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29.06.2026
06:09 Uhr

Saalekreis: Wenn 46 Prozent für die AfD als „verebbte Welle“ verkauft werden

Saalekreis: Wenn 46 Prozent für die AfD als „verebbte Welle“ verkauft werden

Es ist ein Phänomen, das man fast schon mit der Lupe eines Politologen betrachten möchte: Eine Partei holt in einem Landkreis nahezu die Hälfte aller Stimmen – und die Konkurrenz feiert sich anschließend, als hätte sie soeben einen erdrutschartigen Triumph eingefahren. Genau dieses Schauspiel bot sich am vergangenen Sonntag im Saalekreis in Sachsen-Anhalt, wo bei der Stichwahl um den Landratsposten der CDU-Kandidat Sven Czekalla mit rund 54 Prozent gegen den AfD-Mann Uwe Arendt obsiegte. Arendt kam auf etwa 46 Prozent.

Eine Niederlage, die nach Sieg riecht

Man muss sich diese Zahl auf der Zunge zergehen lassen. Nahezu jeder zweite Wähler im Saalekreis hätte den AfD-Kandidaten an der Spitze des Landkreises sehen wollen – und das nicht in einem rein ländlichen, sondern in einem von der Chemieindustrie geprägten Landstrich, in dem es nicht nur um Folklore, sondern um knallharte Standortfragen und den Erhalt von Arbeitsplätzen ging. Bei der vergangenen Landtagswahl hatte die AfD im selben Kreis lediglich knapp 24 Prozent der Zweitstimmen geholt. Bei der jüngsten Bundestagswahl waren es bereits rund 40 Prozent. Und nun also fast die Hälfte.

Und doch griff die stellvertretende CDU-Generalsekretärin Christina Stumpp in die rhetorische Trickkiste. Auf der Plattform X verkündete die Bundestagsabgeordnete, die angekündigte „blaue Welle“ sei „verebbt, bevor sie sich überhaupt aufbauen konnte“. Man dürfe diesen „CDU-Trend“ nun bis zur Landtagswahl ausbauen.

Die angekündigte „blaue Welle“ ist verebbt, bevor sie sich überhaupt aufbauen konnte.

Realitätsverweigerung als politisches Programm

Es ist eine bemerkenswerte Form der Wahrnehmung, die sich hier offenbart. Wer 46 Prozent als das Versanden einer Bewegung deutet, der hat entweder ein eigenwilliges Verständnis von Mathematik – oder er betreibt bewusste Augenwischerei, um die eigene Wählerschaft bei Laune zu halten. Denn rein rechnerisch gäbe es für die Christdemokraten beim besten Willen keinen Grund zum Jubeln. Würde die AfD bei der Landtagswahl im September ein vergleichbares Ergebnis einfahren, läge sie nahe an einer absoluten Mehrheit.

Die Zahlen sprechen ohnehin eine deutliche Sprache. Eine Insa-Umfrage von Mitte Mai sah die AfD in Sachsen-Anhalt bei 42 Prozent – nur etwa einen Prozentpunkt von der absoluten Mehrheit entfernt. Seitdem hat die Partei in bundesweiten Umfragen weiter zugelegt. Die CDU dagegen dümpelt trotz des Amtsbonus von Ministerpräsident Sven Schulze bei rund 24 Prozent auf einem abgeschlagenen zweiten Platz herum.

Die Brandmauer als Selbstfesselung

Besonders pikant wird die Lage, wenn man sich die Folgen der vielbeschworenen „Brandmauer“ vor Augen führt. Sollte die CDU weiterhin daran festhalten, jede Zusammenarbeit mit der stärksten Kraft kategorisch auszuschließen, bliebe ihr Stand jetzt nur eine Koalition mit SPD und Linkspartei – also ausgerechnet mit jener Partei, mit der eigentlich ein Unvereinbarkeitsbeschluss besteht. Die Christdemokraten manövrieren sich damit in eine groteske Lage: Lieber mit den Erben der SED paktieren, als den Wählerwillen zur Kenntnis zu nehmen. Es ist eine Strategie, die das politische Establishment seit Jahren verfolgt und die im Osten der Republik immer offenkundiger an ihre Grenzen stößt.

Ein Wahlkampf mit Beigeschmack

Der AfD-Kandidat Arendt war von manchen bereits zum Favoriten erklärt worden, unterlag dann jedoch knapp. Im Wahlkampf hatte für Diskussionen gesorgt, dass gegen ihn als Polizeibeamten ein Disziplinarverfahren laufen soll. Medienberichten zufolge habe er trotz Krankschreibung Wahlkampf betrieben und als DJ aufgelegt – Vorwürfe, die er selbst bestreitet. Wie sehr derartige Vorgänge das Ergebnis tatsächlich beeinflusst haben, lässt sich kaum seriös beziffern.

Festzuhalten bleibt: Wer angesichts eines solchen Stimmungsbildes von einer „verebbten Welle“ spricht, dürfte im kommenden Herbst womöglich eine unangenehme Überraschung erleben. Denn 46 Prozent sind keine Fußnote, sondern ein donnerndes Signal an die etablierten Parteien – ein Signal, das man in den Berliner Parteizentralen offenbar lieber wegredet, als es ernst zu nehmen. Es ist diese hartnäckige Weigerung, den Bürgern wirklich zuzuhören, die das Vertrauen in die alten Volksparteien Stück für Stück erodieren lässt.

Die kommenden Landtagswahlen im September dürften zeigen, wer am Ende lacht. Ob die selbstbewussten Durchhalteparolen der CDU-Spitze dann noch dieselbe Wirkung entfalten, darf bezweifelt werden. Eines jedenfalls scheint sicher: Die Behauptung, hier baue sich gar keine Welle auf, wirkt angesichts der nackten Zahlen eher wie das Pfeifen im sprichwörtlichen dunklen Walde.

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