
Wenn Nachrichtenagenturen noch Rückgrat zeigen: dpa verweigert sich dem Vorverurteilungs-Journalismus
In einer Medienlandschaft, die sich allzu oft im Wettrennen um die schnellste Schlagzeile überschlägt, setzt die Deutsche Presse-Agentur ein bemerkenswertes Zeichen. Im Fall der von Collien Fernandes gegen ihren Ex-Ehemann Christian Ulmen erhobenen Vorwürfe hält sich die größte deutschsprachige Nachrichtenagentur bewusst zurück – und begründet dies mit etwas, das in der heutigen Medienwelt fast schon exotisch anmutet: presserechtlichen Grundsätzen.
Der fehlende „Mindestbestand an Beweistatsachen"
Während zahlreiche Redaktionen die im Spiegel veröffentlichten Fake-Sex-Chat-Vorwürfe gegen den Schauspieler und Moderator bereitwillig weiterverbreiteten, zog dpa-Nachrichtenchef Froben Homburger die Notbremse. Seine Begründung ist so simpel wie entlarvend für den Rest der Branche: Es fehle schlicht an einem „Mindestbestand an Beweistatsachen", der für eine zulässige Verdachtsberichterstattung rechtlich zwingend erforderlich sei.
Konkret bedeutet das: Objektive Beweise, Erkenntnisse aus Ermittlungen, eine Anklageerhebung oder Geständnisse – nichts davon konnte die dpa durch eigene Recherchen verifizieren. Selbst Rücksprachen mit den spanischen Justizbehörden hätten keine ausreichende Grundlage ergeben, um die Vorwürfe im Detail weiterzuverbreiten. Man hätte die konkreten Anschuldigungen lediglich auf Basis des Spiegel-Berichts wiedergeben können, ohne eigene Kenntnis der Faktenlage. Ein Vorgehen, das Homburger als „erhebliches rechtliches Risiko" für die dpa-Kunden einstufte.
Kampagnenjournalismus statt Sorgfaltspflicht
Was hier geschieht, ist symptomatisch für einen besorgniserregenden Trend im deutschen Journalismus. Die Unschuldsvermutung – einst ehernes Prinzip des Rechtsstaats – wird zunehmend auf dem Altar der Klickzahlen geopfert. Medien, die sich sonst als Hüter der Demokratie inszenieren, werfen mit schwerwiegenden Anschuldigungen um sich, ohne auch nur die elementarsten journalistischen Standards einzuhalten.
Der Medienrechtler Jörn Claßen fand dafür auf dem juristischen Fachportal Beck-aktuell deutliche Worte. Die Zurückhaltung der dpa sei „in presserechtlicher Sicht vorbildlich". Andere Medien hätten dagegen „vorschnell berichtet und dabei nicht einmal eine eigene Presseanfrage an Ulmen oder dessen Anwälte geschickt, was offensichtlich rechtswidrig ist." Ein vernichtendes Urteil, das man sich auf der Zunge zergehen lassen sollte.
Die gesellschaftspolitische Dimension
Dass die dpa inzwischen dennoch über den Fall berichtet – allerdings ohne die konkreten Vorwürfe zu benennen –, begründet Homburger mit der politischen Debatte, die sich daraus entwickelt habe. Die Diskussion habe „eine eigenständige gesellschaftspolitische Realität erreicht", die man als größte deutschsprachige Nachrichtenagentur abbilden müsse. Aber eben, so betont er, „in einer für dpa-Kunden rechtssicheren Weise."
Man kennt das Muster. Es erinnert fatal an andere mediale Kampagnen der jüngeren Vergangenheit, bei denen zunächst Vorwürfe in die Welt gesetzt wurden, die sich später als deutlich weniger substanziell erwiesen als ursprünglich dargestellt. Die gerichtlich erzwungenen Korrekturen verschwinden dann regelmäßig im Kleingedruckten, während der Reputationsschaden längst irreparabel ist.
Ein Lehrstück über den Zustand der Medien
Der Fall offenbart ein grundsätzliches Problem: In einer Zeit, in der Nachrichtenagenturen wie die dpa eine Schlüsselrolle spielen – ihre Meldungen werden von anderen Redaktionen in der Regel ungeprüft übernommen –, wiegt die Verantwortung besonders schwer. Dass ausgerechnet die dpa hier als Korrektiv fungiert, während vermeintliche Qualitätsmedien die Sorgfaltspflicht schleifen lassen, ist bezeichnend.
Es wäre wünschenswert, wenn sich mehr Medienhäuser an diesem Beispiel orientierten. Denn der Grundsatz „Im Zweifel für den Angeklagten" gilt nicht nur vor Gericht, sondern sollte auch in Redaktionsstuben beherzigt werden. Wer Existenzen durch unbewiesene Vorwürfe zerstört, betreibt keinen Journalismus – er betreibt Rufmord mit Druckerschwärze. Und wer sich fragt, warum das Vertrauen der Bürger in die Medien seit Jahren erodiert, findet in solchen Fällen eine erschreckend klare Antwort.
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