
Goldstandard vor Gericht: Wankt Londons 276 Jahre altes System?

Ab dem 7. Oktober muss sich die London Bullion Market Association (LBMA) vor dem High Court in London verteidigen. Angehörige zweier Kleinschürfer, die 2019 an der Goldmine North Mara in Tansania getötet worden sein sollen, werfen dem Branchenverband Fahrlässigkeit vor. Auf dem Prüfstand steht damit ein System, das seit 1750 festlegt, welches Gold am wichtigsten Handelsplatz der Welt überhaupt gehandelt werden darf.
Ein Verband, der um seine Existenz fürchtet
Die LBMA spricht offen aus, was für sie auf dem Spiel steht. Sollte das Gericht ihr eine Sorgfaltspflicht im behaupteten Umfang auferlegen, wäre das in ihren eigenen Worten ohne Übertreibung eine existenzielle Frage für den Verband. So steht es in den Verteidigungsunterlagen.
Die Sorge ist nachvollziehbar. Die LBMA betreibt keine einzige Mine und zertifiziert auch keine. Sie führt die sogenannte Good Delivery List, also das Verzeichnis akkreditierter Goldraffinerien. Hätte die Klage Erfolg, könnte nach Darstellung des Verbands künftig jeder gegen ihn klagen, der irgendwo auf der Welt durch Goldbergbau zu Schaden gekommen sein will.
Was die Kläger konkret vorwerfen
Vertreten werden die Familien von der britischen Kanzlei Leigh Day. Die LBMA habe 2019 eine Raffinerie erneut zertifiziert, die Gold aus North Mara verarbeitete. Diese Zertifizierung habe nach Darstellung der Kanzlei andauernde schwere Menschenrechtsverletzungen an der Mine verschleiert. Getötet worden seien die beiden jungen Männer, damals jeweils 23 Jahre alt, entweder von der tansanischen Polizei, von privaten Wachleuten oder von beiden.
Die Mine gehört mehrheitlich dem kanadischen Konzern Barrick Mining. Barrick wollte sich nicht äußern, weist die Vorwürfe zu North Mara aber seit Längerem zurück. Tansanias Regierung und Polizei ließen Anfragen unbeantwortet. Nach Angaben der Kanzlei haben sich im Juli 2026 rund dreißig weitere Betroffene der Klage angeschlossen.
Die bemerkenswerte Wahl des Beklagten
Pikant ist die Frage, wer nicht auf der Anklagebank sitzt. Wie die LBMA betont, richte sich die Klage weder gegen die Polizei noch gegen den Minenbetreiber, die Raffinerie oder deren Prüfer. Beklagt sei allein ein Londoner Branchenverband ohne eigenes Personal in Tansania. Die Kläger argumentieren dagegen, in Tansania selbst sei Gerechtigkeit für die Familien kaum zu erreichen.
Vom Brasilien-Gold bis zum Lieferketten-Dickicht
Die Wurzeln des Systems reichen weit zurück. 1750 richtete die Bank of England die Liste ein, als London zur Drehscheibe für Gold aus Brasilien wurde. Später kamen die Goldräusche in Kalifornien, Australien und Südafrika hinzu. Die LBMA selbst wurde vor 39 Jahren von der Notenbank gegründet.
Anfangs ging es um Gewicht, Feinheit und Aussehen der Barren. Nach dem US-Gesetz zu Konfliktmineralien von 2010 erweiterte der Verband seine Regeln jedoch um die „Responsible Gold Guidance“, die sich an OECD-Leitlinien orientiert. Raffinerien müssen ihre Beschaffungskontrollen seither jährlich unabhängig prüfen lassen.
Genau hier setzt die Klage an. Leigh Day zufolge klaffe zwischen dem, was ein solches Zertifikat verspreche, und dem, was die LBMA tatsächlich zur Kontrolle risikoreicher Minen unternehme, ein tiefer Graben. LBMA-Chefin Ruth Crowell hält dagegen:
„The claim misconstrues LBMA’s role in the supply chain, and we deny that LBMA owed the duty of care alleged in these proceedings.“
Man verteidige sich, damit das Gericht die Rolle des Verbands klären könne, so Crowell.
Warum das auch deutsche Anleger angeht
Der Fall reicht weit über London hinaus. Im Loco-London-Handel werden nur Barren von Raffinerien auf der Good-Delivery-Liste akzeptiert. Nach Angaben der Kanzlei werden dort pro Woche rund 230 Milliarden US-Dollar in Gold umgesetzt.
Beobachter dürften in dem Prozess auch ein Lehrstück sehen. Wer Europas Lieferkettengesetze kennt, weiß, wie schnell gut gemeinte Sorgfaltspflichten zur Haftungsfalle für jeden Beteiligten werden. Die eigentliche Verantwortung für Gewalt liegt nach Überzeugung vieler dort, wo sie ausgeübt wird. Einen Verband in London dafür haften zu lassen, wäre ein gewagter Schritt.
Für Goldkäufer ändert sich vorerst nichts. Gold notiert an den Terminmärkten bei rund 4.700 US-Dollar je Unze. Wer auf zertifizierte Barren seriöser Raffinerien setzt, kauft weiterhin ein Stück Vertrauen, das sich über Jahrhunderte bewährt hat. Physische Edelmetalle bleiben aus unserer Sicht eine sinnvolle Beimischung in einem breit gestreuten Vermögen.
Hinweis: Dieser Beitrag stellt keine Anlageberatung dar. Er gibt die Meinung unserer Redaktion und die uns vorliegenden Informationen wieder. Jeder Anleger sollte selbst recherchieren und trägt die Verantwortung für seine Anlageentscheidungen allein.
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