
25 Millionen Euro am Wasser: Berlins teures Flüchtlingsheim-Puzzle

Auf der Halbinsel Stralau, einer der begehrtesten Wohnlagen Berlins, soll eine Unterkunft für knapp 300 Geflüchtete entstehen. Interne Verwaltungsunterlagen, über die das Portal NIUS berichtet, zeigen: Schon 2023 rechneten die Behörden mit Gesamtkosten von 25 Millionen Euro. Wie teuer es am Ende wird, sagt der Senat bis heute nicht.
Ein Grundstück, das nicht passt
Gebaut wird auf dem Gelände der ehemaligen Stralauer Glashütte. Bauherr ist das landeseigene Wohnungsunternehmen Degewo. Laut den Dokumenten saßen am 7. Juni 2023 Vertreter der Senatsverwaltungen, des damaligen Landesamts für Flüchtlingsangelegenheiten (LAF) und des Bezirksamts Friedrichshain-Kreuzberg zusammen. Dem Protokoll zufolge kam dabei ein bemerkenswerter Satz zu Papier.
Das nur 3.104 Quadratmeter große Grundstück sei „an sich zu klein für eine MUF". Gemeint ist eine modulare Unterkunft für Flüchtlinge. Geplant wurde trotzdem weiter.
Ende 2023 wurde das Problem dann greifbar. Die Sozialverwaltung schrieb am 21. Dezember laut dem Bericht, wegen des Grundstückszuschnitts müsse das Gebäude als Dreieck gebaut werden. Die Folge stand gleich daneben:
„Aufgrund der Konstellation des Baukörpers ist neben der bereits vorhandenen Baupreiserhöhung mit höheren Errichtungskosten insgesamt zu rechnen."
Neun Millionen Euro Lücke – und keine Erklärung
Noch heikler ist die Finanzierung. Für den Doppelhaushalt 2024/2025 und die Finanzplanung bis 2027 wurden dem Protokoll zufolge nur 16 Millionen Euro angemeldet. Die Verwaltung selbst bezifferte die Gesamtkosten aber schon auf 25 Millionen. Wie die neun Millionen Euro Differenz bezahlt werden sollten, steht nicht in dem Dokument.
Man fragt sich: Würde ein Familienunternehmen so kalkulieren? Kaum. Bei so einer Rechnung würde jede Hausbank abwinken.
30 Jahre Miete als Rettungsanker
Am 8. Februar 2024 legte die Sozialverwaltung per Vermerk mindestens 280 Plätze fest. Angestrebt werde eine Anmietung über 30 Jahre. Nur so lasse sich der Bau „infolge der massiv gestiegenen Baukosten" überhaupt „wirtschaftlich darstellen", heißt es laut dem Bericht.
Das Modell funktioniert so: Die Degewo baut, das Land mietet über sein Landesamt zurück. Je länger der Mietvertrag läuft, desto mehr verteilen sich die Baukosten auf die Mietzahlungen. Ein Papier vom April 2024 warnt außerdem: Umplanungen, Umbauten oder neue Bauvorschriften könnten eine Neuberechnung der Miete nötig machen. Für die Steuerzahler bleibt das ein Risiko ohne feste Obergrenze.
Was konkret geplant ist
Die Degewo spricht auf ihrer Website von einem Neubau mit fünf bis sieben Stockwerken für bis zu 300 Menschen. Baubeginn soll Mitte 2027 sein, der Einzug voraussichtlich Anfang 2029. Laut NIUS soll das Haus spätestens Ende 2030 in Betrieb gehen. Zusätzlich wird das denkmalgeschützte Verwaltungsgebäude der Glashütte saniert. Dort sollen soziale und kulturelle Angebote einziehen, in den oberen Etagen Beratung für Geflüchtete. Die Anwohner wurden Medienberichten zufolge zwar informiert, aber nicht beteiligt.
Der Senat schweigt, sogar gegenüber der eigenen Partei
Im August 2026 fragten die CDU-Abgeordneten Kurt Wansner und Timur Husein beim Senat nach. Sie wollten wissen, wie hoch die Baukosten voraussichtlich ausfallen, welche Planungskosten schon angefallen sind und was die Sanierung des Denkmals kostet. Eine Zahl bekamen sie nicht. Der Senat verwies auf frühere Antworten. Das ist pikant, denn die CDU stellt in Berlin selbst den Regierenden Bürgermeister.
Gleichzeitig ist der Druck groß. Anfang 2026 lebten laut einem Papier der Berliner Wohlfahrtsverbände rund 38.000 Menschen in Unterkünften des Landesamts, die zeitweise zu etwa 97 Prozent ausgelastet waren. Das Amt heißt seit April 2026 Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten und Unterbringung (LFU).
Am Ende zahlen die Bürger
Aus Sicht unserer Redaktion zeigt Stralau ein bekanntes Muster. Probleme werden früh erkannt, dann verdrängt und am Ende mit langen Verträgen in die Zukunft verschoben. Berlin bekommt seit Jahren das meiste Geld aus dem Länderfinanzausgleich. Die Rechnung tragen damit auch Steuerzahler weit außerhalb der Hauptstadt. Wer 30 Jahre Miete zusagt, ohne die Baukosten offenzulegen, verlangt sehr viel Vertrauen. Bei vielen Bürgern ist dieses Vertrauen längst aufgebraucht.
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