
Machtvakuum in Teheran: Das Mullah-Regime taumelt am Abgrund

Was sich derzeit im Iran abspielt, gleicht einem geopolitischen Erdbeben, dessen Nachbeben die gesamte Region noch über Jahre erschüttern dürften. Der Tod des Obersten Führers Ajatollah Chamenei – ausgeschaltet durch die kombinierten Militärschläge Israels und der Vereinigten Staaten – hat das theokratische Regime in seinem Fundament getroffen. Was bleibt, ist ein Machtvakuum von historischer Dimension und die bange Frage: Steht der Iran vor dem Zusammenbruch oder vor einem noch gefährlicheren Chaos?
Ein Dreiergremium ohne Autorität
Die Rolle des getöteten Diktators wurde hastig auf ein dreiköpfiges Gremium übertragen: Präsident Masoud Peseschkian, Justizchef Gholamhossein Mohseni Edschehi und Alireza Arafi aus dem Wächterrat sollen nun gemeinsam die Geschicke des Landes lenken. Doch wer glaubt, dass drei Köpfe mehr Weisheit bringen als einer, der irrt gewaltig. Die Realität zeichnet ein Bild des totalen Kontrollverlusts.
Besonders alarmierend sind die Eingeständnisse aus dem Regierungsapparat selbst. Irans Außenminister Abbas Araghchi räumte offen ein, dass Teile des iranischen Militärs eigenmächtig handeln würden – „unabhängig und etwas isoliert", wie er es diplomatisch formulierte. Konkret ging es um iranische Angriffe auf das eigentlich neutrale Sultanat Oman. „Was im Oman geschah, war nicht unsere Entscheidung", so der Minister. Man habe die Streitkräfte angewiesen, bei der Wahl ihrer Ziele vorsichtiger zu sein.
Man lasse sich diese Worte auf der Zunge zergehen: Ein Außenminister gesteht vor der Weltöffentlichkeit, dass sein Land die Kontrolle über die eigenen Streitkräfte verloren hat. Fanatische Kommandeure feuern offenbar nach eigenem Gutdünken Raketen auf souveräne Staaten ab. Ob diese Darstellung der Wahrheit entspricht oder lediglich ein verzweifelter Versuch ist, diplomatischen Schaden zu begrenzen, sei dahingestellt. Allein die Tatsache, dass ein solches Eingeständnis überhaupt gemacht wird, offenbart die Tiefe der Krise.
Angriffe auf Verbündete – das Chaos wird greifbar
Seit Tagen attackiert der Iran mehrere arabische Golfstaaten, allen voran Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate. Das allein wäre schon eine massive Eskalation. Doch dass auch Staaten wie Oman und Katar unter Beschuss geraten – Länder, die dem Iran keineswegs feindlich gegenüberstanden und sogar als Vermittler auftraten –, illustriert das Ausmaß der Desintegration. Hier schießt nicht mehr ein Staat mit strategischem Kalkül. Hier schießt ein zerfallender Apparat um sich, dessen einzelne Teile längst ihr Eigenleben führen.
Die Parallelen zu anderen gescheiterten Staaten sind unübersehbar. Wer die Geschichte des Nahen Ostens kennt, weiß: Wenn zentrale Machtstrukturen wegbrechen, füllen nicht selten die radikalsten Kräfte das Vakuum. Der Irak nach 2003, Libyen nach 2011 – die Beispiele mahnen zur Vorsicht vor allzu euphorischen Prognosen.
Jubel auf den Straßen, aber keine Revolution
In Teilen des Irans löste der Tod Chameneis spontanen Jubel aus. Unzählige Amateuraufnahmen zeigen feiernde Menschen auf den Straßen – ein Volk, das jahrzehntelang unter der Knute einer islamistischen Theokratie gelitten hat und nun einen Funken Hoffnung verspürt. Doch von einer echten Revolution, von großflächigen Protesten, die das Regime hinwegfegen könnten, ist man noch weit entfernt.
US-Präsident Trump hatte die iranische Bevölkerung in seiner Rede zum Beginn des Militäreinsatzes aufgefordert, während der Operationen in ihren Häusern zu bleiben. Danach, so seine Botschaft, sollten sie ihre Regierung selbst übernehmen. „Dies wird wahrscheinlich Ihre einzige Chance für Generationen sein", erklärte der amerikanische Präsident. Große Worte, gewiss. Aber ob sich daraus tatsächlich ein Umsturz entwickeln kann, bleibt völlig offen – zumal weiterhin massive Luftschläge auf iranische Städte erfolgen.
