
Handschlag in Neu-Delhi: Das eigentliche Beben lief hinter den Kulissen

Der 18. Brics-Gipfel in Neu-Delhi endete am 12. September nach einer durchverhandelten Nacht mit einer einstimmig verabschiedeten Abschlusserklärung. Doch der wirklich brisante Moment spielte sich nicht auf der großen Bühne ab, sondern am Rande: Indiens Premierminister Narendra Modi empfing Chinas Staatspräsident Xi Jinping – dessen erster Besuch in Indien seit 2019. Beide erklärten, ihre Differenzen sollten nicht in offenen Streit umschlagen.
Elf Vollmitglieder, zehn Partner – und ein Dirigent
Die Brics sind längst kein exklusiver Fünferklub mehr. Elf Staaten gehören der Gruppe inzwischen als Vollmitglieder an, dazu kommen zehn Partnerländer. Dass die Schlussformulierungen gleichzeitig für Iran, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate akzeptabel sein mussten, erklärt die schlaflose Nacht der Diplomaten.
Je größer das Bündnis, desto komfortabler die Lage für Peking. China braucht die Brics gar nicht als geschlossenen Block – es genügt, dass sich die Runde regelmäßig trifft und bilaterale Geschäfte ermöglicht. Beobachter beschreiben das entstehende Gefüge als Nabe mit Speichen, in dessen Mitte China sitzt.
Parallel treibt Peking die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit voran, der neben China unter anderem Russland, Indien, Pakistan und mehrere zentralasiatische Staaten angehören. Zwei Tage vor dem Brics-Treffen einigten sich die Mitglieder in Bischkek auf ein Zentrum zur Abwehr von Sicherheitsbedrohungen und auf einen Hafen- und Logistikplan für 2026 bis 2030.
Indiens wunder Punkt: die Energie
Gastgeber Indien führt diese Architektur ausgerechnet aus einer Position der Verwundbarkeit an. Die Schließung der Straße von Hormus hat dem Land einen erheblichen Teil seiner Rohölzufuhren gekostet, die Rupie auf Rekordtiefs gedrückt und ausländische Anleger fluchtartig aus indischen Aktien getrieben – die Abflüsse übertrafen bereits nach vier Monaten die des gesamten Vorjahres.
Das indische Finanzministerium selbst bezeichnete die Dauer der Störung als wichtigste Einzelvariable für den außenwirtschaftlichen Ausblick. Ein bemerkenswert offenes Eingeständnis. Medienberichten zufolge ist die Meerenge faktisch weiterhin blockiert, der Brent-Ölpreis kletterte zuletzt über die Marke von 100 Dollar.
Wenn die KI den Jobmotor abwĂĽrgt
Der zweite Schock ist leiser, aber tiefer. Seit zwei Jahrzehnten finanzieren Indiens IT-Dienstleistungen das Defizit im Warenhandel. Nun meldeten die größten Anbieter im vergangenen Geschäftsjahr sinkende Beschäftigtenzahlen, der Marktführer strich rund zwei Prozent der Stellen – vor allem im mittleren Management, dem Rückgrat der indischen Mittelschicht.
Umsatz wächst, Beschäftigung nicht mehr. Für ein Land, das jährlich Millionen Arbeitsplätze schaffen muss, wird daraus rasch ein politisches Problem.
Die stille Kehrtwende bei chinesischem Kapital
Genau deshalb bewegt sich Neu-Delhis China-Politik schneller als seine Rhetorik. Im März lockerte Indien das 2020 eingeführte Press-Note-3-Regime, das Investitionen aus Nachbarstaaten mit gemeinsamer Landgrenze einer Einzelfallprüfung unterwarf – de facto gegen chinesisches Geld gerichtet.
- Kleinbeteiligungen ohne Kontrollrechte laufen teils wieder automatisch
- 60-Tage-Schnellverfahren fĂĽr KapitalgĂĽter, Elektronikkomponenten, Polysilizium und Seltene-Erden-Magnete
- Direkte chinesische Kontrolle bleibt untersagt, Joint Ventures unter indischer Mehrheit sind möglich
Modis Dilemma ist offensichtlich: Er will den Globalen Süden bei der Reform internationaler Institutionen anführen – zehn Vorschläge legte er vor – und braucht zugleich Kapital aus Peking. Indiens Handelsdefizit gegenüber den Brics-Staaten liegt bei über 220 Milliarden Dollar.
BrĂĽssel stellt die falsche Frage
In der EU wird gefragt, ob die Brics zum antiwestlichen Block werden. Diese Frage liefert bequeme Antworten – und verdeckt das Wesentliche. Indien hat vor wenigen Monaten ein Freihandelsabkommen mit der EU geschlossen und setzt weiter Anti-Dumping-Maßnahmen gegen billige chinesische Ware ein. Zugleich scheint Neu-Delhi entschieden zu haben, dass chinesisches Kapital zum eigenen Industrieaufstieg dazugehört.
Für Europa heißt das: Die Weltwirtschaft ordnet sich nicht in Blöcken neu, sondern in Abhängigkeiten. Wer Energie, Rohstoffe und Lieferketten nicht kontrolliert, verhandelt aus der Defensive – eine Lektion, die auch deutsche Industriepolitiker beherzigen sollten. In solchen Phasen geopolitischer Verwerfungen suchen viele Anleger traditionell Stabilität in physischen Edelmetallen als Beimischung eines breit gestreuten Vermögens.
Hinweis: Dieser Beitrag gibt die Einschätzung unserer Redaktion auf Basis der uns vorliegenden Informationen wieder. Er stellt keine Anlageberatung und keine Kaufempfehlung dar. Jeder Anleger ist für seine Entscheidungen selbst verantwortlich und sollte eigenständig recherchieren.
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