten SchĂŒlerproteste seit Jahren. In Salon-de-Provence haben Brandstifter ein Gymnasium angezĂŒndet, und der BĂŒrgermeister der Stadt hat einen Schuldigen schnell ausgemacht: die sozialen Medien. Er schlĂ€gt nun vor, MinderjĂ€hrigen in Krisenzeiten den Zugang zu den Plattformen zu sperren. Es ist ein alter Reflex in neuer Verpackung.
Vom Klassenzimmer auf die Barrikade
Angefangen hat alles Mitte September im GroĂraum Paris. Medienberichten zufolge gingen die SchĂŒler zunĂ€chst gegen Lehrermangel, ĂŒberfĂŒllte Klassen und marode SchulgebĂ€ude auf die StraĂe. Von dort griffen die Proteste auf das ganze Land ĂŒber. Vierzig SchĂŒler in einem Raum, kaputte Toiletten, zu wenig Lehrer: Das ist die Bilanz eines Staates, der zu den LĂ€ndern mit den höchsten Steuern Europas gehört.
Dann kippte die Stimmung. Nach Angaben der Polizei zĂ€hlte man Anfang Oktober rund 900 Demonstrationen und Blockaden vor Schulen. Das Innenministerium meldete fast 3.000 festgenommene Gymnasiasten und ĂŒber 300 verletzte Polizisten. Premierminister SĂ©bastien Lecornu berief ein Krisenkabinett ein. Justizminister GĂ©rald Darmanin erklĂ€rte, aus SchĂŒlerdemonstrationen sei eine Störung der öffentlichen Ordnung geworden.
Wer hinter der Eskalation steckt, ist umstritten. Wie die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf Regierungskreise berichtet, sehen die Geheimdienste die linke Partei La France Insoumise als treibende Kraft. Die Partei weist das zurĂŒck.
Der BĂŒrgermeister und sein SĂŒndenbock
In Salon-de-Provence gab das Stadtoberhaupt an, âeine oder mehrere Personenâ hĂ€tten das Gymnasium in Brand gesetzt. Kurz darauf sprach er gegenĂŒber dem Sender LCI von einem Effekt der sozialen Medien, der âunbestreitbarâ sei. In Phasen der Radikalisierung brauche es einen Mechanismus, mit dem man MinderjĂ€hrigen fĂŒr eine begrenzte Zeit den Zugang zu sozialen Netzwerken sperren könne.
Die Umsetzung sei zwar schwierig, rĂ€umte er ein. Trotzdem glaube er, dass die Schule nicht gebrannt hĂ€tte, wenn das Netz gesperrt gewesen wĂ€re. Der Zeitung Le Figaro sagte er auĂerdem, dass ein Flugblatt im Umlauf gewesen sei, das zur Tötung einer Lehrerin vor Ort aufgerufen habe. FlugblĂ€tter und Videos auf diesen KanĂ€len wĂŒrden junge Menschen zur Gewalt treiben.
Der Mordaufruf ist ungeheuerlich und gehört strafrechtlich verfolgt, keine Frage. Aber wird ein Brandstifter wirklich friedlich, wenn TikTok fĂŒr ein paar Tage abgeschaltet ist?
Macron hatte die Idee schon einmal
Neu ist der Vorschlag nicht. Schon nach den Unruhen um den Tod des 17-jĂ€hrigen Nahel Merzouk im Jahr 2023 wollte PrĂ€sident Emmanuel Macron soziale Medien einschrĂ€nken. Damals widersprach ihm ausgerechnet Sozialistenchef Olivier Faure. Frankreich könne sich nicht âmit den groĂen Demokratien China, Russland und Iran gemein machenâ, spottete er.
Im Mai 2024 machte Paris dann Ernst. WĂ€hrend der Unruhen in Neukaledonien lieĂ die Regierung TikTok sperren. Am 1. April 2025 erklĂ€rte der Conseil dâĂtat, das oberste Verwaltungsgericht Frankreichs, diese Sperre fĂŒr rechtswidrig. Eine solche Abschaltung sei nur zulĂ€ssig, wenn sie âunerlĂ€sslich ist, um Ereignisse von besonderer Schwere zu bewĂ€ltigenâ und es kein technisches Mittel fĂŒr mildere Alternativen gebe.
Juristen warnen vor dem Kahlschlag
Der Anwalt Jonathan Elkaim sagte dem Sender BFM, die ganze Schwierigkeit liege im Begriff der âbegrenzten Dauerâ. Die meisten SchĂŒler wĂŒrden ĂŒber soziale Medien gar nicht zur Zerstörung aufrufen.
âWenn man allen einen Kommunikationsdienst entzieht, nur wegen einer winzigen Minderheit, die allein das Chaos will â ist das wirklich verhĂ€ltnismĂ€Ăig?â
Elkaim sieht die Meinungsfreiheit berĂŒhrt und erwartet, dass eine Sperre sofort vor Gericht angefochten wĂŒrde, so wie im Fall Neukaledonien.
Symptome bekÀmpfen statt Ursachen
Das Muster kennt man auch in BrĂŒssel und Berlin. Wenn der Staat seine Grundaufgaben nicht mehr erfĂŒllt, sucht er die Lösung in der Kontrolle der Kommunikation. Auch in der EU und in Deutschland wird lĂ€ngst ĂŒber Altersgrenzen und strengere Regeln fĂŒr Plattformen gestritten.
Ein Abschaltknopf fĂŒr das Internet repariert aber kein einziges Schuldach, stellt keinen Lehrer ein und bringt keinen Brandstifter vor Gericht. Er trifft vor allem die vielen BĂŒrger, die sich an Recht und Gesetz halten. Frankreich zeigt gerade, wie schnell der Ruf nach Zensur lauter wird, wenn Politik versagt hat.
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