
Inflation steigt, Gold fällt: Ex-Broker wittert ein falsches Spiel

Die Inflation in den USA ist im September auf 3,7 Prozent gestiegen, wie die US-Statistikbehörde am Mittwoch meldete. Gold verlor trotzdem zeitweise bis zu 82 Dollar je Unze. Der frühere Londoner Anleihebroker Mario Innecco hält das für keinen Zufall. Aus seiner Sicht versuchten große Bullion-Banken bis heute, den Goldpreis „unter Kontrolle“ zu halten.
Ein Ausverkauf mit Ansage?
Die Zahlen des Tages: Der Spotpreis fiel bis auf ein Tief von 4.078,80 Dollar. Silber gab zeitweise mehr als fĂĽnf Prozent nach und notierte am Vormittag (OstkĂĽstenzeit) bei rund 56 Dollar. Treiber der Teuerung war vor allem Benzin, das sich binnen eines Monats um 9,1 Prozent verteuerte.
Profis an der Börse deuten heiße Inflationsdaten anders als der Normalbürger, erklärt Innecco. Sie rechnen mit weiteren Zinserhöhungen der Fed. Dann werden Staatsanleihen und Bankeinlagen im Vergleich zu Gold attraktiver, denn das Edelmetall wirft keine Zinsen ab. Laut CME FedWatch stieg die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung am 28. Oktober innerhalb eines Tages auf etwa 50 Prozent.
Innecco, der rund zwei Jahrzehnte lang in London mit Futures auf Staatsanleihen handelte, stieß nach eigener Aussage schon 2002 auf ein Muster. Gegen 13:30 Uhr Londoner Zeit, also zur Eröffnung der New Yorker COMEX, seien Gold und Silber immer wieder verkauft worden. Am Anleihemarkt habe er so etwas nie beobachtet.
Vorwurf der Manipulation: Nicht ganz aus der Luft gegriffen
Händler würden den Preis für „Papiergold“ hin- und herschieben, meint Innecco. Silber treffe es besonders, weil der Markt kleiner sei. Ob diese Deutung zutrifft, lässt sich nicht belegen. Einen Präzedenzfall gibt es aber: JPMorgan Chase zahlte im September 2020 mehr als 920 Millionen Dollar, um US-Ermittlungen wegen „Spoofing“ bei Edelmetall- und Anleihe-Futures beizulegen. Für die Aufsichtsbehörde CFTC war das damals eine Rekordstrafe.
Physisches Metall verkaufe derzeit kaum jemand, sagt Innecco. Für ihn sind Rücksetzer wie dieser eher eine Gelegenheit, Bestände weiter aufzustocken.
Das Ende einer 40-jährigen Ära
Die eigentliche Geschichte spielt sich nach Inneccos Einschätzung am Anleihemarkt ab. Von 1981 bis 2021 fielen die Zinsen fast ununterbrochen. Staaten und Häuslebauer konnten sich immer wieder günstiger refinanzieren. Inzwischen erreichte die Rendite zehnjähriger US-Anleihen am 7. Oktober 5,36 Prozent, so viel wie seit 2002 nicht mehr. Innecco hält eine kurze Gegenbewegung auf rund 4,5 Prozent für möglich. Danach könnte die Rendite seiner Ansicht nach in Richtung 6 Prozent steigen.
In den 1970er-Jahren hätten Anleihen den Spitznamen „Enteignungszertifikate“ getragen, erinnert er. Washington habe gegen eine solche Entwertung nichts einzuwenden, weil sie die Schulden schrumpfen lasse.
Ein „Volcker“ ist nicht mehr möglich
Die Fed hat den Leitzins am 16. September auf 3,75 bis 4 Prozent angehoben, zum ersten Mal unter ihrem Chef Kevin Warsh. Ein Kurs à la Paul Volcker, der die Zinsen 1981 in Richtung 20 Prozent trieb, sei heute ausgeschlossen, glaubt Innecco. Damals betrug die Staatsverschuldung etwa ein Drittel der Wirtschaftsleistung. Heute liegt sie bei über 40 Billionen Dollar und damit höher als das gesamte Bruttoinlandsprodukt. Wer an das 500-Milliarden-Sondervermögen der Bundesregierung denkt, ahnt, dass die USA mit dieser Entwicklung nicht allein sind.
Die Rentner zahlen laut Innecco als Erste drauf. Ihre Bezüge steigen 2027 um 3,6 Prozent, während die Geldmenge M2 nach seiner Schätzung jährlich um rund 6,7 Prozent wächst. Sein Urteil ist knapp:
„Inflation is a tax, and it is an unfair tax.“
1933 als Warnung
Die US-Regierung führt ihre 261,5 Millionen Unzen Gold noch immer zum gesetzlichen Preis von 42,22 Dollar in den Büchern, also mit rund 11 Milliarden Dollar. Zum Marktpreis wären sie mehr als eine Billion wert. Würde der Kongress eine Neubewertung beschließen, könnte das Finanzministerium nach Inneccos Rechnung rund eine Billion Dollar einnehmen. Das wäre allerdings selbst inflationär.
Innecco erinnert an das Jahr 1933. Damals zwang Präsident Roosevelt die Amerikaner, ihr Gold für 20,67 Dollar je Unze abzugeben, und setzte den Preis danach auf 35 Dollar herauf. Viele seien damals „reingelegt“ worden, sagt Innecco. Und solche Änderungen könnten schnell kommen, über ein einziges Wochenende.
Physisches Gold und Silber kann deshalb als Teil eines breit gestreuten Vermögens ein Stück Unabhängigkeit vom Geldsystem bieten.
Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschlieĂźlich der Information und stellt keine Anlageberatung dar. Jeder Anleger sollte selbst recherchieren und ist fĂĽr seine Anlageentscheidungen selbst verantwortlich.
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