
NSDAP-Vergleich von der Bühne: Campino keilt gegen AfD-Wähler

Der Sänger der Toten Hosen hat bei Konzerten in Hamburg und Dresden AfD-Wähler frontal attackiert. Bei seinem Auftritt am 27. August auf der Trabrennbahn Bahrenfeld erklärte der 64-Jährige, wer heute so wähle, hätte Anfang der 1930er-Jahre „wahrscheinlich die NSDAP gewählt“. Ein Mitschnitt der Ansage verbreitete sich anschließend rasant in den sozialen Netzwerken.
Zuvor hatte Campino vor rund 35.000 Zuschauern von der Bühne gerufen, wer sein Kreuz bei der AfD mache, wähle eine „neofaschistische Partei“. Teile des Publikums antworteten laut einem Bericht der Hamburger Morgenpost mit „Nazis raus“-Rufen.
Ansage an „die 40 Prozent“
Zwei Tage später, vor rund 65.000 Menschen in Dresden, legte der Sänger nach – diesmal mit direktem Bezug auf die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Der Sächsischen Zeitung zufolge sagte er:
„40 Prozent wählen die AfD. Aber 60 Prozent wollen sie verdammt noch mal nicht.“
An die Anhänger der Partei gerichtet folgte der Satz: „Hier ist ein Gruß an die 40 Prozent: Wir sind eure schlechten Nachbarn.“ Der Zeitpunkt ist kein Zufall: Sachsen-Anhalt wählt an diesem Sonntag, dem 6. September, einen neuen Landtag. In Umfragen liegt die AfD Medienberichten zufolge zwischen 40 und 43 Prozent und damit klar vor der CDU von Ministerpräsident Sven Schulze.
Wenn Millionen-Tourneen zur politischen Kanzel werden
Den Vorwurf, aus einer privilegierten Position heraus zu belehren, wies Campino zurück. Politische Kernaussagen habe die Band schon erzählt, als sie noch in besetzten Häusern gespielt habe; Versuche, sie deshalb zu diskreditieren, interessierten ihn „einen Scheißdreck“.
Nur: Wer Zehntausende zahlende Gäste vor sich hat, spricht nicht mehr aus dem Untergrund. Aus Sicht unserer Redaktion ist der Applaus für solche Ansagen heute die risikoärmste Währung im deutschen Kulturbetrieb. Mutig ist daran wenig – wohlfeil dagegen einiges.
Der Streit um die „Trottel“
Bereits Mitte August hatte Campino bei einem Konzert in Hannover jene als „Trottel“ bezeichnet, die deutsche Städte heute für unsicherer halten als früher. Die Verunsicherung führte er auf soziale Medien und deren Algorithmen zurück: „Es ist alles Quatsch.“
Diese Einschätzung dürften viele Bürger anders sehen. Die Polizeiliche Kriminalstatistik weist für Deutschland ein Rekordniveau bei der erfassten Kriminalität und einen deutlichen Anstieg bei Messerangriffen aus. Wer in Bahnhofsvierteln, Parks oder Nahverkehr eigene Erfahrungen gemacht hat, lässt sich sein Sicherheitsgefühl kaum von der Bühne wegdefinieren.
Beschimpfen statt überzeugen – die Rechnung geht nicht auf
Politisch bemerkenswert ist vor allem eines: Seit Jahren wird die Wählerschaft der AfD moralisch adressiert – und seit Jahren steigen deren Umfragewerte, besonders im Osten. Kritiker dieser Strategie sehen darin ein Muster: Wer Millionen Wähler pauschal in die Nähe historischer Verbrecher rückt, treibt sie eher weiter weg, statt sie zurückzuholen.
Die eigentliche Aufgabe läge bei den regierenden Parteien in Bund und Land: Migration, innere Sicherheit, Energiepreise, Bürokratielast. Solange dort die Antworten dünn bleiben, ersetzen Empörungsrituale die Politik.
Die Toten Hosen sind derzeit mit ihrer Tour „Trink Aus! Wir Müssen Gehen“ unterwegs und sprechen selbst von der „Zielgeraden“ ihrer Karriere. Der bislang letzte angekündigte Auftritt ist für den 10. Juli 2027 in Düsseldorf geplant.

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