Was bedeutet das für Europa – und für Deutschland?
Während sich im Nahen Osten die Tektonik der Machtverhältnisse verschiebt, stellt sich unweigerlich die Frage, welche Konsequenzen dies für Europa und insbesondere für Deutschland hat. Die Energiemärkte reagieren bereits nervös. Gas- und Ölpreise schossen in die Höhe, nicht zuletzt wegen der faktischen Blockade der Straße von Hormus – jener Meerenge, durch die rund ein Fünftel des weltweiten Ölhandels fließt.
Für ein Land wie Deutschland, das sich unter der vorherigen Ampelregierung in eine beispiellose Energieabhängigkeit manövriert hat und dessen Industrie ohnehin unter explodierenden Kosten ächzt, könnte eine anhaltende Eskalation verheerende Folgen haben. Man fragt sich unwillkürlich, ob die neue Bundesregierung unter Friedrich Merz besser vorbereitet ist als ihre Vorgänger – oder ob man in Berlin wieder einmal von den Ereignissen überrollt wird.
Bemerkenswert ist auch das weitgehende Schweigen der deutschen Außenpolitik. Während deutsche Staatsbürger in der Region festsitzen, scheint man sich im Auswärtigen Amt eher mit Befindlichkeiten als mit handfester Krisendiplomatie zu beschäftigen. Die Evakuierung gestrandeter Deutscher aus der Golfregion hätte längst oberste Priorität haben müssen.
Moskau und Peking als stille Verlierer
Was die israelisch-amerikanische Militäroperation nebenbei demonstriert, ist die nach wie vor überlegene Schlagkraft des Westens. Russland, das im Iran einen wichtigen Verbündeten sah und selbst im Ukraine-Krieg gebunden ist, kann seinem Partner nicht zu Hilfe eilen. China, das über Jahre hinweg seine wirtschaftlichen Beziehungen zum Iran ausgebaut hatte, muss tatenlos zusehen, wie sein Einfluss in der Region schwindet. Beide Mächte werden vorgeführt – und das dürfte in Moskau und Peking für erheblichen Unmut sorgen.
Für den Westen bietet sich eine historische Chance, aber auch ein enormes Risiko. Die Geschichte lehrt, dass von außen erzwungene Regimewechsel selten zu stabilen Demokratien führen. Echte Veränderung muss aus dem Inneren einer Gesellschaft wachsen. Ob die iranische Bevölkerung – nach Jahrzehnten der Unterdrückung, nach den brutal niedergeschlagenen Protesten von 2009, 2019 und 2022 – die Kraft und den Willen aufbringt, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, wird sich zeigen.
Ein Regime am Ende – aber noch nicht am Boden
Eines steht fest: Das Mullah-Regime ist geschwächt wie nie zuvor in seiner über vier Jahrzehnte währenden Geschichte. Die gesamte Führungsspitze wurde dezimiert, das Militär agiert teilweise unkontrolliert, und in der Bevölkerung brodelt es. Doch ein verwundetes Tier ist bekanntlich am gefährlichsten. Solange das Regime noch über Raketen, Drohnen und fanatisierte Milizen verfügt, bleibt es eine Bedrohung – nicht nur für die Region, sondern potenziell auch für Europa.
Die kommenden Wochen werden entscheidend sein. Gelingt es den gemäßigten Kräften im Iran, die Oberhand zu gewinnen? Oder versinkt das Land in einem Bürgerkrieg zwischen rivalisierenden Fraktionen? Und was geschieht mit dem iranischen Atomprogramm, dessen Anlagen zwar bombardiert, aber möglicherweise nicht vollständig zerstört wurden? Fragen, auf die es derzeit keine verlässlichen Antworten gibt. Nur eines scheint sicher: Die Welt, wie wir sie kannten, verändert sich gerade in rasantem Tempo – und Deutschland täte gut daran, endlich aufzuwachen und sich auf die neuen Realitäten einzustellen.
„Wenn wir fertig sind, übernehmen Sie Ihre Regierung. Sie wird Ihnen gehören. Dies wird wahrscheinlich Ihre einzige Chance für Generationen sein." – US-Präsident Donald Trump an die iranische Bevölkerung
Ob diese Worte als prophetisch oder als tragisch naiv in die Geschichte eingehen werden, wird die Zeit zeigen. Der Iran steht an einem Scheideweg. Und mit ihm die gesamte geopolitische Ordnung des Nahen Ostens.
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