
Merz in Peking: Zwischen Kotau und Realpolitik offenbart sich Deutschlands fatale China-Abhängigkeit
Es sind Bilder, die man kennt. Ein deutscher Bundeskanzler schlendert durch die Verbotene Stadt, lässt sich historische Details erklären, lächelt für die Kameras. Schöne Kulissen, weichgezeichnete Diplomatie. Doch hinter der Fassade dieser inszenierten Harmonie verbirgt sich eine unbequeme Wahrheit, die Friedrich Merz auf seiner ersten China-Reise mit aller Wucht eingeholt hat: Deutschland ist von der Volksrepublik in einem Ausmaß abhängig, das an wirtschaftliche Erpressbarkeit grenzt.
Dreißig Konzernchefs und null Ergebnisse
Neun Monate nach seiner Wahl zum Kanzler reiste Merz mit einer imposanten Wirtschaftsdelegation nach Peking – dreißig Konzernchefs im Schlepptau, die Agenda klar: Wirtschaft, Wirtschaft und nochmals Wirtschaft. Man traf Ministerpräsident Li Qiang, man traf Staatspräsident Xi Jinping. Man sprach über unfaire Wettbewerbsbedingungen, über die systematische Bevorzugung chinesischer Unternehmen auf dem heimischen Markt, über die Flut billiger Waren, die Europa überschwemmt. Und was kam dabei heraus? Blumige Ausführungen von chinesischer Seite. Ein höfliches Lächeln. Konkretes? Fehlanzeige.
Wer sich erinnert, wie scharf Merz als Oppositionspolitiker noch die China-Politik seines Vorgängers Olaf Scholz gegeißelt hatte, der reibt sich verwundert die Augen. In Berlin tönte der CDU-Chef noch markig, in Peking wurde die Kritik auffallend leise vorgetragen. Es ist das ewig gleiche Schauspiel deutscher Kanzler im Reich der Mitte: Große Worte vor der Abreise, kleine Schritte vor Ort. Die Realpolitik frisst ihre Kinder.
Seltene Erden: Chinas schärfste Waffe
Besonders brisant ist die Lage bei den seltenen Erden. China kontrolliert rund 90 Prozent der weltweiten Weiterverarbeitung dieser strategisch unverzichtbaren Rohstoffe und bestimmt damit faktisch die Preise auf dem Weltmarkt. Deutschland importiert etwa zwei Drittel seiner seltenen Erden aus der Volksrepublik – eine Abhängigkeit, die man nur als fahrlässig bezeichnen kann. Seit dem eskalierenden Handelsstreit mit den USA im April 2025 exportiert Peking diese Mineralien kaum noch. Für deutsche Autobauer und Chip-Hersteller ist das nichts weniger als eine Katastrophe.
Und genau hier offenbart sich das ganze Dilemma: Merz ist beim Thema seltene Erden keinen Millimeter vorangekommen. China sitzt am längeren Hebel, und das weiß Xi Jinping nur zu genau. Jahrzehntelang hat die deutsche Politik – unter Merkel wie unter Scholz – sehenden Auges zugelassen, dass sich diese einseitige Abhängigkeit verfestigt. Statt rechtzeitig alternative Lieferketten aufzubauen, statt in eigene Rohstoffgewinnung zu investieren, hat man sich bequem in den Schoß des billigen chinesischen Angebots gelegt. Nun zahlt Deutschland den Preis für diese strategische Blindheit.
Trumps Zölle treiben China nach Europa
Die geopolitische Großwetterlage verschärft die Situation zusätzlich. Seit Donald Trump mit seinen drakonischen Zöllen von 34 Prozent auf chinesische Waren den amerikanischen Markt weitgehend abgeriegelt hat, sucht Peking verzweifelt nach Absatzmärkten für seine staatlich subventionierten Überkapazitäten. Europa – und insbesondere Deutschland – wird zur Müllhalde für Billigprodukte aus der Elektroauto-, Batterie- und Solarindustrie. Die EU reagiert zwar mit Schutzmaßnahmen gegen subventionierte E-Autos, doch ob diese ausreichen, darf bezweifelt werden.
