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Kettner Edelmetalle
03.08.2026
05:57 Uhr

47 Prozent: Deutschlands Gasspeicher so leer wie nie – während Rom handelt, wartet Berlin auf ein Wunder

47 Prozent: Deutschlands Gasspeicher so leer wie nie – während Rom handelt, wartet Berlin auf ein Wunder

Es gibt Momente, in denen sich politische Verantwortung nicht in Sonntagsreden zeigt, sondern in nüchternen Zahlen. Eine davon lautet: 47. So hoch ist der Füllstand der deutschen Gasspeicher aktuell – in Prozent. Italien steht bei rund 75 Prozent. Und während man in Rom bereits das Wintergeschäft plant, verlässt man sich in Berlin weiterhin auf jene mystische Kraft, die deutsche Energiepolitik seit Jahren ersetzt: den Markt, der es schon irgendwie richten werde.

Rom kauft, Berlin hofft

Italien ist im Juli laut Schiffsverfolgungsdaten erstmals zum größten LNG-Importeur der Europäischen Union aufgestiegen. Trotz Preisen, die seit Beginn des Iran-Krieges regelrecht explodiert sind. Allein im vergangenen Monat verteuerten sich europäische Gas-Futures um mehr als 30 Prozent, seit Kriegsbeginn haben sich die Notierungen nahezu verdoppelt. Rom kauft trotzdem. Oder besser: gerade deshalb.

Die Italiener überlassen die Befüllung ihrer Speicher nicht dem Zufall. Händler erhalten finanzielle Anreize für das Einspeichern, gleichzeitig gelten verbindliche Füllstandsziele. Wer sie verfehlt, zahlt Bußgeld. Zuckerbrot und Peitsche – ein Konzept, das offenbar funktioniert. Bereits im April versteigerte der Netzbetreiber Snam Speicherkapazitäten, die für das Ziel von mindestens 90 Prozent ausreichen sollen. In absoluten Zahlen lagern in Italien derzeit rund 153 Terawattstunden Gas. In Deutschland, dem Land mit den größten Speicherkapazitäten Europas, sind es 115.

Deutschland besitzt die größten Gasspeicher des Kontinents – und die leersten. Eine Metapher, die man kaum besser erfinden könnte.

Die verkehrte Preiskurve – und warum niemand einspeichert

Das eigentliche Problem ist technisch schnell erklärt, politisch aber brisant. Normalerweise ist Gas im Sommer billiger als im Winter. Händler kaufen günstig, speichern ein, verkaufen in der Heizperiode teurer. Derzeit jedoch kostet Wintergas etwas weniger als kurzfristig verfügbares Sommergas. Wer heute einspeichert, macht Verlust. Und weil die Bundesregierung – anders als Rom – keine kurzfristigen Anreize geschaffen hat, tut schlicht niemand, was volkswirtschaftlich dringend nötig wäre.

Die Speicher sind so leer wie nie seit Beginn der Datenerfassung im Jahr 2011. Frankreich liegt mit 56 Prozent ebenfalls zurück, aber immerhin vor uns. Das Energiewirtschaftliche Institut an der Universität zu Köln hat ausgerechnet, dass Europa seine LNG-Importe bis November mehr als verdoppeln müsste, um überhaupt auf 80 Prozent zu kommen. Rund 275 Terawattstunden fehlen. Die Auslastung der Terminals müsste von 29 auf etwa 70 Prozent steigen. Pipeline-Lieferungen lassen sich kaum ausweiten, die europäische Eigenförderung schrumpft. Und Asien bietet derzeit mehr, weshalb flexible Tankerladungen an Europa vorbeifahren.

Die strategische Reserve kommt – im Sommer 2027

Die Bundesregierung plant nun tatsächlich eine dauerhafte strategische Gasreserve. Rund 24 Terawattstunden sollen als staatlich abgesicherter Notfallpuffer bereitstehen. Ein vernünftiger Gedanke. Nur: Die erste Befüllung ist für den Sommer 2027 vorgesehen. Für den kommenden Winter hilft das exakt gar nichts. Man plant den Feuerlöscher, während es bereits qualmt.

Man muss sich vergegenwärtigen, wie es überhaupt so weit kommen konnte. Jahrzehntelang beruhte das deutsche Industriemodell auf günstiger, verlässlicher Energie. Diese Grundlage wurde politisch mutwillig zerschlagen – Atomausstieg, Kohleausstieg, ideologische Verengung auf volatile Erzeugungsformen, dazu eine naive Abhängigkeit von einem Lieferanten, vor dem gewarnt worden war. Übrig blieb ein Land, das teures Flüssiggas über den Ozean schippern lassen muss und sich diesen Luxus nun offenbar nicht einmal mehr rechtzeitig leisten will.

Goldman Sachs rechnet mit 100 Euro

Sollten die Lieferausfälle am Persischen Golf anhalten, hält Goldman Sachs im Dezember einen europäischen Gaspreis von 100 Euro je Megawattstunde für möglich – rund 75 Prozent über dem Niveau zum Prognosezeitpunkt. Dann stünden Deutschland und Frankreich vor der unangenehmen Aufgabe, ausgerechnet im Panikmodus einkaufen zu müssen, während asiatische Abnehmer mitbieten. Italiens teure Vorräte wären dann keine Fehlspekulation, sondern eine Versicherung.

Natürlich könnte es auch anders kommen. Entspannt sich die Lage im Nahen Osten, hätte Rom auf Kosten seiner Verbraucher zu teuer eingekauft. Doch es ist ein bemerkenswerter Unterschied, ob ein Staat eine bewusste Entscheidung trifft und dafür geradesteht – oder ob er, wie hierzulande üblich, gar keine trifft und das Ergebnis später als unvorhersehbare Krise verkauft.

Was das für Bürger und Vermögen bedeutet

Für die Verbraucher ist die Rechnung simpel: Höhere Gaspreise bedeuten höhere Heizkosten, höhere Strompreise, höhere Produktionskosten und damit am Ende höhere Preise für alles. Energie ist kein Nischenthema, sie ist der Taktgeber der Inflation. Wer zusätzlich bedenkt, dass die Bundesregierung parallel ein 500-Milliarden-Sondervermögen auf Pump auflegt, ahnt, wohin die Kaufkraft des Ersparten steuert.

In Zeiten, in denen Energieversorgung zur Wette und Geldwert zur Verhandlungssache wird, gewinnen reale, physisch greifbare Werte an Bedeutung. Gold und Silber lassen sich weder durch politische Untätigkeit entwerten noch durch Notenbankbeschlüsse vermehren. Als Beimischung in einem breit gestreuten Vermögen erfüllen sie genau jene Funktion, die Italien seinen Gasspeichern zugedacht hat: Versicherung gegen den Winter.

Hinweis: Dieser Beitrag stellt keine Anlageberatung dar. Er gibt die Einschätzung unserer Redaktion auf Basis der uns vorliegenden Informationen wieder. Jede Anlageentscheidung sollte auf eigener, sorgfältiger Recherche beruhen; für Verluste übernehmen wir keine Haftung.

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