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Kettner Edelmetalle
13.03.2026
08:37 Uhr

Washingtons doppeltes Spiel: Erst Sanktionen erzwingen, dann selbst aufheben – Europa bleibt auf den Kosten sitzen

Was sich in den vergangenen Tagen auf der weltpolitischen Bühne abgespielt hat, dürfte selbst hartgesottene Beobachter fassungslos machen. Die Vereinigten Staaten – jene Nation, die Europa mit moralischem Nachdruck und wirtschaftlichem Druck dazu gebracht hat, russisches Öl zu boykottieren – heben nun selbst die Sanktionen gegen russisches Rohöl auf. Vorübergehend, wie es heißt. Doch wer glaubt noch an „vorübergehend" in der Geopolitik?

Ein Krieg, der die Energiemärkte in Brand setzt

Der Hintergrund ist so dramatisch wie absurd. Seit Ende Februar 2026 führen die USA gemeinsam mit Israel Krieg gegen den Iran. Die Folgen für den globalen Ölmarkt sind verheerend. Durch die Straße von Hormus, jenes schmale Nadelöhr, durch das normalerweise rund 20 Millionen Barrel Rohöl täglich fließen – ein Fünftel des Weltverbrauchs –, bewegt sich laut Internationaler Energieagentur nur noch ein Bruchteil der üblichen Menge. Iran verlege Seeminen, Tanker würden beschossen, Versicherer zögen sich zurück. Die IEA spricht von der „größten Angebotsstörung in der Geschichte des globalen Ölmarktes".

Brent-Rohöl hat die 100-Dollar-Marke durchbrochen, zeitweise kletterte der Preis auf über 119 Dollar pro Barrel. In Deutschland lagen die Benzin- und Dieselpreise deutlich über zwei Euro. Ein leichter Rückgang ändert nichts am extrem hohen Niveau. Und während amerikanische Autofahrer an den Zapfsäulen stöhnen, greift Washington zu einem Mittel, das noch vor Monaten als politisch undenkbar galt.

Die zynische Kehrtwende des US-Finanzministeriums

Am Donnerstagabend erließ das US-Finanzministerium die sogenannte „General License 134". Sie autorisiert nicht nur die Lieferung von rund 130 Millionen Barrel russischem Rohöl, das auf Tankern über die Weltmeere treibt, sondern ausdrücklich alle dafür nötigen Transaktionen: Versicherung, Bemannung, Flaggenführung, Klassifizierung, Bergung. Finanzminister Scott Bessent nannte die Maßnahme „eng zugeschnitten" und „kurzfristig". Es sei „bedauerlich", dass Russland davon profitiere.

Bedauerlich? Man muss sich diese Chuzpe auf der Zunge zergehen lassen. Die USA haben Europa jahrelang dazu gedrängt, unter enormen wirtschaftlichen Opfern russisches Öl zu boykottieren. Deutsche Bürger zahlten explodierende Energiepreise, die Industrie ächzte, ganze Wirtschaftszweige gerieten ins Wanken. Und nun – weil Washington einen Krieg begonnen hat, dessen Konsequenzen es selbst nicht tragen will – werden dieselben Sanktionen kurzerhand aufgehoben. Die Genehmigung gelte bis zum 11. April, heißt es. Doch die entscheidende Frage ist nicht, ob sie ausläuft. Die Frage ist, ob sie es überhaupt kann.

Moskau als unfreiwilliger Krisengewinner

Wer wirklich von dieser Kehrtwende profitiert, liegt auf der Hand. Bereits vor der Sanktionslockerung stiegen Russlands fossile Exporterlöse im Februar 2026 auf 492 Millionen Euro pro Tag – ein Plus von sieben Prozent gegenüber dem Vormonat. Allein mit per Schiff exportiertem Rohöl nahm Moskau täglich 173 Millionen Euro ein, 14 Prozent mehr als zuvor. Der Preisabstand der russischen Sorte Urals zu Brent schrumpfte um 29 Prozent auf 12,60 US-Dollar je Barrel. Chinas Importe russischen Rohöls hätten sich im Vergleich zum Vorjahr nahezu verdoppelt, berichten Analysten.

Schon eine Woche vor der offiziellen Lockerung hatte Washington Indien eine Sondererlaubnis erteilt, russisches Öl von sanktionierten Tankern zu kaufen – ausgerechnet jenes Indien, das die USA im vergangenen Sommer noch mit verdoppelten Zöllen bestraft hatten, weil es zu viel russisches Öl importierte. Die Ironie könnte kaum bitterer sein.

Die Schattenflotte: Längst außer Kontrolle

Russland hat derweil längst Fakten geschaffen, die jede westliche Sanktionsarchitektur unterlaufen. Im Februar transportierten sanktionierte Schattentanker 56 Prozent der russischen Rohölexporte über See. Nur noch 33 Prozent liefen über Tanker aus G7-Staaten. 63 Schattenschiffe fuhren unter falscher Flagge, das älteste Schiff in der Flotte sei 35 Jahre alt. Neu gegründete Zwischenhandelsunternehmen wie RusExport und Redwood Global Supply Group hätten allein zwischen Dezember und Februar zusammen 17 Millionen Tonnen exportiert. Die Sanktionen werden nicht umgangen – sie werden systematisch unterlaufen, mit Konstruktionen, die formal legal sind.

Und nun gibt Washington selbst das Signal, dass die Regeln flexibel sind. Wie soll Europa da noch glaubwürdig an einem Sanktionsregime festhalten, das der wichtigste Verbündete nach Belieben bricht?

