
Drohnen auf Yandex: Ist Putins Troll-Armee wirklich verstummt?

Zwischen dem 9. und 11. Oktober hat die Ukraine Rechenzentren des russischen Internetriesen Yandex in drei Regionen mit Drohnen angegriffen. Danach verbreitete sich im Netz eine Siegesmeldung: Russlands Bot-Armee sei schlagartig verstummt. Desinformationsforscher halten dagegen. Die angeblichen Belege beruhen ihnen zufolge auf einem klassischen Missverständnis.
Treffer mit echten Folgen
Zunächst zu den Fakten. Kiew hatte die Angriffe als Antwort auf russische Schläge gegen vergleichbare Einrichtungen in der Ukraine dargestellt. Yandex räumte ein, den Standort in der Region Wladimir abgeschaltet zu haben, und meldete Störungen bei seinen Onlinediensten.
Der Schaden ist erheblich. Wie berichtet wird, muss der Konzern etwa sechs Monate warten, bis die zerstörten Kapazitäten ersetzt sind. In Moskau soll inzwischen darüber nachgedacht werden, solche Anlagen vom Militär bewachen zu lassen. Rechenzentren werden damit zu Zielen im Krieg, ähnlich wie Raffinerien oder Umspannwerke.
Wie aus einem GerĂĽcht Politik wurde
Die Erzählung vom Ende der Trollfabriken blieb nicht in den sozialen Medien. Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte auf dem Warsaw Security Forum, auf vielen Plattformen lasse es sich jetzt „ein wenig leichter atmen“.
Auch in Polen wurde die Geschichte aufgegriffen. Tomasz Siemoniak, Minister und Koordinator der Geheimdienste, gab an, der Inlandsgeheimdienst ABW habe ihm einen „radikalen Rückgang russischer Bot-Aktivität im Netz“ gemeldet. Veröffentlicht wurden dazu keine Daten. Einige internationale Tech-Portale verbreiteten die These ebenfalls und meldeten, der Bot-Verkehr sei über Nacht fast vollständig verschwunden.
Die Grafik, die alle falsch lasen
Ausgelöst hat die Verwirrung vor allem eine Grafik des US-Netzwerkdienstleisters Cloudflare. Sie zeigte, dass der Bot-Traffic aus dem Yandex-Netz nach dem Angriff in Rjasan auf 54,7 Prozent und nach dem Treffer in Wladimir auf 0,3 Prozent zurückging.
Mit „Bots“ sind dort allerdings automatisierte Web-Anfragen aus der Yandex-Infrastruktur gemeint, vor allem die Crawler der Suchmaschine, die das Internet durchsuchen. Mit Trollen oder Fake-Profilen auf X, Telegram oder Facebook haben sie nichts zu tun. Gemessen wurde also etwas völlig anderes als das, was danach gefeiert wurde.
Forscher bremsen die Euphorie
Roman Ossadtschuk leitet die Bedrohungsanalyse beim ukrainischen Unternehmen LetsData. Er hält das Ganze für methodisch unhaltbar:
„Keine verlässliche Grafik kann die Aktivität von Bots und Trollen über mehrere Social-Media-Plattformen hinweg zusammenführen, ohne Zugriff auf deren interne Daten zu Telemetrie, Traffic und Nutzerverhalten.“
Am Wochenende habe es zwar einen moderaten Rückgang bei Posts und Kommentaren gegeben, räumte er ein. Der habe aber Bots und echte Nutzer gleichermaßen betroffen und sei Zufall gewesen. Das polnische Zentrum für Desinformationsanalyse der NASK stellte zwischen dem 30. September und dem 11. Oktober ebenfalls keinen nennenswerten Rückgang fest.
Auch eine Grafik, die der tschechische EU-Abgeordnete Tomáš Zdechovský geteilt hatte, steht in der Kritik. Sie sollte einen Zusammenhang zwischen den Angriffen und weniger Online-Aktivität rund um die AfD zeigen. Laut der deutschen Tech-Seite Rohtext enthielt sie jedoch weder eine Quelle noch eine Methodik.
Die Gefahr sitzt nicht in Moskau
Nach Einschätzung von Experten liegt das Kernproblem woanders. Russische Einflusskampagnen arbeiten demnach stark mit Mittelsleuten im Ausland, etwa in Nordmazedonien oder auf den Philippinen. Angriffe auf Server in Russland treffen diese Netzwerke nicht. Der Desinformationsforscher Dave Troy warnt:
„Die Gefahr besteht darin, zu glauben, man habe einen konkreten Sieg errungen. In Wirklichkeit liegt die Bedrohung woanders und muss weiterhin analysiert und bekämpft werden.“
Die Pointe ist fast schon ironisch: Ausgerechnet im Kampf gegen Desinformation verbreitete sich eine unbelegte Erfolgsmeldung bis in Ministerien und auf Sicherheitskonferenzen. Für Bürger, die ohnehin skeptisch sind, wenn Behörden oder Politiker festlegen, was im Netz als wahr gilt, ist das kein Vertrauensbeweis. Wer Fakten einfordert, sollte sie auch selbst vorlegen, besonders wenn ein Geheimdienst als Quelle genannt wird.
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