
Ex-Botschafter rechnet ab: Putins Blindflug und Europas Realitätsverlust

Er hat drei italienische Regierungschefs beraten und Italien als Botschafter in Bagdad vertreten. Jetzt teilt Marco Carnelos nach allen Seiten aus: Kremlchef Wladimir Putin habe die Ukraine schlecht vorbereitet überfallen. Im Interview mit einem Schweizer Magazin, veröffentlicht am 7. Oktober 2026, kommt aber auch der Westen alles andere als gut weg.
Das Gespräch fand am Rande der Konferenz des kremlnahen Waldai-Diskussionsklubs bei Moskau statt. Kritik an Putin ist dort eher selten zu hören. Umso mehr Gewicht haben die Worte des Italieners.
„Völlig unvorbereitet“ in den Krieg
«Putin zog völlig unvorbereitet in diesen Krieg und unterschätzte seine Gegner»
So fasst das Magazin die Kernthese zusammen. Schon die Invasion selbst sei womöglich der Fehler gewesen, meint Carnelos. Noch schwerer wiege, dass Moskau ohne ausreichende Vorbereitung losgeschlagen und kaum mit Gegenwehr gerechnet habe. Die militärische Leistung Russlands nennt er ziemlich enttäuschend. Hunderttausende seien tot – eine Tragödie.
Und die Bilanz? Finnland und Schweden sind inzwischen in der NATO, Russland steht isoliert da, und der Konflikt in der Ukraine ist ungelöst. Militärisch sei Moskau zwar im Vorteil, räumt der Diplomat ein. Nach einem Triumph sieht das trotzdem nicht aus.
Die Ursünde des Westens
Den Westen nimmt Carnelos genauso hart ran. Dessen größten geopolitischen Fehler sieht er in der NATO-Osterweiterung. Er erinnert an den Mai 2002: Damals brachte Silvio Berlusconi Putin und US-Präsident George W. Bush bei Rom zusammen, und Russland und die NATO vereinbarten eine neue Partnerschaft. Nur wenige Monate später habe das Bündnis die nächste Erweiterungsrunde beschlossen.
Gewarnt hätten damals viele, etwa der US-Diplomat George Kennan oder Jack Matlock, früher US-Botschafter in Moskau. Durchsetzen konnten sie sich nicht. Carnelos spricht von einem Mitläufer-Effekt: Washington habe gedrängt, und in Europa habe niemand widersprochen.
Eine halbe Stunde Warten in Bukarest
Den Wendepunkt sieht er in Putins Wutrede auf der Münchner Sicherheitskonferenz am 10. Februar 2007. Westliche Spitzenpolitiker hätten sie damals eher abgetan. Beim NATO-Gipfel in Bukarest 2008, auf dem der Ukraine und Georgien ein späterer Beitritt in Aussicht gestellt wurde, war Carnelos selbst an der Seite von Romano Prodi. Putin habe die versammelten Staats- und Regierungschefs eine halbe Stunde warten lassen. Zugehört habe ihm trotzdem niemand.
Carnelos stellt dazu eine unbequeme Frage: Warum gilt Washingtons Sorge um die Sicherheit in der eigenen Nachbarschaft als selbstverständlich, die Sorge Moskaus aber nicht? Auch Russland nimmt er dabei nicht aus. Moskau habe es nie geschafft, seine Position der westlichen Öffentlichkeit verständlich zu machen.
Brüssel im Elfenbeinturm, Berlin im Kriegsmodus
Besonders scharf urteilt er über die EU. Sie werde von Technokraten geführt, die den Kontakt zur Wirklichkeit verloren hätten. Dazu komme zu viel Bürokratie und unnötige Eingriffe in nationale Identitäten. Als Folge erstarkten die politischen Ränder links wie rechts, von Frankreich über Deutschland bis nach Spanien.
Europa erlebe die schwerste Energiekrise seiner Geschichte, ausgelöst durch die Sanktionen gegen Russland und verschärft durch den amerikanischen Angriff auf Iran. Die Antwort der Politik laute trotzdem nur: Waffen. Was sei mit Krankenhäusern, Sozialsystemen und Bildung, fragt Carnelos.
Eine Warnung richtet er direkt an Deutschland. Hiesige Politiker redeten, als sei ein Krieg unvermeidlich. Für ihn ist das eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Überall werde gespart, nur bei der Rüstung nicht. Tatsächlich hat der Bundestag 2025 per Grundgesetzänderung Verteidigungsausgaben über einem Prozent der Wirtschaftsleistung von der Schuldenbremse ausgenommen. Bezahlen müssen das am Ende Steuerzahler und kommende Generationen. Spöttisch fragt Carnelos, ob man die Krise der Autoindustrie etwa lösen wolle, indem man Volkswagen durch Panzer ersetze.
Die Zeit der Monster
Zum Schluss zitiert er sinngemäß den italienischen Denker Antonio Gramsci: Die alte Weltordnung sei tot, die neue komme nur mühsam zur Welt, und in dieser Zwischenzeit erschienen die Monster. Den Ersten Weltkrieg nennt er als Beispiel dafür, wie ein vermeintlich kurzer Krieg in der Katastrophe enden kann. Europas Führung dürfe nicht wieder zu Schlafwandlern werden.
Energiekrise, Rekordschulden, Kriegsrhetorik: In solchen Zeiten setzen viele Sparer auf etwas, das schon viele Krisen überstanden hat. Physisches Gold und Silber können als Beimischung in einem breit gestreuten Vermögen eine sinnvolle Absicherung sein.
Hinweis: Dieser Beitrag ist keine Anlageberatung. Jeder Leser sollte sich selbst informieren und trifft seine Anlageentscheidungen in eigener Verantwortung.
- Kettner Edelmetalle News
- Finanzen
- Wirtschaft
- Politik

















