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KI-generiert

KI-Panik an Schulen: Baut Europa wieder einen Index verbotener Bücher?

KI-Panik an Schulen: Baut Europa wieder einen Index verbotener Bücher?
Symbolbild: KI-generiert

Lehrer jagen Hausaufgaben durch fragwürdige KI-Detektoren. Redaktionen sortieren Texte aus, bevor sie sie gelesen haben, und führen Listen über „ertappte“ Autoren. In einem Gastbeitrag in der Berliner Zeitung werfen zwei Professoren und aktive Forscher Europas Schulen, Hochschulen und Medien vor, auf Künstliche Intelligenz mit dem Reflex der Inquisition zu reagieren. Das ist eine unbequeme These, aber sie ist historisch erstaunlich gut begründet.

Misstrauen als neuer Normalzustand

Die Autoren sehen KI für ihre eigene Arbeit vor allem als Gewinn. Sie arbeiteten damit produktiver und kämen schneller an neue Erkenntnisse. Gleichzeitig beschreiben sie ein Klima des Verdachts, das ihnen im Klassenzimmer genauso begegnet wie bei Fachzeitschriften und auf Meinungsseiten.

Dahinter steht eine berechtigte Frage: Ist eine Arbeit weniger echt, wenn eine Maschine mitgeholfen hat? Die bisherige Antwort vieler Einrichtungen lautet: Verbieten, aussortieren, an den Pranger stellen. Die Autoren halten das für gefährlich kurzsichtig.

Was die Studien wirklich zeigen

Zuerst sieht das nach einem klaren Fall aus. Eine MIT-Studie habe gemessen, dass die unstrukturierte Nutzung von KI beim Schreiben von Aufsätzen die geistige Beteiligung senkt. Eine Untersuchung von 2026 mit 27.000 chinesischen Sekundarschülern ergab laut dem Beitrag Folgendes: Bei KI-Nutzern stiegen die Hausaufgabenleistungen um 18 Prozent, in Prüfungen schnitten sie aber um 20 Prozent schlechter ab. Dazu kommen die Ergebnisse von Pisa 2025. Nach Angaben der Autoren zeigen sie den stärksten Rückgang bei Lesen und Mathematik, den die OECD je gemessen hat.

Das Problem ist die Abkürzung, nicht das Werkzeug

Wer genauer hinschaut, sieht aber mehr. In der chinesischen Studie brachen die Prüfungsleistungen fast nur bei Schülern ein, die mit KI schneller fertig werden wollten. Wer genauso viel Zeit investierte, verlor kaum etwas. Eine randomisierte Studie aus Toronto und von der Wharton School mit 6.000 Mittelstufenschülern kam zu einem ähnlichen Ergebnis: KI-Nachhilfe half nur dann, wenn die Schüler ihre Fehler selbst analysieren mussten.

Die Schlussfolgerung ist für jeden Lehrer alter Schule nichts Neues. Ohne eigene Mühe gibt es keinen Lernerfolg. Das galt beim Rechenschieber und es gilt beim Chatbot.

Verdacht ersetzt Lektüre

Laut dem Beitrag geriet kürzlich eine Mathematikprofessorin der UC Berkeley unter Beschuss. Sie hatte über die immer schwächeren Vorkenntnisse ihrer Studenten geschrieben, und Kritiker vermuteten KI hinter ihrem Text. Ihre eigentliche Botschaft ging darüber unter. Im August 2025 traf es den Investor Stanley Druckenmiller: Sein Gastbeitrag im Wall Street Journal soll angeblich mit KI entstanden sein. Der Chef der Meinungsseite verteidigte die Veröffentlichung mit Druckenmillers Ruf und Glaubwürdigkeit.

Einen ganz eigenen Beigeschmack hat ein weiteres Beispiel. Den Autoren zufolge versieht Anthropic die Texte seines Modells Claude inzwischen mit einem Wasserzeichen, um die EU-KI-Verordnung zu erfüllen. Ein solches Wasserzeichen zeigt allerdings nur, dass eine Maschine beteiligt war. Wessen Idee der Text war, verrät es nicht. Kritiker der Brüsseler Regulierungswut dürften darin ein bekanntes Muster sehen: viel Bürokratie und wenig Erkenntnis.

Galilei wurde verurteilt, gedruckt wurde er in Leiden

Den historischen Vergleich ziehen die Autoren ganz bewusst. Mit dem Buchdruck entstanden mehr Bücher, als irgendeine Behörde prüfen konnte. Spanien antwortete 1551 mit einem eigenen Index verbotener Bücher. 1559 verbot Philipp II. kastilischen Studenten den Besuch der meisten ausländischen Universitäten. Rom verurteilte Galilei 1633, doch die Wissenschaft wanderte einfach nach Norden. Sein letztes Buch erschien fünf Jahre später im niederländischen Leiden.

Profitiert haben die Gesellschaften, die überprüft und nicht verboten haben. Ein Beispiel ist die Royal Society, gegründet 1660 unter dem Motto „Nullius in verba“, also „Glaube niemandem aufs Wort“. 1665 folgte ihre Zeitschrift „Philosophical Transactions“, die bis heute als Vorbild für wissenschaftliche Fachzeitschriften gilt.

Lehrpläne statt Verbotslisten

Die Autoren fordern deshalb, künftig das Denken und die Argumentation hinter einem Text zu bewerten statt nur das fertige Ergebnis. Die Branche bewege sich bereits in diese Richtung, schreiben sie. Die im vergangenen Monat veröffentlichte Jugendversion von ChatGPT nutze standardmäßig einen „Lernmodus“. Er halte direkte Antworten zurück und verlange, dass die Schüler selbst nachdenken.

Gerade Deutschland lebt von Erfindergeist und Leistungsbereitschaft. Für ein solches Land ist das eine Warnung. Wer neue Technik reflexhaft verbietet, statt den Umgang damit klug zu regeln, schützt keine Bildung. Er schickt die Talente ins Ausland, so wie damals die Bücher nach Leiden.

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