
Beben der Stärke 7,4: Kolumbien versinkt in Trümmern

Ein schweres Erdbeben hat am Montagmorgen den Westen Kolumbiens erschüttert. Um 7.34 Uhr Ortszeit bebte die Erde mit einer Stärke von 7,4 – Epizentrum nahe der Ortschaft San José del Palmar im Departamento Chocó, rund 400 Kilometer westlich von Bogotá. Mehrere Bürgermeister bestätigten Medienberichten zufolge bislang zwischen 20 und 47 Todesopfer. Die Zahl dürfte weiter steigen.
Pereira, Manizales, Cali: Städte im Ausnahmezustand
Am schwersten traf es offenbar Pereira. Allein dort meldeten die Behörden mindestens 18 Tote und Dutzende Verletzte. Bürgermeister Mauricio Salazar bezeichnete die Lage im Radiosender Caracol als „kritisch".
In Manizales, gut 50 Kilometer entfernt, stürzte ein Turm der neugotischen Kathedrale auf das Kirchenschiff. Mehr als zehn Gebäude sollen eingestürzt sein, Hunderte Menschen wurden verletzt. In Cali, mit rund zwei Millionen Einwohnern die drittgrößte Stadt des Landes, berichtete Bürgermeister Alejandro Eder von über 20 kollabierten Häusern – mit Menschen unter den Trümmern.
Spürbar war der Stoß bis nach Ecuador, Venezuela und Panama. In Quibdó, der Hauptstadt des Chocó, brach nach mehreren Nachbeben zeitweise Panik aus.
USGS warnt: Opferzahl könnte dramatisch steigen
Die US-Erdbebenwarte USGS beziffert die Wahrscheinlichkeit, dass am Ende zwischen 100 und 1.000 Menschen ums Leben gekommen sind, auf 35 Prozent. Der Kolumbianische Geologische Dienst verortete den Herd in 96 Kilometern Tiefe, die USGS in 107 Kilometern.
Diese große Tiefe ist womöglich das Einzige, was Kolumbien an diesem Tag gerettet hat: Je tiefer ein Beben, desto stärker verteilt sich die Energie – dafür wird sie über eine größere Fläche spürbar. Genau das erklärt, warum Schäden aus Dutzenden Städten gemeldet werden.
Sechs Flughäfen dicht, Straßen von Erdrutschen blockiert
Die Luftfahrtbehörde Aerocivil setzte den Flugbetrieb an sechs Airports aus, darunter Pereira, Manizales und Buenaventura – bis die Statik der Gebäude geprüft ist. Rund um Cali und Manizales sind Straßen nach Erdrutschen gesperrt. Für Rettungskräfte bedeutet das: Die am schwersten getroffenen Regionen sind ausgerechnet die, die am schlechtsten erreichbar sind.
Der erst Anfang August vereidigte Präsident Abelardo de la Espriella ordnete die Einrichtung eines gemeinsamen Krisenstabs in San José del Palmar an und forderte einen detaillierten Lagebericht. Er kündigte an, persönlich nach Pereira zu reisen. Für den neuen Staatschef, der die Stichwahl im Juni nur knapp gewann, ist es die erste echte Bewährungsprobe – wenige Tage nach Amtsantritt.
Ein Land auf dem Feuerring
Kolumbien liegt dort, wo sich die Nazca-Platte unter den südamerikanischen Kontinent schiebt – eine der aktivsten Bruchzonen der Erde. Das Land hat bittere Erfahrung damit: 1999 tötete ein Beben in der Kaffeezone um Armenia mehr als tausend Menschen, 1985 begrub eine durch den Vulkan Nevado del Ruiz ausgelöste Schlammlawine die Stadt Armero mit Zehntausenden Opfern.
Und wieder trifft es dieselbe Region. Der Wiederaufbau nach 1999 galt als Vorzeigeprojekt – ob die verschärften Baunormen gehalten haben, werden die kommenden Tage zeigen. Bilder eingestürzter Wohnhäuser nähren jedenfalls Zweifel.
Klar ist schon jetzt: Wenn in 96 Kilometern Tiefe die Kontinentalplatten reißen, helfen keine Verordnungen und keine Konferenzen. Nur solide gebaute Häuser, funktionierende Rettungsstrukturen – und Nachbarn, die anpacken.
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