
Steinmeiers letzte Einheitsrede: Wer Wandel will, ist verdÀchtig?

Am 3. Oktober hat BundesprĂ€sident Frank-Walter Steinmeier beim Festakt zum Tag der Deutschen Einheit in Bremen zum letzten Mal die Rede zum Nationalfeiertag gehalten. Er erinnerte an die Friedliche Revolution von 1989 und warnte zugleich scharf vor âDisruptionâ. FĂŒr viele BĂŒrger, die sich endlich echte VerĂ€nderung wĂŒnschen, dĂŒrfte das wie eine Absage geklungen haben.
In Teilen der Hauptstadtpresse wurde der Auftritt als Steinmeiers vielleicht beste Rede gefeiert. Kritiker sehen das ganz anders. Sie lesen darin vor allem eine Warnung an die WĂ€hler.
Die Revolution loben, den Umbruch fĂŒrchten
Ausgerechnet mit 1989 begann der BundesprÀsident. Die Wende habe seinen Lebensweg neu bestimmt, erklÀrte er, und ihm gezeigt, was Politik leisten könne:
âWirkliche Politik kann Hoffnung begrĂŒnden und die VerhĂ€ltnisse verĂ€ndern.â
Ein starker Satz. Nur passt er schlecht zu dem, was folgte. Den Slogan âMacht kaputt, was euch kaputt machtâ habe er frĂŒher von links gehört, sagte Steinmeier. Heute begegne er ihm bei Rechtspopulisten. Dann kam der Satz, ĂŒber den inzwischen gestritten wird: Man ĂŒberbiete sich mit âFantasien der politischen âDisruptionâ â ein weiterer Begriff aus dem Wörterbuch der neuen Antidemokratenâ.
Ist der Wunsch nach einem radikalen Kurswechsel also schon verdĂ€chtig? Die Friedliche Revolution war der gröĂte Umbruch der jĂŒngeren deutschen Geschichte. Kritiker halten dem Staatsoberhaupt deshalb vor, er feiere VerĂ€nderung nur rĂŒckblickend.
Ein Viertel, ein Drittel â und der Fingerzeig auf die WĂ€hler
Noch heikler ist ein anderer Teil der Rede. Steinmeier betonte zwar, jeder Wahlberechtigte sei mĂŒndig und jede Stimme zĂ€hle. Gleichzeitig sagte er, âein Viertel, ein Drittel und mehrâ bekundeten mit ihrer Wahlentscheidung, dass sie sich âvon wichtigen Grundrechten unserer Republik abwendenâ. Welche Grundrechte er meinte, lieĂ er weitgehend offen.
Wirtschaftliche Abstiegsangst, gepaart mit der Sorge vor zu starker Migration, schaffe laut Steinmeier eine âkritische Masse an Vertrauensverlustâ. Bei manchen fĂŒhre das dazu, âneue FĂŒhrer herbeizuwĂŒnschenâ. Beobachter sehen darin eine kaum verhĂŒllte historische Anspielung auf Millionen ProtestwĂ€hler. Sie werden damit eher belehrt als ernst genommen.
Selbstkritik in Spuren
Fairerweise muss man sagen: Steinmeier fragte auch, was die Regierungen in Bund und LĂ€ndern in dreieinhalb Jahrzehnten versĂ€umt hĂ€tten. Er rĂ€umte ein, man habe vielleicht âzu wenigâ und âzu spĂ€tâ gehandelt. Und er sagte selbst, neues Wachstum lasse sich nicht gewinnen, âwenn alles so bleibt wie es istâ. Kritiker fragen deshalb zu Recht, wo genau fĂŒr ihn mutige Reform aufhört und verbotene Disruption anfĂ€ngt.
Sehnsucht nach den alten TorwÀchtern?
Die vielleicht aufschlussreichste Passage betraf die Medien. Bevor das Internet die Vorherrschaft ĂŒbernommen habe, hĂ€tten Medien unterscheiden können, ob jemand aus Millionen WĂ€hlerstimmen ein Mandat ableite oder bloĂ âindividuellen Frustâ Ă€uĂere. Die heutige Allgegenwart âaller möglichen Botschaftenâ sei kein GĂŒtezeichen des demokratischen Streits mehr.
Gegen Bots und gezielte Desinformation hat niemand etwas einzuwenden. Doch Kritiker hören hier vor allem Wehmut nach einer Zeit, in der wenige Redaktionen festlegten, was gesagt werden durfte. Lebt der freie Meinungsstreit nicht gerade davon, dass mĂŒndige BĂŒrger selbst sortieren? Wer dem Volk das nicht zutraut, misstraut am Ende auch dem Wahlzettel.
Ein Abschied mit Beigeschmack
Im Januar wĂ€hlt die Bundesversammlung Steinmeiers Nachfolger. Der BundesprĂ€sident soll das Land zusammenfĂŒhren, so verstehen viele das Amt. Seine Abschiedsrede zum Einheitstag dĂŒrfte jedoch eher in Erinnerung bleiben, weil sie GrĂ€ben benannt und dabei vertieft hat.
Dabei hat Deutschland Wandel bitter nötig: bei der Wirtschaft, bei der Migration, bei der BĂŒrokratie. Die gröĂere Gefahr fĂŒr die Demokratie liegt nicht darin, dass BĂŒrger VerĂ€nderung fordern. Sie liegt darin, dass die Politik ihnen diese VerĂ€nderung immer wieder verweigert. Die Regierung Merz wurde nicht zuletzt fĂŒr einen Kurswechsel gewĂ€hlt. Viele warten bis heute darauf.