Man muss sich die Absurdität vor Augen führen: Während die deutsche Automobilindustrie unter Überregulierung, explodierenden Energiekosten und ideologiegetriebener Klimapolitik ächzt, flutet China den europäischen Markt mit Fahrzeugen, die dank massiver Staatssubventionen zu Schleuderpreisen angeboten werden. Ein fairer Wettbewerb sieht anders aus.
Pressefreiheit? Nicht in Peking
Bezeichnend für den Charakter dieser Reise war auch der Umgang mit der Presse. Die chinesische Seite schränkte kurz vor Merz' Ankunft den Zugang für Journalisten nochmals drastisch ein. Eine gemeinsame Pressekonferenz der beiden Staatschefs? Gab es nicht. Stattdessen mussten sich die mitreisenden Reporter mit dürren Statements des Bundeskanzlers begnügen. Kritische Nachfragen an die chinesische Führung – etwa zur Rolle Pekings im Ukraine-Krieg oder zu konkreten Zugeständnissen für die deutsche Industrie – blieben unbeantwortet. Selbst für chinesische Verhältnisse sei dies ungewöhnlich restriktiv gewesen, heißt es aus Delegationskreisen.
Dass sämtliche Mitglieder der Delegation zudem mit speziell präparierten Geräten reisen mussten – Laptops mit Minimalprogrammen, Handys ohne echte Kontakte, fremde Telefonnummern –, spricht Bände über das Vertrauen, das man dem „Partner" China entgegenbringt. Zurück in Deutschland werden alle Geräte komplett zurückgesetzt. Spionage als Normalzustand – und dennoch spielte das Thema in den offiziellen Gesprächen keine Rolle. Man fragt sich unwillkürlich: Warum eigentlich nicht?
Ein Airbus-Deal als Trostpflaster
Als greifbares Ergebnis seiner Reise konnte Merz immerhin verkünden, dass China 120 Flugzeuge von Airbus bestellen wolle. Ein Großauftrag, gewiss. Doch er kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass bei allen strategisch entscheidenden Fragen – seltene Erden, faire Marktzugänge, Überkapazitäten – nichts Substanzielles erreicht wurde. Ein Flugzeugdeal als Beruhigungspille für die deutsche Öffentlichkeit, während die fundamentalen Probleme ungelöst bleiben.
Friedrich Merz wirke „mit sich und seiner Reise zufrieden", heißt es. Man möchte ihm zurufen: Zufriedenheit ist hier fehl am Platz. Deutschland braucht keine diplomatischen Wohlfühlmomente in der Verbotenen Stadt, sondern eine grundlegende Neuausrichtung seiner China-Strategie. Es braucht den Aufbau alternativer Lieferketten, massive Investitionen in eigene Rohstoffkapazitäten und den Mut, Peking auch dann die Stirn zu bieten, wenn es wirtschaftlich unbequem wird.
Die Lehre aus Peking
Die eigentliche Lehre dieser Reise ist so simpel wie schmerzhaft: Wer sich über Jahrzehnte in die Abhängigkeit eines autoritären Regimes begibt, verliert am Ende seine Verhandlungsmacht. Deutschland hat genau das getan – erst mit russischem Gas, nun mit chinesischen Rohstoffen. Es ist ein Muster strategischer Naivität, das sich durch die deutsche Außen- und Wirtschaftspolitik zieht wie ein roter Faden. Und solange sich daran nichts ändert, werden deutsche Kanzler auch in Zukunft durch die Verbotene Stadt spazieren, schöne Bilder produzieren – und mit leeren Händen nach Hause fliegen.
In Zeiten, in denen die deutsche Wirtschaft lahmt, das Verhältnis zu den USA unter Trump angespannt ist und die geopolitischen Verwerfungen zunehmen, wäre es an der Zeit, dass Berlin endlich eine souveräne Strategie entwickelt. Doch dafür bräuchte es politischen Mut – und den vermisst man in der Großen Koalition aus CDU/CSU und SPD schmerzlich. Stattdessen regiert das Prinzip Hoffnung. Und Hoffnung, das wusste schon Machiavelli, ist eine schlechte Ratgeberin in der Politik.












