
Spritpreise explodieren: Tankstellenbetreiber klagen über „Raubtierkapitalismus" der Ölkonzerne

Während deutsche Autofahrer an den Zapfsäulen fassungslos auf die Preistafeln starren, tobt hinter den Kulissen ein erbitterter Streit zwischen Tankstellenpächtern und den mächtigen Mineralölkonzernen. Der Dieselpreis hat Anfang März 2026 erstmals die psychologisch bedeutsame Marke von zwei Euro pro Liter durchbrochen. Auch Super E10 kratzt an dieser Schwelle. Doch wer profitiert wirklich von dieser Preisexplosion – und wer zahlt die Zeche?
Billig eingekauft, teuer verkauft – die Masche der Konzerne
Herbert Rabl, Sprecher des Tankstellen-Interessenverbands (TIV), findet deutliche Worte. Was sich derzeit an Deutschlands Tankstellen abspiele, sei „Raubtierkapitalismus wie im 19. Jahrhundert" und habe mit sozialer Marktwirtschaft nicht das Geringste zu tun, erklärte er gegenüber der „Stuttgarter Zeitung". Sein Vorwurf wiegt schwer: Das Rohöl, das derzeit als Benzin und Diesel über die Zapfpistolen fließe, sei zu deutlich günstigeren Konditionen eingekauft und raffiniert worden. Es lagere teilweise seit Wochen in den unterirdischen Tanks der Stationen. Nun werde es zu Preisen verkauft, mit denen die Konzerne ursprünglich nie kalkuliert hätten. Rabl nennt das schlicht „Abzocke".
Die Mineralölwirtschaft hingegen rechtfertigt die Preissprünge als „Vorsichtsmaßnahme" angesichts des Iran-Kriegs, der seit Ende Februar 2026 die globalen Energiemärkte in Aufruhr versetzt. Eine bequeme Ausrede? Für die Tankstellenpächter jedenfalls klingt das wie blanker Hohn.
Pächter als Blitzableiter für den Volkszorn
Das Perfide an der Situation: Die Tankstellenbetreiber selbst haben keinerlei Einfluss auf die Preisgestaltung. Die Preishoheit liegt ausschließlich bei den Mineralölgesellschaften. Doch den geballten Frust der Autofahrer bekommen die Kassiererinnen und Kassierer vor Ort ab. Hans-Joachim Rühlemann, Vorsitzender des Verbands des Garagen- und Tankstellengewerbes Nord-Ost, bestätigte, dass seine Kollegen an den Kassen den Unmut der Bevölkerung „sehr deutlich" zu spüren bekämen.
Die Folgen reichen weit über verbale Beschwerden hinaus. Verärgerte Kunden verzichten nach dem Tanken zunehmend auf Einkäufe im Tankstellenshop – und genau das trifft die Pächter ins Mark. Denn rund 60 Prozent ihres Gesamtumsatzes erwirtschaften sie über den Shopverkauf. Der eigentliche Kraftstoffverkauf macht gerade einmal 20 Prozent aus. Die Ölkonzerne kassieren also doppelt: über die überhöhten Spritpreise und indirekt über die wirtschaftliche Schwächung ihrer eigenen Pächter.
Kartellamt als „zahnloser Tiger"
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche von der CDU hat zwar eine kartellrechtliche Prüfung angekündigt. Doch Rabl winkt ab. Das Kartellamt werde nichts finden, da die Preise formal noch nicht die Schwelle zum gesetzeswidrigen Wucher überschritten hätten. Ein „zahnloser Tiger" sei die Behörde in diesem Fall. Man fragt sich unwillkürlich: Wozu unterhalten wir eigentlich ein Kartellamt, wenn es genau dann versagt, wenn der Bürger seinen Schutz am dringendsten braucht?
Auch einen erneuten Tankrabatt, wie ihn die gescheiterte Ampelregierung 2022 eingeführt hatte, lehnt Rabl ab. Es sei schlicht nicht sinnvoll, die Preiserhöhungen der Konzerne mit Steuergeldern zu subventionieren. Ministerin Reiche habe dies ebenfalls bereits ausgeschlossen – immerhin ein Funken Vernunft in einer ansonsten erschreckend hilflosen politischen Reaktion.
Ein Déjà-vu mit bitterem Beigeschmack
Die aktuelle Situation erinnert fatal an die Energiekrise von 2022, als die damalige Bundesregierung unter Olaf Scholz mit hektischen Notmaßnahmen reagierte, die am Ende vor allem den Konzernen zugutekamen. Der Tankrabatt von damals – ein milliardenschweres Geschenk an die Mineralölindustrie, das beim Verbraucher kaum ankam. Haben wir daraus gelernt? Offensichtlich nicht.
Was bleibt, ist die bittere Erkenntnis, dass der deutsche Autofahrer einmal mehr als Melkkuh der Nation herhalten muss. Zwischen geopolitischen Krisen, gieriger Konzernpolitik und einer Regierung, die zwar markige Worte findet, aber keine wirksamen Instrumente besitzt, bleibt der Bürger auf der Strecke. Die Frage, ob Friedrich Merz und seine Große Koalition hier mehr Durchsetzungskraft zeigen werden als ihre Vorgänger, darf mit Fug und Recht bezweifelt werden.
In Zeiten wie diesen zeigt sich einmal mehr, wie verwundbar eine Volkswirtschaft ist, die sich über Jahrzehnte in eine einseitige Energieabhängigkeit manövriert hat. Statt ideologiegetriebener Energiewenden hätte Deutschland längst eine pragmatische, diversifizierte Energiestrategie gebraucht. Doch dafür ist es nun zu spät – und der Preis dafür steht schwarz auf weiß an jeder Zapfsäule.

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