
Rhein auf Rekordtief, Gasspeicher halb leer – Deutschland schlittert erneut ungebremst in den Winter

Zwanzig Zentimeter. So viel Wasser stand Anfang August am Pegel Kaub im Rhein-Lahn-Kreis. Nicht zwanzig Dezimeter, nicht zwei Meter – zwanzig Zentimeter. Ein Wert, der in einer Industrienation, die sich noch immer für die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt hält, eigentlich Alarmglocken bis in die letzte Amtsstube schrillen lassen müsste. Doch in Berlin herrscht das, was man dort seit Jahren am besten beherrscht: geschäftiges Nichtstun mit maximaler Pressearbeit.
Wenn die Lebensader des Landes zum Rinnsal wird
Der Rhein ist keine Postkartenkulisse für Weinseligkeit, sondern die wichtigste Transportachse der deutschen Industrie. Über ihn fließen Mineralölprodukte, Chemierohstoffe, Kohle, Baustoffe. Wenn ein Frachtschiff nur noch zu einem Viertel beladen werden kann, dann muss es eben viermal fahren – und genau das kostet, wie ein Sprecher des Branchenverbands en2x nüchtern feststellte, schlicht das Vierfache an Logistik. Diese Kosten verschwinden nicht im Nirwana. Sie landen an der Zapfsäule, in der Heizkostenabrechnung und in den Kalkulationen jener energieintensiven Betriebe entlang des Rheins, die ohnehin schon mit dem Rücken zur Wand stehen.
Die naheliegende Ausweichroute wäre die Schiene. Doch wer schon einmal versucht hat, in Deutschland Güter planbar auf der Bahn zu bewegen, kennt die Antwort: Baustellen, Sanierungsstaus, Kapazitätsengpässe. Ein Netz, das über Jahrzehnte kaputtgespart und gleichzeitig mit ideologischen Wunschprojekten überfrachtet wurde, kann keine Ausfälle auffangen. Die Straße bleibt – jener Verkehrsträger also, den man politisch am liebsten verteuert, mit Maut belegt und moralisch geächtet hätte. Die Ironie ist bitter.
Gasspeicher: Halb leer und keiner will einlagern
Noch unangenehmer liest sich der Blick auf die Gasspeicher. Der Füllstand liegt deutlich unter 50 Prozent, die tägliche Einspeicherung kriecht mit 0,1 Prozentpunkten dahin. Zum Vergleich: Im Vorjahr waren zum selben Zeitpunkt bereits 62,1 Prozent erreicht. Die Gasspeicherfüllstandsverordnung schreibt zum 1. November 80 Prozent vor. Rechnerisch, so die Initiative Energien Speichern (INES), ließe sich immerhin der vertraglich gebuchte Wert von 76 Prozent noch erreichen. Technisch. Theoretisch. Wenn denn jemand einspeichern wollte.
„Bei einem außergewöhnlich kalten Winter steigen die Risiken erheblich“, warnt INES-Geschäftsführer Sebastian Heinermann.
Genau daran hapert es. Die Preisstruktur an den Märkten biete derzeit kaum Anreize, zusätzliche Mengen einzulagern, heißt es. Übersetzt: Wer heute teuer kauft, um im Februar womöglich billiger zu verkaufen, handelt betriebswirtschaftlich unvernünftig. Gebuchte Kapazitäten bleiben deshalb ungenutzt. Der Markt macht, was Märkte tun – er folgt den Preissignalen. Nur hat die Politik diese Signale mit Umlagen, Verordnungen und Interventionen so gründlich verbogen, dass am Ende niemand mehr weiß, wer eigentlich die Verantwortung für die Versorgungssicherheit trägt.
Der letzte Winter war schon knapp – und was hat man daraus gelernt?
