
Deutschlands marode Schienen: Hamburger Bahn wird erst im Juni wieder befahrbar
Was als ambitioniertes Sanierungsprojekt begann, entpuppt sich einmal mehr als Paradebeispiel fĂŒr das Versagen deutscher Infrastrukturpolitik. Die Generalsanierung der Bahnstrecke BerlinâHamburg â jenes âHochleistungskorridors", der eigentlich das RĂŒckgrat des norddeutschen Fernverkehrs bilden sollte â verzögert sich abermals. Statt wie ursprĂŒnglich geplant Ende April 2026 sollen die ZĂŒge nun erst ab dem 14. Juni 2026 wieder auf der gesamten Strecke rollen. Schnee und Eis, so die offizielle BegrĂŒndung. Man reibt sich die Augen.
Wenn der Winter die Deutsche Bahn ĂŒberrascht
Es mutet geradezu grotesk an: Ein Land, das einst fĂŒr seine Ingenieurskunst weltberĂŒhmt war, scheitert an einer Frostperiode. Bahnchefin Evelyn Palla erklĂ€rte den Regierungschefs der fĂŒnf betroffenen BundeslĂ€nder in einem Brief, die Region erlebe die lĂ€ngste Frostperiode seit mehr als 15 Jahren. Es sei âtechnisch schlicht nicht möglich", bei Schnee und Eis 740 Kilometer Kabel zu verlegen. Man fragt sich unwillkĂŒrlich: Haben die Planer bei der Deutschen Bahn noch nie einen Kalender gesehen? Dass es in Norddeutschland zwischen November und MĂ€rz kalt werden kann, dĂŒrfte selbst GrundschĂŒlern bekannt sein. Doch offenbar nicht den hochbezahlten Projektmanagern eines Bundesunternehmens, das Milliarden an Steuergeldern verschlingt.
Die rund 290 Kilometer lange Strecke wurde seit dem 1. August 2025 komplett gesperrt â eine beispiellose MaĂnahme, die Pendler, Wirtschaft und ganze Regionen in Geiselhaft nimmt. Nun also die nĂ€chste Hiobsbotschaft: sechs Wochen Verzögerung. Immerhin soll ein TeilstĂŒck zwischen Hagenow Land in Mecklenburg-Vorpommern und Hamburg bereits am 15. Mai wieder in Betrieb gehen. Ein schwacher Trost fĂŒr die Tausenden Pendler, die seit Monaten in unbequemen Ersatzbussen ausharren mĂŒssen.
Schienenersatzverkehr: Vertragsbruch und Gebrauchtbusse
Als wĂ€re die Verzögerung nicht schon Ă€rgerlich genug, offenbart sich auch beim Schienenersatzverkehr ein erschreckendes Bild. Das beauftragte Konsortium EcoVista sei âvertragsbrĂŒchig geworden", wie Wolfgang Weinhold, Programmleiter der Generalsanierung bei DB InfraGO, einrĂ€umte. Statt neuer, komfortabler Busse wĂŒrden nun gebrauchte Fahrzeuge eingesetzt, die den Anforderungen oft nicht entsprĂ€chen. Pendler, die vor der Sperrung 93 Minuten von Wittenberge nach Berlin brauchten, sind nun ĂŒber dreieinhalb Stunden unterwegs â in klapprigen Bussen, die man eher auf einem Schrottplatz als im öffentlichen Nahverkehr vermuten wĂŒrde.
Die Bahn sei âmit anderen Busbetreibern im GesprĂ€ch", heiĂt es lapidar. Man darf gespannt sein, ob diese GesprĂ€che vor oder nach der Wiedereröffnung der Strecke zu einem Ergebnis fĂŒhren.
Milliarden investiert â und die ZĂŒge werden langsamer
Besonders pikant ist ein Detail, das in der Berichterstattung fast untergeht: Nach der aufwendigen Generalsanierung werden die ICE-ZĂŒge zwischen Berlin und Hamburg nicht etwa schneller, sondern zwei Minuten langsamer unterwegs sein. Statt einer Stunde und 45 Minuten soll die schnellste Verbindung kĂŒnftig eine Stunde und 47 Minuten dauern. Die meisten Fahrten benötigen sogar mehr als zwei Stunden. Zum Vergleich: Als die Strecke 2004 nach einem ĂŒber 500 Millionen Euro teuren Ausbau fĂŒr Tempo 230 wiedereröffnet wurde, schafften die schnellsten ZĂŒge die Strecke in 93 Minuten.
Man investiert also abermals Milliarden in die Infrastruktur â und das Ergebnis ist eine langsamere Verbindung als vor ĂŒber zwanzig Jahren. Das ist keine Modernisierung, das ist RĂŒckschritt, verpackt in HochglanzprĂ€sentationen und Pressemitteilungen voller Superlative. 165 Kilometer neue Gleise, fast 250 Weichen, sechs neue Ăberleitstellen, 28 modernisierte Stationen â die Zahlen klingen beeindruckend. Doch was nĂŒtzt all das, wenn am Ende die ZĂŒge langsamer fahren?
Ein Lichtblick fĂŒr Regionalpendler
Immerhin gibt es fĂŒr Nutzer des Regionalexpress RE8 eine marginale Verbesserung. Die Fahrzeit von Wittenberge nach Berlin-Hauptbahnhof soll sich von 93 auf 89 Minuten verkĂŒrzen. Vier Minuten Zeitersparnis â nach monatelanger Vollsperrung und Milliarden an Investitionen. Ob die geplagten Pendler zwischen Elbe und Spree darĂŒber in Jubel ausbrechen werden, darf bezweifelt werden.
Symptom einer tiefgreifenden Infrastrukturkrise
Die Misere der Hamburger Bahn ist kein Einzelfall, sondern Symptom eines jahrzehntelangen Versagens in der deutschen Infrastrukturpolitik. WĂ€hrend andere LĂ€nder â China, Japan, selbst Spanien â ihre Hochgeschwindigkeitsnetze in atemberaubendem Tempo ausbauen, diskutiert Deutschland darĂŒber, ob man bei Frost Kabel verlegen kann. Die neue GroĂe Koalition unter Bundeskanzler Friedrich Merz hat zwar ein 500 Milliarden Euro schweres Sondervermögen fĂŒr Infrastruktur angekĂŒndigt. Doch solange die strukturellen Probleme bei Planung, Vergabe und Umsetzung nicht grundlegend angegangen werden, droht auch dieses Geld in einem Fass ohne Boden zu verschwinden.
Der deutsche BĂŒrger zahlt â ĂŒber Steuern, ĂŒber VerspĂ€tungen, ĂŒber verlorene Lebenszeit in Ersatzbussen. Und die Deutsche Bahn? Die verspricht, dass der neue Termin ânun aber wirklich klappen" mĂŒsse. Man hat diesen Satz in den vergangenen Jahren so oft gehört, dass er lĂ€ngst zur hohlen Phrase verkommen ist. Die Hamburger Bahn ist mehr als eine Bahnstrecke. Sie ist ein Sinnbild dafĂŒr, wie weit sich Deutschland von seinem einstigen Anspruch entfernt hat, ein Land der Ingenieure und der PĂŒnktlichkeit zu sein.

- Kettner Edelmetalle News
- Finanzen
- Wirtschaft
- Politik











