
Indiens Tafelsilber kommt unter den Hammer: Warum Neu-Delhi seine Staatskonzerne verscherbelt

Wenn ein Staat beginnt, seine Beteiligungen im Eiltempo zu verkaufen, sollte der aufmerksame Beobachter hellhörig werden. Indien, gefeiert als die am schnellsten wachsende große Volkswirtschaft der Welt, hat in diesem Jahr Anteile an zehn Staatskonzernen abgestoßen und dabei mehr als 620 Milliarden Rupien eingesammelt – umgerechnet rund 6,5 Milliarden US-Dollar. Der bisherige Höhepunkt: der Verkauf eines Pakets von 6,5 Prozent am größten Lebensversicherer des Landes, der Life Insurance Corporation of India, der allein 3,3 Milliarden Dollar in die Staatskasse spülte. Um Käufer anzulocken, gewährte man einen Preisabschlag von zehn Prozent. Überraschung: Die Emission war überzeichnet. Wer Rabatt bietet, findet Abnehmer – eine Binsenweisheit, die auch für Staaten gilt.
Vom Ladenhüter zum Verkaufsschlager – aus purer Not
Bemerkenswert ist nicht der einzelne Verkauf, sondern das Tempo. Zum letzten Mal erreichte Neu-Delhi sein selbstgestecktes Privatisierungsziel im Haushaltsjahr, das im März 2019 endete. Danach: jahrelanges Verfehlen der Vorgaben. Nun aber, plötzlich, greift die Regierung beherzt zu – bei Cochin Shipyard, bei der Eisenbahnfinanzierungsgesellschaft IRFC, bei NHPC, bei Coal India. Ohne die Versicherungsriesin summieren sich die Erlöse aus neun Staatsfirmen auf knapp 270 Milliarden Rupien, den höchsten Wert seit über einem Jahrzehnt.
Der Grund für diesen Sinneswandel ist so banal wie beunruhigend: Das Geld wird gebraucht. Eine Ökonomin einer britischen Großbank brachte es gegenüber Wirtschaftsmedien auf den Punkt – Indien habe die Ziele in fetten Jahren schlicht ignorieren können, heute jedoch greife der Staat sprichwörtlich nach dem Familiensilber. Man müsse mit sinkenden Einnahmen und steigenden Ausgaben rechnen, insbesondere wegen einer wachsenden Subventionslast.
Wenn ein Staat sein Tafelsilber verkauft, um die laufenden Rechnungen zu bezahlen, ist das kein Zeichen von Stärke, sondern von Anspannung.
Die Zahlen hinter der Fassade
Ein Blick auf die Bilanz erklärt die Eile. Im Quartal bis Juni belief sich das Defizit im Waren- und Dienstleistungshandel auf 37,4 Milliarden Dollar. Das Haushaltsdefizit lag Ende Juni bei 3,1 Billionen Rupien – bereits 18,2 Prozent des für das Fiskaljahr bis März 2027 veranschlagten Rahmens. Gleichzeitig ziehen ausländische Investoren Kapital ab, was die Rupie schwächt und die Finanzierungsbedingungen im Inland verschärft. Die Subventionen für Treibstoff, Nahrungsmittel und Dünger schossen im Jahresvergleich um 37 Prozent nach oben, während an den Investitionsausgaben nicht gespart wurde.
Analysten sprechen von wachsendem fiskalischem Druck; die Erlöse aus den Beteiligungsverkäufen seien willkommene Einnahmen ohne Rückzahlungsverpflichtung. Man nennt das dann „nicht-schuldenbasierte Einnahmen“ – ein hübsches Etikett dafür, dass man Vermögen zu Geld macht, statt Ausgaben zu kürzen. Ratingagenturen sehen darin immerhin ein Mittel, um die Folgen der Mehrwertsteuerreform vom September 2025 und die Kosten der Reaktion auf den Nahost-Schock abzufedern. Rund 65 Prozent des Jahresziels von 800 Milliarden Rupien sind erreicht.
Ein Lehrstück, das auch in Berlin gelesen werden sollte
Man mag über die indische Haushaltspolitik denken, was man will – immerhin verkauft Neu-Delhi eigene Vermögenswerte, statt einfach neue Schulden aufzutürmen. Ein Gedanke, der in Deutschland offenbar niemandem mehr kommt. Hierzulande wurde ein Sondervermögen von 500 Milliarden Euro beschlossen, die Klimaneutralität bis 2045 ins Grundgesetz geschrieben und dabei jenes Versprechen kassiert, keine neuen Schulden aufzunehmen. Der Unterschied ist eklatant: Der eine Staat verkauft Beteiligungen, der andere belastet ungeborene Generationen mit Zinslasten, die über Steuern und Abgaben zurückzuzahlen sind.
Und die Jugend? In Indien legt eine Prüfungsaffäre gerade schonungslos offen, wie groß die Kluft zwischen wirtschaftlichen Ambitionen und der Realität von Millionen junger Hochschulabsolventen ist. Ökonomen weisen darauf hin, das Land erzeuge nur etwa die Hälfte der benötigten Arbeitsplätze. Wachstumsraten auf dem Papier ersetzen eben keine echten Perspektiven – auch das eine Lektion, die man in europäischen Hauptstädten beherzigen dürfte.
Was bleibt für den Anleger?
Die Botschaft ist unmissverständlich: Staaten, ob in Asien oder in Europa, geraten unter fiskalischen Druck, Währungen geraten ins Rutschen, Kapital sucht sich neue Wege. Wer sein Vermögen ausschließlich in Papierwerten hält, deren Wert von Haushaltsdisziplin, Notenbankentscheidungen und politischer Willkür abhängt, sollte sich dieses Risikos bewusst sein. Physische Edelmetalle – Gold und Silber – kennen keinen Emittenten, der ausfallen könnte, und keine Regierung, die sie per Federstrich entwerten kann. Als Beimischung in einem breit gestreuten Portfolio haben sie sich über Jahrhunderte als das bewährt, was sie sind: echtes, unbelastetes Eigentum.
Hinweis: Dieser Beitrag stellt keine Anlageberatung dar und ist auch nicht als Empfehlung zum Kauf oder Verkauf bestimmter Finanzinstrumente zu verstehen. Er gibt ausschließlich die Einschätzung unserer Redaktion auf Basis der uns vorliegenden Informationen wieder. Jeder Anleger ist verpflichtet, eigenständig zu recherchieren und trägt die Verantwortung für seine Anlageentscheidungen selbst. Für etwaige Vermögensschäden wird keine Haftung übernommen.

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