Man erinnere sich: Bereits im vergangenen Winter konnte eine Gasmangellage nur mit Ach und Krach abgewendet werden. Ein normaler Staat hätte daraus Konsequenzen gezogen. Deutschland hat stattdessen weiter über Wärmepumpenquoten, Verbrennerverbote und die grundgesetzliche Verankerung der Klimaneutralität bis 2045 diskutiert. Man verankert also Zielvorgaben für das Jahr 2045 in der Verfassung, während man nicht einmal garantieren kann, dass die Wohnungen im Januar 2027 warm werden. Das ist keine Energiepolitik. Das ist Symbolpolitik mit Verfassungsrang.
Dazu kommen die außenpolitischen Verwerfungen: der andauernde Ukraine-Krieg, die Eskalation im Nahen Osten. Zwar bezieht Deutschland nur rund sechs Prozent seines Rohöls aus der Golfregion, doch Ölmärkte sind global. Ein verknapptes Weltangebot trifft jeden – auch den, der sich für unbeteiligt hält. Wer sich gleichzeitig von russischen Lieferungen verabschiedet, die eigene Kernkraft abgeschaltet und die heimische Förderung ideologisch geächtet hat, steht am Ende mit einem Portfolio aus lauter Abhängigkeiten da. Und mit einem Wetterrisiko als Geschäftsmodell.
Modellrechnungen sind kein Kaminfeuer
INES formuliert es diplomatisch: Für durchschnittliche Winter sei die Versorgung abgesichert. Wiederholte sich hingegen ein Wetterverlauf wie im Referenzjahr 2010, könnten 76 Prozent Füllstand nicht ausreichen. Ein durchschnittlicher Winter also. Man stelle sich vor, die Feuerwehr würde erklären, sie sei für durchschnittliche Brände gerüstet. Versorgungssicherheit bemisst sich nicht am Normalfall, sondern am Ernstfall. Alles andere ist Hoffnung – und Hoffnung ist bekanntlich keine Strategie.
Die Forderung der Speicherbetreiber ist entsprechend klar: Es brauche jetzt, im Sommer, die Voraussetzungen für eine stärkere Befüllung. Ob die Große Koalition unter Friedrich Merz und Lars Klingbeil diese Dringlichkeit begreift, darf bezweifelt werden. Man ist dort gerade damit beschäftigt, ein 500-Milliarden-Sondervermögen zu verteilen – finanziert auf Pump, obwohl genau das Gegenteil versprochen worden war. Geld für alles. Nur nicht für die banale Frage, ob im Dezember die Heizung läuft.
Was das für den Bürger bedeutet
Der Bürger zahlt. Er zahlt an der Tankstelle für die Rheinlogistik. Er zahlt in der Nebenkostenabrechnung für knappes Gas. Er zahlt über den Arbeitsplatzabbau jener Industrie, die ihre Standortentscheidungen längst nicht mehr in Ludwigshafen, sondern in Texas oder Asien trifft. Und er zahlt über die Inflation, die aus schuldenfinanzierten Sondervermögen und steigenden Energiekosten unweigerlich erwächst.
Wer in einem solchen Umfeld sein Vermögen ausschließlich in Papierwerten, Girokonten oder politisch gesteuerten Anlageklassen hält, sollte sich der Risiken bewusst sein. Physisches Gold und Silber haben in den vergangenen Jahrhunderten jede Energiekrise, jede Währungsreform und jede politische Fehlentscheidung überdauert – sie sind keine Renditeversprechen, aber sie sind ein Gegengewicht in einem Portfolio, das sonst vollständig vom Wohlwollen der Politik abhängt. Ein breit gestreutes Vermögen kommt ohne diesen Anker kaum aus.
Hinweis: Dieser Beitrag gibt die Einschätzung unserer Redaktion wieder und stellt ausdrücklich keine Anlageberatung dar. Wir empfehlen keine konkreten Finanzprodukte, Unternehmen oder Berater. Jeder Anleger ist verpflichtet, sich eigenständig zu informieren, die Chancen und Risiken einer Investition selbst zu prüfen und trägt die Verantwortung für seine Entscheidungen allein. Eine Haftung für Vermögensschäden ist ausgeschlossen.

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