
Todesfahrt in Caen: Bar-Streit endet im Blutbad am Bahnhof

Ein Toter, zehn Verletzte, sieben davon in Lebensgefahr: In der normannischen Stadt Caen ist am späten Mittwochabend ein Auto in eine Gruppe von Menschen gerast. Der Tatort liegt mitten in der Stadt – an einem Wartebereich für Bus und Tram auf der Place de la Gare, direkt gegenüber dem Bahnhof. Die Tat ereignete sich gegen 22.15 Uhr.
Der Präfekt des Départements Calvados, David Clavière, eilte selbst an den Ort des Geschehens. Nach seinen Angaben sei das Fahrzeug „absichtlich“ in die Fußgängergruppe gefahren. Die Feuerwehr hatte zunächst von einem Toten, vier Schwer- und sechs Leichtverletzten gesprochen, später korrigierten die Behörden auf sieben Menschen in absoluter Lebensgefahr und drei leichter Verletzte.
20 Kilometer Flucht – dann klickten die Handschellen
Ein Verdächtiger sitzt in Polizeigewahrsam. Es handelt sich laut Behördenangaben um einen 26-jährigen Mann russischer Herkunft. Er sei den Geheimdiensten unbekannt und der Polizei lediglich wegen Verkehrsdelikten aufgefallen, so der Präfekt.
Der Mann flüchtete nach der Tat und wurde erst rund 20 Kilometer nördlich in Ouistreham an der Küste gestellt. Französischen Medienberichten zufolge soll es sich bei dem Tatfahrzeug um einen schwarzen BMW gehandelt haben. Es gilt die Unschuldsvermutung – rechtskräftig verurteilt ist bislang niemand.
Schlägerei in der Bar – dann stieg einer ins Auto
Nach übereinstimmenden Polizeiquellen ging dem Blutbad eine Schlägerei in einer Bar in Bahnhofsnähe voraus. Einer der Beteiligten soll sich anschließend hinters Steuer gesetzt und in die Menschengruppe an der Haltestelle gelenkt haben. Die Motive der Auseinandersetzung sind bislang unklar.
Der stellvertretende Staatsanwalt von Caen, Philippe Leonardo, dämpfte früh Terror-Spekulationen:
Zum jetzigen Zeitpunkt ist keine terroristische Motivation erkennbar.
Die Ermittlungen stünden allerdings erst am Anfang. Eingeleitet wurde ein Verfahren wegen Mordes und vorsätzlicher Gewalt mit einer Waffe – als Waffe gilt in diesem Fall das Auto. Zuständig ist die Abteilung für organisierte und spezialisierte Kriminalität des Calvados, Überwachungsvideos werden ausgewertet.
Alle Opfer männlich – Getöteter offenbar ein Teenager
Nach Angaben eines Sicherheitsverantwortlichen sind die Opfer durchweg Männer zwischen 17 und etwa 40 Jahren. Zeugenberichten zufolge soll der Getötete ein 18 oder 19 Jahre alter Afghane gewesen sein. Einzelne französische Medien berichteten, die Mehrheit der Verletzten seien ausländische Staatsangehörige. Das Bahnhofsviertel der 104.000-Einwohner-Stadt wurde weiträumig abgesperrt.
Ein Muster, das viele Bürger längst kennen
Ein Streit in einer Bar, ein paar Minuten später ein Toter und sieben Menschen, die um ihr Leben kämpfen. Aus Sicht unserer Redaktion beschreibt dieser Fall präzise, was in westeuropäischen Innenstädten mittlerweile zum Alltag gehört: Die Hemmschwelle zur brutalen Gewalt sinkt – und die klassischen Instrumente des Rechtsstaats greifen offenkundig zu spät.
Bahnhofsviertel gelten in Frankreich wie in Deutschland seit Jahren als Kriminalitätsschwerpunkte. Für viele Bürger ist das keine abstrakte Statistik, sondern die Frage, ob man abends noch gefahrlos auf die Straßenbahn wartet. Kritiker der bisherigen Sicherheits- und Migrationspolitik in beiden Ländern sehen darin das Ergebnis jahrelanger politischer Versäumnisse – von konsequenter Strafverfolgung bis zur Kontrolle darüber, wer sich im Land aufhält.
Die kommenden Tage dürften zeigen, ob die Ermittler ein persönliches Motiv oder mehr hinter der Tat finden. Sicher ist bislang nur: Ein junger Mann ist tot, sieben weitere ringen um ihr Leben.
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