
Stille Flucht statt Krawall: Deutschlands Jugend packt die Koffer!

Für Halloween am 31. Oktober rufen linke Bündnisse unter dem Label „GenZ regelt“ zu Protesten in 23 deutschen Großstädten auf. Innenminister und Polizeipräsidenten fürchten schon französische Verhältnisse. Die eigentliche Revolte der jungen Generation findet aber gar nicht auf der Straße statt, sondern am Abfluggate.
Die Demo, die keiner will?
Den Organisatoren zufolge haben sich bis Mitte der Woche nur rund 150.000 Interessenten für die 23 Kundgebungen angemeldet. Gefordert wird eine Politik, die in Bildung, soziale Sicherheit, Gesundheit, Klimaschutz und bezahlbares Leben investiert. Trotzdem herrscht in den Sicherheitsbehörden Nervosität.
Brandenburgs Innenminister Jan Redmann (CDU) sagte Medienberichten zufolge, die Proteste bereiteten ihm „allergrößte Sorgen“. Er vermute, dass man Halloween bewusst gewählt habe, um „im Schutz der Maskerade“ zu randalieren. Ob es wirklich so kommt, bleibt offen. Die deutsche Protestkultur endet im Extremfall eher mit Sekundenkleber auf dem Asphalt als mit brennenden Rathäusern.
Der Aderlass in Zahlen
Viel bedrohlicher ist eine andere Entwicklung. Laut Statistischem Bundesamt sind seit dem Jahr 2000 netto rund 330.000 Deutsche zwischen 18 und 30 Jahren ausgewandert, Rückkehrer schon abgezogen. Brutto verlassen jedes Jahr mehr als 80.000 junge Menschen dieser Altersgruppe das Land. Bei den 30- bis 41-Jährigen sieht es ähnlich aus. Von den über 60-Jährigen gehen dagegen nur rund 30.000 pro Jahr.
Am beliebtesten sind die Schweiz und Österreich. Nach Erhebungen von Allensbach nannten Auswanderer im vergangenen Jahr vor allem zwei Gründe: Andere Länder gefielen ihnen besser (51 Prozent), und die Politik der Bundesregierung (49 Prozent). Mehrfachnennungen waren möglich.
Besonders schmerzhaft ist das, weil 75 Prozent der Auswanderer einen Hochschulabschluss haben. Unter allen Erwachsenen in Deutschland ist es nur etwa ein Viertel. Es gehen also genau die Köpfe, die das Land am dringendsten bräuchte.
Warum Leistung im Ausland mehr wert ist
Auf den ersten Blick wirkt das paradox. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt laut Eurostat bei 7,2 Prozent, in Frankreich dagegen bei 20,7 und in Italien bei 18,9 Prozent. Beim Bruttoinlandsprodukt pro Kopf liegt Deutschland 23 Prozent vor Frankreich und 40 Prozent vor Italien.
Doch die Kehrseite ist hart. Armutsgefährdung und Mietbelastung sind statistisch ähnlich hoch wie in Frankreich oder Italien. Die PISA-Ergebnisse sind schlecht. Und laut OECD nimmt nur Belgien seinen Arbeitnehmern noch mehr an Steuern und Abgaben ab. Eine Studie der Universität Duisburg-Essen mit dem Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung kommt auf ein klares Ergebnis: Ausgewanderte Deutsche verdienen im Schnitt 12.000 Euro mehr pro Jahr. Je besser die Ausbildung, desto größer der Vorsprung.
Wido Geis-Thöne, Ökonom am Institut der deutschen Wirtschaft, rät der Politik deshalb, die Attraktivität Deutschlands für Fachkräfte zu stärken oder wenigstens zu erhalten. Er warnt:
„Sollte es zu einer stärkeren Abwanderung hochqualifizierter Fachkräfte kommen, könnte dies nicht nur unmittelbar die bestehenden Engpässe am Arbeitsmarkt verstärken, sondern auch die Innovationskraft der Wirtschaft und ihre längerfristigen Entwicklungspotenziale einschränken.“
Eine Politik gegen die Jungen?
Viele junge Leute fragen sich, was sie von dieser Regierung erwarten sollen. Die Rentner werden großzügig bedacht, bei der Frühstartrente wird dagegen gespart. Sie gilt laut dem Bericht nur für Kinder, die ab 2020 geboren sind. Gleichzeitig verteilt die Regierung von Kanzler Friedrich Merz einen fünfmonatigen Tankrabatt nach dem Gießkannenprinzip, der die Steuerzahler mehr als fünf Milliarden Euro kosten soll. Dazu kommen das schuldenfinanzierte Sondervermögen und die Debatte über eine Rückkehr der Wehrpflicht. Wer jung ist, sieht darin leicht eine Rechnung, die am Ende er selbst bezahlt.
Ökonomen wie die Wirtschaftsweise Veronika Grimm fordern schon seit 2018 eine Wende bei Ausgaben und Einnahmen. Kritiker sehen Frankreichs Haushaltskrise deshalb als Blick in Deutschlands Zukunft.
Gedanklich schon weg
Die Trendstudie „Jugend in Deutschland 2026“ hat rund 2.000 Menschen zwischen 14 und 29 Jahren befragt. Danach können sich 41 Prozent vorstellen auszuwandern, 21 Prozent planen es bereits konkret. Und 23 Prozent der Befragten haben Schulden, so viele wie noch nie seit Beginn der Studienreihe.
Gehen werden vor allem die gut Ausgebildeten, die fließend Englisch sprechen. Zurück bleiben die, denen das Bildungssystem keine Chancen eröffnet hat. Egal, wie die Halloween-Demos verlaufen: Die leise Abwanderung ist das deutlichere Urteil der Jugend. Berlin sollte es ernst nehmen.
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