
Angriff aufs Stromnetz: Wie verwundbar ist Deutschland wirklich?

Mehr als 165 Sabotageverdachtsfälle in nur acht Monaten: Zwischen Januar und Ende August 2026 haben deutsche Sicherheitsbehörden bundesweit eine beunruhigende Häufung solcher Vorgänge registriert. Dazu kamen 747 verdächtige Drohnenvorfälle mit insgesamt 1.068 gesichteten Fluggeräten. Nach Angriffen auf Hochspannungsleitungen in Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Sachsen verschärft jetzt auch Schleswig-Holstein den Schutz seiner Infrastruktur.
Was hinter den Zahlen steckt
Zur Einordnung: Die BKA-Statistik zählt keine 165 nachgewiesenen Anschläge. Erfasst sind Verdachtsfälle, darunter auch bestimmte Ausspähungen. Die Drohnenvorfälle führen die Behörden getrennt, man darf beide Zahlen also weder gleichsetzen noch addieren.
Beruhigend ist das trotzdem nicht. Seit Jahresbeginn zählten Bund und Länder außerdem 112 Straftaten mit Spionagebezug. In 26 Fällen gibt es den Verdacht auf Agententätigkeit zu Sabotagezwecken. Schleswig-Holstein lag mit 21 Spionagedelikten gleichauf mit Nordrhein-Westfalen auf Platz zwei, nur Brandenburg hatte mehr.
Raketen gegen Hochspannungsleitungen
Wie ernst die Lage ist, zeigte der 1. September. Bei Turnow-Preilack in Brandenburg und in Bergheim-Rheidt in Nordrhein-Westfalen sollen präparierte Raketen Drähte auf Hochspannungsleitungen geschleudert haben. Dabei entstanden tatsächlich Kurzschlüsse.
In Bergheim mussten zwei benachbarte Braunkohlekraftwerke zeitweise vom Netz. Auch die Stromversorgung eines Nachbarorts war vorübergehend gestört. Nach Einschätzung der Bundesanwaltschaft sollten die Taten mutmaßlich großflächige Stromausfälle auslösen.
Am 8. September nahmen Ermittler nahe dem Kraftwerk Weisweiler einen 48-jährigen Deutschen fest. Medienberichten zufolge soll er sich zu den Angriffen bekannt haben. Zwei Tage später übernahm die Bundesanwaltschaft das Verfahren, weil der Fall besondere Bedeutung habe. Ermittelt wird wegen versuchter und vollendeter verfassungsfeindlicher Sabotage und wegen Störung öffentlicher Betriebe. Federführend ist das BKA. Bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung gilt für den Mann die Unschuldsvermutung.
Kiel reagiert: Zäune, Kontrollen, Unterwasserdrohnen
Schleswig-Holsteins Innenministerium schickte zunächst mehr Polizei zu wichtigen Anlagen. Jeder auffällige Vorfall an kritischer Infrastruktur soll nun auf möglichen Spionage- oder Sabotagehintergrund geprüft werden, wenn nötig mit dem Verfassungsschutz. Anfang September durchsuchten Einsatzkräfte unter anderem das Umfeld des Heizkraftwerks Wedel. Eine konkrete Gefahr für das Land habe dort nicht bestanden.
Der Netzbetreiber SH Netz versorgt rund 2,8 Millionen Kunden in mehr als 900 Kommunen. Er hat seine Schutzzäune verbessert, personenbezogene Zugangsbeschränkungen eingeführt und die IT-Sicherheit verschärft. Außerdem überprüfte er eine dreistellige Zahl von Beschäftigten in besonders sensiblen Bereichen.
Neue Plattform für Verdachtsmeldungen
Am 8. September legte die Landesregierung nach. Eine landesweite Plattform soll Energieanlagen, Häfen und andere kritische Einrichtungen erfassen, bewerten und nach Bedeutung ordnen. Dort sollen auch verdächtige Beobachtungen landen, die bisher unter der polizeilichen Meldeschwelle lagen. Die Landespolizei will zudem Unterwasserdrohnen für den Schutz maritimer Infrastruktur anschaffen und testen. Energieminister Tobias Goldschmidt setzt auf mehr Redundanz, also Ersatzwege im Netz, damit ausgefallene Leitungen schneller überbrückt werden können.
Ein Netz, das man nicht flächendeckend bewachen kann
Das alles hilft, kommt aber spät. Nach Angaben des Verbands kommunaler Unternehmen gibt es in Deutschland rund 250 Umspannwerke und etwa 130.000 Kilometer Hoch- und Höchstspannungsleitungen. Dass Polizei oder Wachdienste diese Strecken lückenlos sichern, ist schlicht nicht möglich.
Entscheidend ist deshalb, wie schnell Betreiber beschädigte Anlagen abtrennen, den Strom umleiten und die Versorgung wiederherstellen können. Kritiker werfen der Politik seit Jahren vor, die Widerstandsfähigkeit des Netzes vernachlässigt zu haben. Investiert wurde vor allem in den Umbau zur Energiewende, weniger in den Schutz der Anlagen.
Für die Bürger heißt das: Sie sollten sich nicht allein auf den Staat verlassen. Wer etwas Bargeld, Wasser, Lebensmittel und eine netzunabhängige Lichtquelle im Haus hat, steht einen längeren Stromausfall deutlich besser durch.

- Kettner Edelmetalle News
- Finanzen
- Wirtschaft
- Politik











