
Zulieferer-Beben: Forvia-Chef warnt vor Kettenreaktion in den Werken

Anfang Oktober 2026 hat Forvia-Chef Martin Fischer eine unbequeme Botschaft ausgesprochen: Der weltweiten Autozulieferer-Branche stehe eine weitere Bereinigung bevor. Fällt dabei ein kleiner Spezialist aus, könnten bei den Autoherstellern ganze Bänder stillstehen. Gleichzeitig baut der französisch-deutsche Konzern, zu dem auch der Lippstädter Traditionsbetrieb Hella gehört, selbst kräftig um. Bis 2028 könnten europaweit bis zu 10.000 Stellen betroffen sein.
Das schwächste Glied entscheidet
Was Fischer beschreibt, ist die Achillesferse der modernen Autoproduktion. Ein Fahrzeug besteht aus Tausenden Teilen, und viele davon liefert nur ein einziger, oft mittelständischer Betrieb. Geht dieser Betrieb pleite, steht im schlimmsten Fall die Fertigung beim Hersteller. Ein Kabelbaum, ein Sensor, ein Kunststoffclip reichen dafür aus.
Die Ursachen sind bekannt: In Europa ist die Nachfrage schwach, die Kosten steigen, und aus China drängt Konkurrenz auf den Markt. Für kleinere Zulieferer kann diese Mischung schnell zur Existenzfrage werden.
Die Zahlen sind düster
Die Statistik zeigt, wie ernst die Lage ist. Laut den vorliegenden Daten kündigten Europas Zulieferer allein im ersten Halbjahr 2026 den Abbau von 18.900 Stellen an. Im gleichen Zeitraum entstanden nur 5.440 neue Arbeitsplätze. Unter dem Strich bleibt ein deutliches Minus.
- 18.900 angekündigte Stellenstreichungen bei Zulieferern im ersten Halbjahr 2026
- 5.440 neu geschaffene Stellen im selben Zeitraum
- plus 23 Prozent bei chinesischen Komponentenimporten, auf fünf Milliarden Euro
- fast jedes vierte Zulieferunternehmen rechnete laut Branchenverband CLEPA im Frühjahr mit Verlusten für 2026
Das ist kein normales Konjunkturtief. Europa verliert Wertschöpfung, und die Politik in Berlin und Brüssel schaut zu. Die Rahmenbedingungen hat sie selbst gesetzt: hohe Energiepreise, Regulierung bis ins Detail, ein von oben verordneter Antriebswechsel.
Forvia saniert sich selbst
Der eigene Stellenabbau bei Forvia ist nicht neu. Das Sparprogramm „EU-FORWARD" läuft bereits seit 2024. Werke sowie Forschung und Entwicklung sollen an geringere Stückzahlen und die Elektrifizierung angepasst werden. Bis Ende Juni 2026 hatte der Konzern rund 7.300 Abgänge vereinbart.
Die Bilanz zeigt dabei zwei Seiten. Im ersten Halbjahr 2026 ging der Umsatz um 4,3 Prozent auf 10,51 Milliarden Euro zurück. Die operative Marge stieg trotzdem von 5,7 auf 6,0 Prozent. Zusätzlich will Forvia die Innenraumsparte an Apollo verkaufen und so die Nettoschulden um mindestens eine Milliarde Euro senken. Die Rendite steigt, die Belegschaft schrumpft.
Hoffnung auf weniger Varianten
Fischer, früher Vorstand beim Konkurrenten ZF, begrüßt nach eigenen Angaben die Pläne von Volkswagen, die Zahl der Modell- und Ausstattungsvarianten deutlich zu verringern. Wenn größere Mengen gleicher Bauteile gefertigt werden, könnten die Kosten der Zulieferer sinken. Wachstum erwartet Forvia vor allem bei Elektronik und Sitzsystemen.
Das China-Problem
Der deutlichste Teil von Fischers Analyse betrifft China. Dort erzielte der Konzern zuletzt rund fünf Milliarden Euro Umsatz. Etwa 80 Prozent des Neugeschäfts stammen nach seinen Angaben von chinesischen Autobauern. Die einstige Dominanz der europäischen Marken dort ist also weitgehend vorbei.
Fischer fordert deshalb strengere Regeln für lokale Wertschöpfung in Europa. Ohne solche Vorgaben könnten weitere Produktionsanteile und damit Arbeitsplätze nach Asien abwandern. Diese Forderung richtet sich an eine EU, die beim Verbrennerverbot sehr schnell war, beim Schutz der eigenen industriellen Basis aber lange gezögert hat.
Mehr als ein Einzelfall
Der Fall Forvia zeigt ein größeres Problem. Ein einzelner Konzern kann seine Kosten senken und seine Kennzahlen verbessern. Die Zulieferindustrie insgesamt verliert dagegen weiter Jobs und Marktanteile. Besonders betroffen ist Deutschland, wo die Autoindustrie lange den Wohlstand ganzer Regionen getragen hat.
Ob die Bundesregierung unter Friedrich Merz eine Antwort darauf findet, ist offen. Viele Beschäftigte in den Zulieferbetrieben dürften nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre wenig Vertrauen in große Ankündigungen haben.
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