
6G-Wettlauf: Opfert Washington den Strahlenschutz dem Tempo?

Die USA drĂŒcken beim Mobilfunk der nĂ€chsten Generation aufs Gas. PrĂ€sident Donald Trump hat die FĂŒhrungsrolle bei 6G zur nationalen PrioritĂ€t erklĂ€rt. Kritiker warnen jetzt: Die Grenzwerte fĂŒr Hochfrequenzstrahlung stammen noch aus der Zeit von FaxgerĂ€t und Röhrenmonitor. Und auch in Europa sehe es kaum anders aus.
Ein Memorandum mit Sprengkraft
Am 19. Dezember 2025 unterzeichnete Trump das PrĂ€sidialmemorandum âWinning the 6G Raceâ. Der Kern: Das Frequenzband zwischen 7,125 und 7,4 Gigahertz soll von Behördensystemen gerĂ€umt und fĂŒr die kommerzielle Nutzung mit voller Sendeleistung freigegeben werden. Weitere BĂ€nder bei 2,69 bis 2,9 sowie 4,4 bis 4,94 Gigahertz sollen laut WeiĂem Haus geprĂŒft werden.
Die Branche jubelt. Der Gesundheitsschutz kommt in dem Papier dagegen nicht vor. Genau das prangern der US-Autor Gary Null und der Publizist Richard Gale in einem aktuellen Aufsatz an.
Grenzwerte aus einer anderen Epoche
Nach Darstellung der beiden Autoren stammen die Grenzwerte der US-Telekommunikationsbehörde FCC aus der Mitte der 1990er-Jahre. Sie basierten auf Forschung aus den 1980ern und berĂŒcksichtigten fast nur kurzfristige ErwĂ€rmungseffekte im Gewebe. Studien zu sogenannten nicht-thermischen Wirkungen blieben auĂen vor.
Ein Bundesberufungsgericht hatte der FCC bereits 2021 bescheinigt, keine vernĂŒnftige BegrĂŒndung dafĂŒr geliefert zu haben, die Grenzwerte trotz Hinweisen zu Langzeitbelastung, Kindern und Umwelt nicht zu ĂŒberprĂŒfen. Passiert ist seitdem wenig. Ein Gericht mahnt â und die Politik schaltet einfach einen Gang höher?
Anwohner haben das Nachsehen
Besonders brisant: Laut Null und Gale verlieren Bundesstaaten, Kommunen und BĂŒrger an Einfluss darauf, wo Masten und Kleinzellen entstehen â auch nahe Schulen und Wohngebieten. Höhere Frequenzen reichen weniger weit. FlĂ€chendeckende Versorgung bedeutet deshalb deutlich mehr Sender, dichter an den Menschen.
Schwere VorwĂŒrfe von Wissenschaftlern
Die Autoren berufen sich auf eine Reihe von Forschern. Im Fokus steht die NTP-Studie des US-Gesundheitsministeriums, die bei mĂ€nnlichen Ratten unter intensiver Bestrahlung Herztumore festgestellt hatte. Die Arzneimittelbehörde FDA habe diese selbst angestoĂene Arbeit ignoriert, so der Vorwurf.
Der Toxikologe Ronald Melnick soll die FDA-Entscheidung als âschockierendâ bezeichnet haben. Der Epidemiologe Anthony Miller halte Hochfrequenzstrahlung fĂŒr krebserregend und verweise auf Glioblastome. Martin Pall, emeritierter Professor der Washington State University, nennt unter anderem DNA-SchĂ€den, oxidativen Stress und verminderte Fruchtbarkeit. Als besonders gefĂ€hrdet gelten den Kritikern zufolge Kinder und Schwangere.
Auch die Natur leide, heiĂt es: Insekten nĂ€hmen bei diesen Frequenzen mehr Energie auf, Vögel nahe Masten wirkten hĂ€ufiger desorientiert.
Die Gegenseite: Behörden geben Entwarnung
Zur Wahrheit gehört allerdings: Die offizielle Wissenschaft sieht das deutlich gelassener. Die Krebsforschungsagentur der WHO stufte Mobilfunkstrahlung 2011 als âmöglicherweise krebserregendâ ein â Kategorie 2B. Das deutsche Bundesamt fĂŒr Strahlenschutz betont, innerhalb der geltenden Grenzwerte gebe es keine bestĂ€tigten Belege fĂŒr SchĂ€den. Es rĂ€umt aber offene Fragen ein.
Zur NTP-Studie merkt das Amt an, die Tiere seien am ganzen Körper und mit weit höherer IntensitĂ€t bestrahlt worden, als im Alltag ĂŒblich. Die Warnung der Kritiker vor einer beispiellosen Krankheitswelle ist damit wissenschaftlich keineswegs belegt.
Fortschritt ja â aber nicht im Blindflug
Und doch bleibt ein schaler Beigeschmack. Hierzulande gelten die Grenzwerte im Kern seit 1998. Seither hat sich die Funkdichte vervielfacht, mit 6G soll sie noch einmal steigen. Wer BĂŒrgern ein solches GroĂexperiment zumutet, schuldet ihnen aktuelle, unabhĂ€ngige Forschung â nicht nur Frequenzauktionen.
Ob Washington, BrĂŒssel oder Berlin: Wenn der technologische Wettlauf zur StaatsrĂ€son erklĂ€rt wird, geraten Vorsorge und kommunale Mitsprache leicht unter die RĂ€der. Ein starker Industriestandort braucht schnelle Netze. Er braucht aber auch BĂŒrger, die den Regeln vertrauen können.
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