
2,20 Euro pro Liter: Der Kassenbon, der den Wahlkampf sprengt

Ein zerknitterter Zettel als politische Waffe: Beim TV-Duell vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt zog AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund eine Tankquittung aus dem Sakko – 2,20 Euro für den Liter. Gegenüber stand ihm Ministerpräsident Sven Schulze (CDU). Gewählt wird an diesem Sonntag, dem 6. September.
Siegmunds Vorwurf, die Bürger würden abgezockt, mag zugespitzt sein. Doch der Preis auf dem Bon ist keine Ausnahme von der teuersten Autobahnraststätte – er entspricht ziemlich exakt dem deutschen Durchschnitt.
Rekordpreise: So teuer war Tanken in Deutschland noch nie
Nach ADAC-Auswertungen kostete Super E10 zuletzt bundesweit rund 2,18 Euro je Liter, Diesel etwa 2,23 Euro. Am Mittwoch kletterte E10 im Tagesdurchschnitt auf 2,215 Euro – ein nominaler Rekord. Eine 50-Liter-Füllung kostet damit knapp 111 Euro.
Im Monatsmittel August lag E10 bei 2,145 Euro, Diesel bei 2,223 Euro. Gegenüber dem Jahresdurchschnitt 2025 bedeutet das ein Plus von rund 46 Cent beim Benzin (27 Prozent) und etwa 61 Cent beim Diesel (38 Prozent). Wer im Jahr 1.000 Liter verfährt, zahlt 460 bis 610 Euro mehr. Einfach so.
Mehr als jeder zweite Euro geht an den Fiskus
Der eigentliche Skandal steckt nicht im Ölpreis, sondern in der Preisstruktur. Auf jeden Liter Benzin entfallen 65,45 Cent Energiesteuer – unabhängig davon, was das Rohöl gerade kostet. Dazu kommt der CO2-Preis mit rund 17 Cent. Und obendrauf 19 Prozent Mehrwertsteuer, berechnet auch auf die Steuern selbst.
- Benzin (2,20 €/l): rund 1,16 bis 1,18 Euro staatlich veranlasst
- Diesel (2,23 €/l): rund 1,00 bis 1,02 Euro, also 45 bis 47 Prozent
Der ADAC bezifferte den Steuer- und Abgabenanteil beim Benzin im Juli auf etwa 57 Prozent. Bei einer 110-Euro-Tankfüllung sind das grob 58 Euro für den Staat. Steuern auf Steuern – ein Modell, das kein privates Unternehmen seinen Kunden je erklären könnte.
Der Blick über die Grenze tut weh
Ein Vergleich des Statistischen Bundesamtes zum 31. August 2026 zeigt das Ausmaß: In Polen kostet Benzin 1,52 Euro, in Tschechien 1,74, in Österreich 1,78 – in Deutschland 2,24 Euro. Wer in Polen tankt, spart rechnerisch rund 72 Cent je Liter, bei 50 Litern also etwa 36 Euro. Nur Dänemark und die Niederlande liegen über deutschem Niveau.
Zur Wahrheit gehört: Der Preissprung seit Ende Februar geht wesentlich auf den Iran-Konflikt, teures Rohöl (Brent zuletzt rund 95 Dollar), knappe Raffineriekapazitäten und niedrige Rheinpegel zurück. Der befristete Tankrabatt von Mai bis Juni entlastete um rund 17 Cent – und fiel am 1. Juli ersatzlos weg.
Warum das Thema in Sachsen-Anhalt zündet
Auf dem Land ist das Auto kein Hobby, sondern Voraussetzung für den Arbeitsweg. Aus Sicht unserer Redaktion trifft die Klima- und Steuerpolitik damit ausgerechnet jene, die morgens früh aufstehen – Pendler, Handwerker, Pflegekräfte. Dass ein Kassenbon zum Wahlkampfsymbol wird, ist deshalb weniger Effekthascherei als Ausdruck realer Wut.
Bemerkenswert bleibt, wie geräuschlos das bislang hingenommen wird. Politisch gemachte Preise sind politisch änderbar – daran werden sich Regierende messen lassen müssen.
Hinweis: Dieser Beitrag gibt die Einschätzung unserer Redaktion auf Basis der uns vorliegenden Informationen wieder. Er stellt keine Steuer- oder Rechtsberatung und keine Anlageberatung dar. Für eigene finanzielle Entscheidungen ist jeder Leser selbst verantwortlich.

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