
Europas Gasspeicher im freien Fall: Wie der Iran-Konflikt Deutschland in die Energiekrise zurückkatapultiert

Es ist ein Déjà-vu der schlimmsten Sorte. Während die politische Klasse in Berlin noch damit beschäftigt ist, sich gegenseitig auf die Schulter zu klopfen und die vermeintlich gelungene Energiewende zu preisen, schlägt die Realität mit voller Wucht zurück. Der europäische Gaspreis ist am Dienstag auf über 700 Dollar je 1000 Kubikmeter geschossen – den höchsten Stand seit dem Krisenjahr 2022. Der April-Kontrakt am niederländischen Handelsplatz TTF erreichte zeitweise rund 59 Euro je Megawattstunde. Und die deutschen Gasspeicher? Die stehen bei kläglichen 20,83 Prozent.
Katars Produktionsstopp als Brandbeschleuniger
Der Auslöser ist so dramatisch wie vorhersehbar. Nach iranischen Angriffen wurde die Produktion am weltweit größten LNG-Exportkomplex in Ras Laffan, Katar, vorübergehend eingestellt. Diese Anlage von QatarEnergy steht für rund ein Fünftel der globalen Flüssigerdgasversorgung. Ein Fünftel. Man muss sich diese Zahl auf der Zunge zergehen lassen, um das Ausmaß der Verwundbarkeit zu begreifen, in die sich Europa sehenden Auges manövriert hat.
Einen Zeitplan für die Wiederaufnahme der Produktion gebe es bislang nicht, heißt es. Bereits am Montag waren die Preise zeitweise um mehr als 50 Prozent in die Höhe geschnellt, bevor sie mit einem Tagesplus von immer noch erschreckenden 35 Prozent schlossen. Wer geglaubt hatte, die Energiekrise sei überstanden, wird nun eines Besseren belehrt.
Die Straße von Hormus als Achillesferse der Weltwirtschaft
Als wäre der Produktionsstopp in Katar nicht genug, verschärft eine weitere Drohung die ohnehin angespannte Lage erheblich. Ein Sprecher der iranischen Revolutionsgarde habe angekündigt, die Straße von Hormus zu schließen und jedes Schiff anzugreifen, das die Durchfahrt versuche. Über diese Meerenge wird ebenfalls rund ein Fünftel des weltweiten LNG-Handels transportiert. Eine Blockade dieser Route wäre nichts weniger als ein energiepolitischer Albtraum für den gesamten Kontinent.
Die Versorgungssicherheit Europas hängt damit buchstäblich an einem seidenen Faden – oder besser gesagt: an einer schmalen Wasserstraße im Persischen Golf, über die Europa keinerlei Kontrolle hat.
„Die Versorgungssicherheit ist jetzt bedroht. Das Ausmaß hängt von der Dauer des Produktionsstopps ab, aber wir befinden uns jetzt in einer neuen Situation."
So die nüchterne Einschätzung der Analystin Simone Tagliapietra vom Brüsseler Thinktank Bruegel. Analysten von Goldman Sachs warnten darüber hinaus, dass bei einer mehrwöchigen Störung des Transits durch die Straße von Hormus deutliche weitere Preisaufschläge möglich wären.
Deutschlands Speicher: Leerer als je zuvor zu dieser Jahreszeit
Was die Situation für Deutschland besonders brisant macht, ist der historisch niedrige Füllstand der Gasspeicher. Vor einem Monat lagen die Reserven noch bei rund 32 Prozent – jetzt sind es gerade einmal knapp 21 Prozent. Die Heizsaison ist noch nicht vorbei, und eine späte Kältewelle könnte die Lage dramatisch verschärfen. Eine formelle strategische Gasreserve existiert in Deutschland bis heute nicht. Man fragt sich unwillkürlich: Was haben die Verantwortlichen in den vergangenen Jahren eigentlich getan?
Die Frage, ob die Bundesregierung unter Friedrich Merz in diesem Frühjahr stärker steuernd eingreifen will – etwa durch gezielte Vorgaben zur Befüllung oder durch eine staatlich koordinierte Beschaffung –, steht im Raum. Doch bislang fehlen konkrete Maßnahmen. Bleibt das Preisniveau erhöht, verteuert das nicht nur die kurzfristigen Beschaffungsgeschäfte, sondern auch die dringend notwendige Befüllung der Speicher für den kommenden Winter. Die Zeche zahlt am Ende – wie immer – der deutsche Bürger über seine Gasrechnung.
Russland als lachender Dritter?
Die Ironie der Geschichte könnte kaum bitterer sein. Ausgerechnet Russland, dessen Gaslieferungen Europa unter großem politischem Getöse den Rücken gekehrt hat, könnte von der aktuellen Krise profitieren. Das EU-Importverbot gegen russisches LNG greife erst ab Anfang 2027, gegen russisches Pipeline-Gas sogar erst ab November 2027. Über die TurkStream-Pipeline fließe weiterhin russisches Gas flexibel nach Südosteuropa – und die Mengen nähmen offenbar zu, wie die Januar-Zahlen zeigten.
Man hat sich also vom russischen Gas losgesagt, nur um nun festzustellen, dass die Alternativen mindestens ebenso fragil sind. Statt einer Abhängigkeit von Moskau hat man sich in eine Abhängigkeit von geopolitisch instabilen Regionen im Nahen Osten begeben. Ein strategisches Meisterstück sieht wahrlich anders aus.
Der globale Wettlauf um LNG verschärft sich
Asiatische Länder kaufen traditionell einen großen Teil des LNG aus dem Nahen Osten. Sollten dort länger Lieferungen ausfallen, müssten europäische Abnehmer stärker um alternative Quellen konkurrieren – etwa aus den USA oder Westafrika. Das treibt die Preise weiter in die Höhe und macht deutlich, wie verwundbar Europa als Nachzügler auf dem globalen LNG-Markt tatsächlich ist.
Die Lehre aus dieser Krise sollte eigentlich offensichtlich sein: Wer seine Energieversorgung ideologisch statt pragmatisch gestaltet, wer Kernkraftwerke abschaltet und gleichzeitig auf volatile globale Gasmärkte setzt, der darf sich über solche Preisschocks nicht wundern. Deutschland hat sich in eine Position der maximalen Verwundbarkeit manövriert. Ob sich die Lage rasch beruhigt oder eine längere Phase erhöhter Preise folgt, hängt von der weiteren Entwicklung im Nahen Osten ab. Klar ist jedoch: Niedrige Speicherstände treffen in diesem Frühjahr auf ein erhöhtes geopolitisches Risiko – und der deutsche Verbraucher wird die Konsequenzen dieser verfehlten Energiepolitik einmal mehr am eigenen Geldbeutel spüren.
In Zeiten derartiger Unsicherheit auf den Energiemärkten und der damit verbundenen Inflationsrisiken zeigt sich einmal mehr der Wert physischer Edelmetalle als Instrument der Vermögenssicherung. Gold und Silber haben über Jahrhunderte bewiesen, dass sie in Krisenzeiten ihren Wert bewahren – ganz im Gegensatz zu Papierwährungen, die durch steigende Energiekosten und politische Fehlentscheidungen kontinuierlich an Kaufkraft verlieren.












