
Wind-Subventionen, Atom-Verbot: ETH-Expertin rechnet ab

Die Schweiz fördert den Bau neuer Windräder mit bis zu 60 Prozent der Baukosten, neue Kernkraftwerke dagegen sind verboten. Die ETH-Professorin Annalisa Manera hält diese Schieflage für einen Grundfehler der Energiepolitik. Ihre Kritik kommt genau zur rechten Zeit, denn das Land streitet im Oktober 2026 wieder einmal über die Atomkraft.
Am 6. Oktober hat ein Bündnis aus Grünen, SP und GLP Medienberichten zufolge rund 131.800 Unterschriften gegen die Aufhebung des Neubauverbots eingereicht. Das letzte Wort hat nun das Volk.
Ein Satz, der sitzt
Manera ist Professorin für nukleare Sicherheit an der ETH Zürich. Schon im Juli 2025 hatte sie in einem Zeitungsinterview einen kritischen Bericht von Fachkollegen zur Kernenergie als einseitig zurückgewiesen. Dabei fiel ein Satz, der seither die Runde macht:
«Würde man ein AKW so stark subventionieren wie Windräder, könnte man es fast gratis bauen.»
Natürlich ist das zugespitzt. Die Kosten verschwinden durch Subventionen ja nicht, sie landen bloß bei der Allgemeinheit. Genau darin liegt aber der Kern ihrer Kritik: Der Staat entscheidet mit seinem Geld, welches Kraftwerk sich für den Betreiber rechnet.
Zuschüsse für die einen, Verbot für die anderen
Das Schweizer Energiegesetz ist bei der Windkraft großzügig. Investoren können Beiträge von bis zu 60 Prozent der anrechenbaren Baukosten bekommen, dazu bis zu 40 Prozent der Planungskosten. Wer will, wählt stattdessen die gleitende Marktprämie. Für neue Kernkraftwerke gibt es nichts Vergleichbares.
Wer so rechnet, bekommt auch das gewünschte Ergebnis. Ein Windpark, dessen Kosten zum großen Teil der Steuerzahler trägt, wirkt in der Bilanz natürlich günstig. Ein Reaktor, der seine Milliarden privat finanzieren und dazu hohe Zinsrisiken tragen muss, sieht dagegen teuer aus. Ist das ein fairer Wettbewerb? Wohl kaum.
Ehrlicherweise muss man sagen: Auch bei gleicher Förderung wäre noch nicht bewiesen, dass neue Reaktoren billiger sind. Eine ETH-Studie hält sie bei den heutigen europäischen Baukosten oft für nicht wettbewerbsfähig. Ein seriöser Vergleich müsste deshalb alle Kosten über die gesamte Lebensdauer einbeziehen.
Wenn der Wind schweigt, wird es teuer
Was in den gängigen Kostenvergleichen gern fehlt, ist der Wert einer verlässlichen Stromversorgung. Ein Kernkraftwerk liefert unabhängig vom Wetter, Tag und Nacht, auch im Januar. Ein Windrad steht bei Flaute still. Jede weitere wetterabhängige Anlage braucht deshalb Speicher, Reserven und stärkere Netze, und auch das zahlt am Ende jemand.
Wie das ausgeht, zeigt der Blick über den Rhein. Deutschland hat im April 2023 seine letzten drei Reaktoren abgeschaltet und ringt seitdem mit hohen Strompreisen und der Sorge um seine Industrie.
Warnsignale vor dem Winter
Die Eidgenössische Elektrizitätskommission ElCom meldete Anfang Oktober, die Speicherseen seien nur zu 74 Prozent gefüllt. Die Gasspeicher in Nordwesteuropa lagen bei 66 Prozent. Die Behörde hält die Versorgung zwar für gesichert. Preisrisiken und die Abhängigkeit von Importen bleiben aber bestehen.
Volksabstimmung mit Sprengkraft
Energieminister Albert Rösti (SVP) möchte den Weg für neue Kernkraftwerke wieder freimachen. Die Gegner führen Baukosten, ungelöste Endlagerfragen und Sicherheitsrisiken an. Diese Einwände sollte man ernst nehmen. Sie erklären allerdings nicht, warum für unterschiedliche Technologien unterschiedliche wirtschaftliche Maßstäbe gelten sollten.
Eine Politik, die mit zweierlei Maß misst, verzerrt den Wettbewerb, und die Rechnung zahlen Stromkunden und Steuerzahler. Die entscheidende Frage ist nicht, welche Technologie der Politik gefällt. Sie lautet vielmehr, welche Kombination zuverlässig und bezahlbar Strom liefert. Für Deutschland, das diese Frage schon beantwortet hat, ist die Schweizer Debatte ein lehrreicher Spiegel.
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