
Nach 134 Jahren: Energiekosten zwingen Coswiger Walze in die Knie!

Ende November gehen in der Walzengießerei Coswig die Öfen aus. Nach 134 Jahren schließt der sächsische Traditionsbetrieb bei Dresden endgültig, rund 170 Beschäftigte verlieren ihren Arbeitsplatz. Kein Investor wollte das Werk übernehmen. Eine Überraschung ist das Aus nicht, gewarnt wurde lange vorher.
Nur eine Woche zuvor hatte Kahla Porzellan in Thüringen nach 182 Jahren das Ende zum Jahreswechsel verkündet. Beide Fälle haben denselben Hintergrund: Energiepreise, mit denen ein Industriebetrieb im internationalen Wettbewerb kaum noch bestehen kann.
Der Hilferuf, den niemand hören wollte
Im Januar 2025, wenige Wochen vor der vorgezogenen Bundestagswahl, lud das Unternehmen zu einem Pressetermin. Mit am Tisch saß der damalige FDP-Bundestagsabgeordnete Torsten Herbst. Werksleiter und General Manager Dario Kratzsch rechnete vor, die Gießerei verbrauche pro Jahr 55 Gigawattstunden Energie. Das entspricht etwa dem Jahresbedarf von 13.000 Einfamilienhäusern.
Die Rechnung dafür: rund sechs Millionen Euro jährlich, mit steigender Tendenz. Kratzsch machte dafür neben der Weltmarktlage vor allem eine Energiepolitik verantwortlich, die nach seinen Worten zulasten der Schwerindustrie gehe. Bei rund 1.500 Grad Celsius schmilzt hier der Stahl. Wer so produziert, spürt jede Erhöhung beim Strompreis sofort in der Bilanz.
Gehandelt hat die Politik nicht. Die Ampel ist Geschichte, regiert wird inzwischen von Schwarz-Rot unter Friedrich Merz, und trotzdem verschwinden weiter Industriearbeitsplätze. Der Strompreis-Wende, die viele Unternehmer erhofft hatten, wartet man bis heute.
Weltmarktspieler ohne Zukunft
Dabei war die „Walze“, wie der Betrieb vor Ort heißt, alles andere als ein Provinzwerk. Zwei Drittel ihres Umsatzes machte sie mit Kunden im Ausland. Zu den Abnehmern gehörte ein großer indischer Konzern, der das Schienennetz der staatlichen Indian Railways ausstattet und saniert. Die Schienen wurden mit Walzen aus Coswig in Form gebracht.
Seit 2003 fertigte das Werk außerdem Rotorhohlwellen. Die bis zu 50 Tonnen schweren Bauteile sitzen im Antrieb jeder Windkraftanlage. Ausgerechnet ein Zulieferer der Energiewende scheitert also an den Strompreisen. Bitterer könnte die Pointe kaum sein.
140 Interessenten, am Ende keiner
Ende 2025 stellte das Unternehmen Insolvenzantrag und versuchte, sich in Eigenverwaltung zu sanieren. Laut dem Dresdner Sachwalter Nicolas Rebel ist das nicht gelungen. Zunächst habe es 140 mögliche Investoren gegeben, darunter offenbar auch Hersteller von Windkraftanlagen. Mit zehn davon sei intensiver verhandelt worden. Zugesagt hat am Ende keiner.
Belegschaft verzichtete, umsonst
Für die Mitarbeiter ist das besonders hart. Sie hatten einem Sanierungs- und Abweichungstarifvertrag zugestimmt und dafür auf Urlaubsgeld, Leistungszulagen und vereinbarte Tariferhöhungen verzichtet. Geholfen hat das nicht. Schon in den Monaten zuvor war die Belegschaft von 220 auf 170 Köpfe geschrumpft, durch Ruhestand und durch Kollegen, die rechtzeitig gewechselt sind.
Steven Kempe, Geschäftsführer der IG Metall Dresden-Riesa, kritisiert die Unternehmensführung. Die Probleme seien „nicht von heute auf morgen entstanden“, sie hätten sich über Jahre abgezeichnet. Nach Darstellung der Gewerkschaft habe die Käufersuche außerdem erst im Sommer 2026 begonnen und damit zu spät.
Ausverkauf an der Grenzstraße 1
Bis Ende November werden die Öfen nach und nach heruntergefahren. Schmelzöfen, Großdrehmaschinen und Kräne sollen verkauft oder versteigert werden. Am wertvollsten ist das Gelände im Coswiger Industriegebiet selbst, auch hier ist ein Verkauf geplant. Ob sich dort kleinere und weniger energieintensive Firmen ansiedeln, soll erst 2027 entschieden werden.
Der Mutterkonzern DIHAG mit Sitz in Düsseldorf und Coswig trennt sich von Sparten, die Verluste schreiben. Dazu zählt neben Coswig auch das insolvente Stahl- und Hartgusswerk Bösdorf in Leipzig. Als gesichert gelten die Standorte Meuselwitz, Schmiedeberg, Arnstadt und DIHAG Gienanth in Rheinland-Pfalz. Dort setzt der Konzern auf mehr Automatisierung und ein Programm zur „grünen Transformation“.
So geht in Deutschland ein Traditionswerk nach dem anderen verloren. Mit ihnen verschwinden Fachwissen, Steuereinnahmen und sichere Arbeitsplätze für Familien. Ob Berlin noch rechtzeitig gegensteuert, ist offen. Für Coswig kommt jede Hilfe zu spät.
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