
Pisa-Debakel: Jetzt sollen Viereinhalbjährige zum Pflichttest!

Rheinland-Pfalz zieht nach dem jüngsten Pisa-Schock die Notbremse. Ministerpräsident Gordon Schnieder (CDU) kündigte gegenüber den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland verbindliche Sprach- und Fähigkeitstests für Kinder ab viereinhalb Jahren an. Sein Befund fällt drastisch aus: Viele Erstklässler seien schlichtweg nicht schulreif.
Stift halten, schneiden, Schnürsenkel binden
Was Schnieder aufzählt, klingt für ältere Generationen wie eine Selbstverständlichkeit. Wer in die Grundschule komme, müsse Deutsch sprechen und bestimmte Grundfähigkeiten beherrschen, so der Regierungschef – dazu gehöre, einen Stift zu halten, mit der Schere zu schneiden und Schnürsenkel zu binden.
„Im Moment sind sehr viele Kinder bei der Einschulung gar nicht grundschulreif“
Die Landesregierung habe dafür die Weichen gestellt. Für einen nationalen Bildungsgipfel sei er offen, betonte Schnieder – er sei offen für alles, was das Bildungssystem besser mache. Deutschland habe keine Rohstoffe, die Kinder seien „unsere größten Schätze“. Sein Prinzip: vorne anfangen, damit hinten nicht repariert werden müsse.
Die Zahlen hinter dem Absturz
Der Anlass ist bitter. Laut den am Dienstag vorgestellten Pisa-Ergebnissen erreichten die getesteten 15-Jährigen in Deutschland die niedrigsten Kompetenzwerte seit Beginn der Erhebungen. Medienberichten über die Studie zufolge rutschte Mathematik von 475 auf 464 Punkte, das Lesen von 480 auf 465 Punkte.
Zur Einordnung: 20 Pisa-Punkte entsprechen etwa dem Lernstoff eines ganzen Schuljahres. Rund ein Drittel der Jugendlichen verfehlt in Lesen und Mathematik das von der OECD definierte Mindestniveau. Beim Lesen waren es 2022 noch 25 Prozent, heute 32 Prozent. In Mathematik kletterte der Anteil der Leistungsschwachen seit 2015 um 17 Prozentpunkte.
An den Gymnasien verfehlen laut den Studiendaten 5 bis 6 Prozent das Mindestniveau – an nicht gymnasialen Schularten 43 Prozent beim Lesen und 47 Prozent in Mathematik. Wer hier von Chancengleichheit spricht, sollte diese Zahlen zweimal lesen.
Sprache entscheidet – und zwar früh
Die Daten stützen Schnieders Fokus auf die frühkindliche Bildung. 29 Prozent der 15-Jährigen in Deutschland haben nach Pisa-Definition einen Zuwanderungshintergrund. In den Naturwissenschaften erreichen Jugendliche ohne Zuwanderungshintergrund im Schnitt 521 Punkte, spät zugewanderte Jugendliche 392 Punkte – eine Lücke von 129 Punkten.
Rechnet die Studie soziale Herkunft, Geschlecht und die zu Hause gesprochene Sprache heraus, schrumpfen die Abstände deutlich. Genau das ist der politische Kern: Sprache ist der Hebel – und je später man ihn ansetzt, desto teurer wird die Reparatur.
25 Jahre Ankündigungen – und nun?
Bildungsministerin Karin Prien (CDU) verwies gegenüber der Deutschen Presse-Agentur darauf, dass sich die Schülerschaft verändert habe – keineswegs nur durch Zuwanderung, sondern auch durch Erziehungsmethoden, Familienstrukturen, die Zahl der Alleinerziehenden sowie Bildschirmzeiten und Social Media.
Aus Sicht unserer Redaktion ist das eine ehrliche, aber unbequeme Diagnose. Ein Vierteljahrhundert nach dem ersten Pisa-Schock steht Deutschland schlechter da als damals – nach unzähligen Gipfeln, Reformen und Digitalpakten. Bemerkenswert: Ein Drittel der deutschen Schüler hält die Schule inzwischen für Zeitverschwendung, im OECD-Schnitt sind es 24 Prozent.
Kritiker fragen daher zu Recht, warum Milliarden in Sondervermögen und Prestigeprojekte fließen, während Grundrechenarten und sinnentnehmendes Lesen zur Restgröße werden. Ein Test für Viereinhalbjährige ist kein Allheilmittel. Aber er ist mehr als das, was das Land bislang geliefert hat: ein messbarer Anspruch.
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