Europa: Vom Regen in die Traufe

Die Europäische Union hat in vier Jahren ihre Abhängigkeit von russischer Energie drastisch reduziert. Russisches Öl mache weniger als drei Prozent der EU-Importe aus, russisches Gas noch rund 13 Prozent. Im Januar 2026 beschloss der Rat einen stufenweisen Importstopp für russisches Gas; ein vollständiges LNG-Verbot solle ab 2027 greifen. Klingt nach Erfolg. Doch die Kehrseite dieser Abkopplung ist eine neue, kaum weniger gefährliche Abhängigkeit.

Europa hat russisches Gas zu einem erheblichen Teil durch LNG ersetzt – und der größte Profiteur war ausgerechnet Washington. US-amerikanisches Flüssiggas füllte die Lücke, die russische Pipelines hinterließen. Brüssel feierte das als Diversifizierung. In Wahrheit tauschte Europa lediglich eine Abhängigkeit gegen eine andere. Wie fragil diese neue Versorgungslinie ist, zeigt sich jetzt mit aller Brutalität: Qatar, das rund zehn Prozent der EU-LNG-Importe abdeckte, hat die Produktion eingestellt und Force Majeure erklärt. Die Gaspreise in Europa steigen.

Deutschlands Bürger zahlen – wieder einmal

Für den deutschen Bürger bedeutet all dies vor allem eines: noch höhere Kosten. Die Benzinpreise jenseits der Zwei-Euro-Marke, steigende Heizkosten, eine Industrie, die unter den Energiepreisen ächzt. Und das alles, weil die USA einen Krieg begonnen haben, dessen wirtschaftliche Folgen sie nun mit der Aufhebung jener Sanktionen abfedern, die sie Europa aufgezwungen haben. Man könnte es als geopolitischen Zynismus bezeichnen. Oder schlicht als das, was es ist: die rücksichtslose Durchsetzung amerikanischer Interessen auf Kosten europäischer Verbündeter.

Die neue Bundesregierung unter Friedrich Merz steht vor einer gewaltigen Herausforderung. Deutschland braucht eine eigenständige Energiepolitik, die sich nicht länger von den Launen Washingtons abhängig macht. Die Zeiten, in denen Europa brav jeden außenpolitischen Kurs der USA mittrug und dafür die Rechnung bezahlte, müssen ein Ende haben. Doch ob die Große Koalition den Mut aufbringt, diesen Weg zu gehen, bleibt abzuwarten.

Die eigentliche Frage: Wie viele Kriege verträgt die Welt?

Der Krieg in der Ukraine dauert seit vier Jahren. Er hat Europa in eine Energiekrise gestürzt, die Inflation angeheizt und die größte Aufrüstungswelle seit dem Kalten Krieg ausgelöst. Nun kommt ein zweiter Krieg hinzu, diesmal von Washington selbst geführt. US-Verteidigungsminister Pete Hegseth erklärte, die USA wollten Irans Fähigkeit, Atomwaffen zu erlangen, „für immer" auslöschen. Sieben Amerikaner seien bereits gefallen, 140 verwundet.

Die aggressive Militärpolitik der Trump-Regierung erzeugt einen doppelten Schock: Sie destabilisiert die Energiemärkte durch den Iran-Krieg und untergräbt gleichzeitig das Sanktionsregime gegen Russland. Demokratische Senatoren finden dafür klare Worte: Der Krieg habe „starke Ausschläge bei den Benzinpreisen für Amerikaner" verursacht, die Sanktionslockerung diene nur dazu, den Schaden eines „selbstverschuldeten Krieges" abzufedern.

Doch was bedeutet das für die viel beschworene „regelbasierte Ordnung"? Wenn Sanktionen je nach Tagesform verhängt und aufgehoben werden, wenn der mächtigste Staat des Westens seine eigenen Regeln bricht, sobald sie unbequem werden – dann ist diese Ordnung nichts weiter als eine Floskel. Eine hübsche Phrase für Sonntagsreden, die an der geopolitischen Realität zerschellt wie ein Papierschiff an einer Klippe.

Gold und Silber: Der sichere Hafen in stürmischen Zeiten

In Zeiten wie diesen – mit explodierenden Energiepreisen, geopolitischen Verwerfungen und einer Weltwirtschaft am Rande des Nervenzusammenbruchs – zeigt sich einmal mehr der unschätzbare Wert physischer Edelmetalle. Während Papierwährungen an Kaufkraft verlieren und politische Entscheidungen über Nacht ganze Sanktionsregime kippen können, bleibt Gold das, was es seit Jahrtausenden ist: ein Anker der Stabilität. Wer sein Vermögen langfristig sichern will, kommt an einer Beimischung physischer Edelmetalle in einem breit gestreuten Portfolio kaum vorbei.

„Mit einem Schlag haben wir einen Großteil des Drucks auf Russland zunichtegemacht", warnt ein Experte des Council on Foreign Relations. Die Frage sei nicht, ob die Genehmigung am 11. April auslaufe – sondern ob sie es überhaupt könne.

Europa steht an einem Scheideweg. Es kann an Prinzipien festhalten, die sein wichtigster Verbündeter nach Belieben bricht. Oder es kann in jenen Pragmatismus abgleiten, der die regelbasierte Ordnung endgültig zur leeren Hülle macht. Beides hat seinen Preis. Doch eines ist sicher: Den höchsten Preis zahlt – wie immer – der europäische Bürger.

Hinweis: Dieser Artikel stellt keine Anlageberatung dar. Die dargestellten Informationen und Einschätzungen entsprechen der Meinung unserer Redaktion und den uns vorliegenden Quellen. Jede Anlageentscheidung sollte auf eigener, sorgfältiger Recherche basieren. Wir übernehmen keine Haftung für finanzielle Entscheidungen, die auf Grundlage dieses Artikels getroffen werden.

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