
Galeria-Pleite Nummer vier: Droht unseren Innenstädten die Leere?

Deutschlands letzte große Warenhauskette steckt wieder in der Insolvenz, zum vierten Mal in sechs Jahren. Anfang Oktober stellte Galeria den Antrag, inzwischen hat das Amtsgericht Düsseldorf das vorläufige Verfahren angeordnet. Für viele der 83 verbliebenen Häuser dürfte es das Ende sein. Was dann aus den Gebäuden wird, entscheidet über das Schicksal ganzer Fußgängerzonen.
Von 171 Häusern ist weniger als die Hälfte übrig
Schon vor dem neuen Antrag standen 33 Filialen auf der Kippe. Für sieben davon war das Aus bereits beschlossen, darunter Standorte in Köln und München. Am Münchner Rotkreuzplatz soll laut Medienberichten Ende Januar Schluss sein. Experten rechnen damit, dass die Einschnitte jetzt noch tiefer gehen, falls Galeria überhaupt gerettet werden kann.
Zum Vergleich: 2019 gehörten noch 171 Warenhäuser zum Konzern. Die Kaufhäuser, die Generationen von Familien am Samstag in die Stadt gelockt haben, verschwinden Stück für Stück. Für die Kunden kommt das Ärgernis hinzu, dass Geschenkgutscheine Berichten zufolge derzeit nicht mehr angenommen werden.
Hamm: Wie eine Innenstadt verkommt
Wie es schlimmstenfalls aussieht, kann man in Hamm besichtigen. Hinter dem Hauptbahnhof lagen einst Horten, Kaufhof und die Kaufhalle nebeneinander. Heute ist keines davon mehr da. Die Kaufhof-Filiale, die später Galeria hieß, steht seit sechs Jahren leer. Die Eingänge sind mit Spanplatten vernagelt, und es stinkt nach Urin.
Inzwischen haben zwei lokale Baufirmen das 7400 Quadratmeter große Grundstück gekauft. Dort sollen Wohnungen, Büros und Restaurants entstehen. An die einstige Einkaufsmeile wird dann nichts mehr erinnern.
Paderborn macht vor, wie es schneller gehen kann
Paderborn ist ähnlich groß wie Hamm und zeigt, wie es auch laufen kann. Im Juni 2023 schloss dort Galeria. Heute baut das Unternehmen Sahle auf dem Gelände Seniorenwohnungen für 24 Einzel- und 13 Doppelhaushalte. Im Erdgeschoss sollen Deichmann und C&A einziehen, und in einem Jahr soll alles fertig sein. Der Unterschied liegt darin, dass dort ein Investor schnell angefangen hat.
Fünf bis acht Jahre und bis zu 100 Millionen Euro
An Galeria weiterzuvermieten funktioniert fast nie. Die Gebäude sind zu alt, haben zu viele Etagen, zu wenig Tageslicht und zu niedrige Decken. Nach Angaben von Johannes Berentzen von der Handelsberatung BBE kostet der Umbau eines kleinen Warenhauses 20 bis 60 Millionen Euro, bei großen Häusern deutlich mehr als 100 Millionen.
„Von der Entscheidung bis zur Fertigstellung dauert ein Warenhausumbau in der Regel fünf bis acht Jahre, in komplexen Fällen deutlich länger.“
Bis dahin müssen Genehmigungen eingeholt, Pläne gezeichnet und Kredite gesichert werden. In Deutschland kann allein das ein Geduldsspiel werden. Ein Großteil der Kosten geht in die Haustechnik: Laut Berentzen entfallen 25 bis 35 Prozent darauf.
Gewinner sind die Metropolen, Verlierer die Provinz
In Großstädten lohnt sich der Umbau eher. In Berlin wurde ein früheres Karstadt-Haus für rund 200 Millionen Euro zum „Kalle Neukölln“ umgebaut. In Hamburg-Wandsbek baut Union Investment bis Ende 2029 Wohnungen, Büros und eine Markthalle.
Seit die Zinsen gestiegen sind, ist das Geld für solche Projekte aber knapp geworden. Zugleich kommen viele Handelsflächen auf einmal auf den Markt, was nach Einschätzung von Berentzen die Mieten drückt. In Städten mit schwacher Kaufkraft drohe deshalb „Ankerlosigkeit“: Ohne einen Magnetbetrieb kämen weniger Menschen, und die übrige Innenstadt leide mit.
In Neuss hat die Stadt das alte Kaufhof-Gebäude über eine eigene Immobiliengesellschaft gekauft. Bis Ende 2029 soll dort für 79 Millionen Euro ein Quartier mit Supermarkt, Bibliothek und Arztpraxen entstehen. Am Ende tragen also die Steuerzahler das Risiko, weil sich private Investoren zurückziehen.
Galeria scheitert nicht nur an falschen Entscheidungen im Konzern. Teure Bauauflagen, langsame Genehmigungen und hohe Zinsen machen es schwer, die Gebäude rechtzeitig neu zu nutzen. Leer stehende Häuser wie in Hamm werden so zur Warnung für viele andere Städte.
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