
Mit 104 Jahren geehrt: Die Frau, die Frankreichs Pisten eroberte!

Man hielt sie für ungeeignet. 85 Jahre später bekommt sie einen der höchsten Orden Frankreichs. Am 19. September wurde Olga Chappaz in Chamonix zur Offizierin des Ordre national du Mérite ernannt. Die 104-Jährige gilt als dienstälteste Skilehrerin des Landes. Darüber berichtete der Regionalsender France 3 Auvergne-Rhône-Alpes.
Ihre Geschichte beginnt im Jahr 1941 mit einer Absage. Ihre Bewerbung als Skilehrerin wurde damals abgelehnt, weil ihr angeblich die nötigen Qualitäten fehlten. Die junge Frau aus Chamonix zerriss den Brief vor Wut. Beirren ließ sie sich davon nicht.
Eine Stufe übersprungen
Der Ordre national du Mérite ist nach der Ehrenlegion der zweithöchste Orden Frankreichs. Wer ihn erhält, fängt normalerweise als Ritter an. Chappaz dagegen wurde gleich zur Offizierin ernannt. Sportministerin Marina Ferrari soll das laut dem Sender in einem Brief mit dem „außergewöhnlichen Werdegang“ der Geehrten begründet haben.
Die Medaille überreichte ihr Guy Périllat, zweifacher Olympia-Medaillengewinner und selbst eine Legende des französischen Skisports. Gefeiert wurde ausgerechnet im Saal der Skischule von Chamonix, in dem Chappaz früher nicht willkommen war. Die Geehrte selbst blieb bescheiden: „Das ist eine Anerkennung, die ich schätze.“
„Es war nicht leicht als Frau. Man sagte uns, das sei kein Beruf für Frauen.“
Handgranaten statt Hüttenzauber
Chappaz war erst die zweite diplomierte Skilehrerin Frankreichs. Die erste, Georgette Thiollière-Miller, zog in die USA und drehte dort Werbung. „Sie war ein Star“, kommentiert Chappaz trocken.
Ihr Weg führte über den Krieg. Ihr Mann Gilbert, Skilehrer und Bergführer, baute in Val-d’Isère eine militärische Einheit von Skiaufklärern auf. Eigentlich wollte sie ihn nur über Weihnachten besuchen. Sie blieb dann den ganzen Winter und ging mit auf Erkundungstouren, Handgranaten im Gepäck. So schilderte sie es dem Magazin „Traces“ der französischen Skischule ESF.
Ein Daumen, der alles entschied
1945 kam die Prüfung. Ihr Prüfer war Émile Allais, Olympia-Dritter von Garmisch-Partenkirchen 1936 und später dreifacher Weltmeister. Sie habe gezittert, erzählte Chappaz. Allais zeigte nur den Daumen nach oben. Bestanden! Auf der Heimreise trug sie in einem Hotel zum ersten Mal „Skilehrerin“ als Beruf ein. Sie sei unglaublich stolz gewesen, sagte sie.
Schneller als das Nationalteam
1947 fuhr sie beim Kandahar-Rennen als beste Französin ins Ziel, noch vor den Fahrerinnen der Nationalmannschaft. Der Verband ließ ihr die Wahl: Nationalteam oder Skischule. Eigentlich wollte sie unterrichten. Auf Anraten ihres Mannes fuhr sie aber bis 1952 für Frankreich. Danach bewarb sie sich erneut in Chamonix und wurde wieder abgelehnt.
Also ging sie nach L’Alpe d’Huez. Geplant waren zwei Wochen, am Ende wurden es mehrere Winter. Dort war sie die einzige Skilehrerin und eine der ersten Frauen, die sich mit dem Hubschrauber auf den Gipfel bringen ließen. „Das war ein Leben wie Gott in Frankreich“, sagte sie dem ESF-Magazin. Später leitete sie Club-Med-Skizentren in Leysin und Engelberg. Zu ihren Schülern gehörte auch die Schauspielerin Michèle Morgan.
1970 gründete sie in Argentière bei Chamonix ein eigenes ESF-Zentrum und leitete es bis 1985. Nach eigener Einschätzung war sie damit wohl die erste Skischulleiterin Frankreichs. Möglich machten das Können und Beharrlichkeit, nicht irgendeine Quote.
Eine Schneeflocke für weinende Kinder
Viele Familien kennen ihre bekannteste Idee, ohne ihren Namen zu wissen. In französischen Skischulen gibt es für jede bestandene Stufe einen „Stern“. Wer den ersten nicht schaffte, bekam früher nichts. „Es tat mir weh, die Kinder weinen zu sehen, die keinen Stern bekommen hatten“, sagte sie zu ihrem 100. Geburtstag dem Sender Franceinfo. Deshalb schlug sie ein Trostabzeichen vor: das „Flocon“, die Schneeflocke. Heute gibt es sie an mehr als 200 ESF-Skischulen.
Mit der Bergführer-Legende Armand Charlet bestieg sie die 3412 Meter hohe Aiguille du Moine. Oben traute sie sich nicht aufzustehen, bis Charlet sie anbrüllte: „Los, steh auf!“ Auf Skiern stand sie noch mit weit über 90 Jahren. Vor steilen Hängen hatte sie am Ende keine Angst, wohl aber vor anderen Skifahrern, die sie umfahren könnten.
Ihre beiden Söhne wurden ebenfalls Skilehrer und saßen bei der Feier im Publikum. Ihre Rede zum 100. Geburtstag hatte Chappaz laut dem Regionalsender mit drei Worten beendet: „Ein Hoch auf uns!“
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