
„Flachzange“ im TV-Duell: CDU stürzt auf historische 22 Prozent

Elf Tage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt ist der Wahlkampf in der MDR-Wahlarena eskaliert. AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund nannte Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) vor laufender Kamera eine „Flachzange“ – politisch, nicht menschlich, wie er betonte. Gewählt wird am 6. September.
Ein Wort, das den Nerv des Wahlkampfs trifft
Auslöser war eine Äußerung der AfD-Bundesvorsitzenden Alice Weidel, die am Wochenende die Regierenden in Deutschland pauschal als „Flachzangen“ bezeichnet hatte. Siegmund stellte sich hinter seine Parteichefin und verteidigte eine „klare Sprache“. Einen Kaffee, sagte er, würde er mit Schulze trotzdem trinken.
Der Ministerpräsident konterte spürbar pikiert. Ihm würde es nie einfallen, sein Gegenüber so zu nennen, sagte Schulze – es gebe „ein gewisses Niveau“. Ein Satz, der in einem Land, in dem viele Bürger den Ton der Politik gegenüber Kritikern längst selbst als ruppig empfinden, unterschiedlich gut ankommen dürfte.
Die Zahlen, die der CDU wehtun
Denn hinter dem verbalen Schlagabtausch steht eine Machtverschiebung, die es in Sachsen-Anhalt so noch nie gab. Laut der letzten Umfrage von Infratest dimap für die ARD, erhoben am 24. und 25. August unter 1.511 Wahlberechtigten, käme die AfD auf 42 Prozent (plus eins). Die CDU, die seit 2002 den Ministerpräsidenten stellt, fiele auf 22 Prozent – ein historischer Tiefstand nach 37,1 Prozent im Jahr 2021.
- Linke: 11 Prozent (minus zwei)
- SPD: 8 Prozent (plus eins)
- Grüne: 6 Prozent (plus eins)
- BSW: 4 Prozent, FDP: 3 Prozent – beide an der Hürde gescheitert
Für eine Alleinregierung, das erklärte Ziel Siegmunds, würde es damit nicht reichen. Umgekehrt bliebe Schulze rechnerisch auf Stimmen der Linken angewiesen – ein Bündnis, das die CDU bislang ebenso ausschließt wie eine Zusammenarbeit mit der AfD, die der Landesverfassungsschutz als gesichert rechtsextrem einstuft. Nur 32 Prozent der Befragten bewerten eine von der Linken gestützte CDU-Regierung positiv, 59 Prozent sehen sie kritisch.
Wenn Berlin zur Belastung wird
Bemerkenswert offen räumte Schulze ein, was in der Union viele nur hinter vorgehaltener Hand sagen: Es gebe „Gegenwind aus Berlin“. Beim Streit um die Rente mit 63 stellt er sich offen gegen Kanzler Friedrich Merz und kündigte an, einer Abschaffung im Bundesrat nicht zuzustimmen. Ausgeladen habe er Merz aber nicht.
Aus Sicht unserer Redaktion ist das der eigentliche Befund dieses Abends: Eine Landes-CDU, die sich von der eigenen Bundesregierung distanzieren muss, um Wähler zu halten. Wer in Umfragen 15 Punkte verliert, hat kein Kommunikationsproblem, sondern ein Vertrauensproblem.
Extremismus-Vorwurf ohne klare Antwort
Auf die Frage, ob er Siegmund für einen Rechtsextremisten halte, legte sich Schulze nicht fest. Er könne die Person nicht beurteilen, wisse aber, mit wem sich sein Konkurrent umgebe:
„sehr gefährliche, sehr extreme Menschen“
Zudem habe sich Siegmund nach Schulzes Darstellung nicht deutlich genug von einem Foto distanziert, auf dem ein Hitlergruß zu sehen gewesen sei. Siegmund wiederum warf dem Amtsinhaber eine „abgehobene Perspektive“ vor und verwies auf 24 Jahre CDU-Regierung ohne kostenfreie Kita.
Elf Prozent der Wahlberechtigten geben an, ihre Präferenz könne sich noch ändern. Die Entscheidung fällt am 6. September – und sie dürfte weit über Sachsen-Anhalt hinaus Signalwirkung entfalten.

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