
Schwarz-Rot-Gold in Kamenz: Ein Volksfest beschämt die Republik

1.850 Schüler in weißen Kleidern, Blumensträuße in den Händen, Schärpen in Schwarz-Rot-Gold über der Brust: In der sächsischen Kleinstadt Kamenz ist in der letzten Augustwoche das 250. Forstfest gefeiert worden. Bilder des Festzugs gingen anschließend auf der Plattform X viral – und lösten bei vielen Betrachtern ungläubiges Staunen aus.
Ein bekannter Publizist gestand in einem Kommentar, er habe die Aufnahmen zunächst für KI-Kunstwerke gehalten. Zu schön, zu geordnet, zu selbstverständlich patriotisch für das Deutschland des Jahres 2026.
Ein Ritual, das älter ist als das Kaiserreich
Doch das Fest ist echt – und uralt. Nach Angaben der Deutschen UNESCO-Kommission wird das Kamenzer Schul- und Heimatfest seit mehr als 300 Jahren begangen, stets in der Woche um den 24. August, den Bartholomäustag. 2021 wurde es in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen.
Die Wurzeln reichen noch tiefer: Bereits im 14. Jahrhundert sollen Kamenzer Schüler zu Ehren des Apostels Bartholomäus in Prozessionen gezogen sein. Seit 1570 nimmt der Zug denselben Weg – vom früheren Klosterhof durch das Klostertor über den Markt hinunter in Richtung Forst. Dieselben Straßen, dieselbe Choreografie, Generation um Generation.
Die Sage erzählt es romantischer: Hussiten hätten die Stadt belagert und Lösegeld gefordert. Weil die Bürger nicht zahlen konnten, schickten sie ihre Kinder in weißen, blumengeschmückten Kleidern ins Lager der Belagerer – und die zogen gerührt ab. Historisch belegt ist das nicht. Als Gründungsmythos einer Stadtgemeinschaft wirkt es bis heute.
Der Staat schrumpfte das Fest – die Bürger holten es zurück
Dass Obrigkeiten mit ausgelassener Volkskultur fremdeln, ist übrigens keine Erfindung der Gegenwart. 1838 wies die Kreisdirektion in Bautzen den Kamenzer Stadtrat an, das Fest auf zwei Tage zu kürzen. Die Beschwerde der Stadtverordneten blieb erfolglos.
Das Ergebnis? Die Kamenzer holten sich die Tage über Umwege zurück – erst kam der Turnerauszug am Dienstag hinzu, dann das Feuerwerk am Mittwoch. Auch die DDR bekam das Ritual nicht klein: Der Forstfestumzug überstand vier Jahrzehnte Sozialismus. Zähigkeit schlägt Verordnung.
Warum die Bilder so viele Menschen berühren
Was den Kommentar auslöste, war weniger das Fest selbst als der Kontrast. Anmut, Fröhlichkeit, Unbefangenheit – und dazu ganz selbstverständlich die Nationalfarben, neben Schärpen für die Lausitz, für Sachsen, für Kamenz. Es sei erschütternd, so der Autor sinngemäß, dass es Deutschland an solchen Momenten festlicher Freude mit ausdrücklichem Bezug zur Nation mangele.
Aus Sicht unserer Redaktion trifft das einen Nerv. In vielen deutschen Städten ist die Fahne zum Reizthema geworden, während Form und Stil im öffentlichen Raum verkommen. In Kamenz zeigt sich das Gegenteil: Eltern, Lehrer, Schüler, Vereine und Schützen tragen ein Ritual gemeinsam – ohne Förderprogramm, ohne Kampagne, ohne Belehrung von oben.
Genau darin liegt die Lehre. Kamenz lässt sich nicht kopieren, gewachsene Traditionen sind kein Baukasten. Aber es zeigt, dass Identität nichts Verdächtiges ist, sondern der Kitt, der eine Gemeinschaft zusammenhält.
Wer je erlebt hat, wie eine ganze Stadt zwei Kilometer Festzug trägt, versteht: Werte, die Bestand haben, entstehen nicht in Ministerien – sie werden weitergegeben.
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