
Nordkoreas Kronprinzessin: Kim Jong Uns Tochter rückt immer näher an die Macht
Was in westlichen Demokratien undenkbar wäre – die Inthronisierung einer Teenagerin als potenzielle Staatschefin einer Atommacht –, scheint in Nordkorea längst beschlossene Sache zu sein. Bei einer nächtlichen Militärparade in Pjöngjang am vergangenen Mittwoch trat Kim Ju Ae, die Tochter des nordkoreanischen Diktators Kim Jong Un, erneut prominent in Erscheinung. Die staatlichen Medien veröffentlichten am Donnerstag Bilder, die das Mädchen Seite an Seite mit ihrem Vater und hochrangigen Militärführern zeigen – beide in schwarze Ledermäntel gehüllt, als wollten sie der Welt demonstrieren: Die Dynastie der Kims ist quicklebendig.
Eine Parade als politisches Signal
Die Militärparade bildete den krönenden Abschluss des Neunten Kongresses der regierenden Arbeiterpartei – des bedeutendsten politischen Ereignisses im nordkoreanischen Kalender. Analysten weltweit hatten den Kongress aufmerksam verfolgt, in der Hoffnung auf Hinweise zu möglichen politischen Kursänderungen. Was sie stattdessen bekamen, war ein unmissverständliches dynastisches Signal. Auf einem von der staatlichen Nachrichtenagentur KCNA veröffentlichten Foto steht Ju Ae neben ihrem Vater und applaudiert den vorbeimarschierenden Truppen. Ein weiteres Bild zeigt sie bei der Beobachtung eines Überflugs militärischer Flugzeuge.
Bemerkenswert: KCNA erwähnte die Rolle des Mädchens bei der Parade mit keinem Wort explizit. Doch gerade dieses beredte Schweigen spricht Bände. In einem System, das jede öffentliche Geste bis ins kleinste Detail choreographiert, ist nichts dem Zufall überlassen.
Südkoreas Geheimdienst sieht Nachfolge-Vorbereitung
Der südkoreanische Geheimdienst NIS hatte bereits Anfang des Monats Parlamentsabgeordnete darüber informiert, dass es deutliche Anzeichen dafür gebe, dass Ju Ae mittlerweile sogar Einfluss auf politische Entscheidungen nehme. Sie befinde sich „in der Phase der internen Ernennung zur Nachfolgerin", so die Einschätzung der Geheimdienstler. Sollte sich diese Analyse bewahrheiten, würde das bedeuten, dass eine Teenagerin – deren genaues Alter nicht einmal offiziell bestätigt ist – eines Tages über ein Arsenal von Atomwaffen und eine der größten Armeen der Welt gebieten könnte.
Nordkorea hat Ju Aes Alter nie offiziell bestätigt, doch Experten gehen davon aus, dass sie Anfang der 2010er-Jahre geboren wurde. Ihre Existenz wurde der Weltöffentlichkeit erstmals 2013 bekannt, als der ehemalige amerikanische Basketballstar Dennis Rodman nach einem Besuch in Pjöngjang ausplauderte, er habe Kims „Baby"-Tochter namens Ju Ae auf dem Arm gehalten. Eine Indiskretion, die damals für Aufsehen sorgte – und die heute, rückblickend betrachtet, wie ein erstes Kapitel einer sorgfältig inszenierten Machtübergabe wirkt.
Vom Raketentestgelände auf die Weltbühne
Ju Aes öffentliche Karriere begann Ende 2022, als sie ihren Vater beim Start einer Interkontinentalrakete begleitete. Die Staatspropaganda bezeichnete sie damals als seine „geliebte" Tochter. Seitdem hat sie bei einer wachsenden Zahl von Anlässen an seiner Seite gestanden – bei Raketentests, Militärjubiläen und nationalen Feierlichkeiten. Stets mit langem Haar, häufig in teuer anmutenden Lederjacken oder pelzbesetzten Mänteln gekleidet, wurde ihre Sichtbarkeit durch den Propagandaapparat systematisch gesteigert.
Im vergangenen September folgte dann ihr internationales Debüt: Sie begleitete Kim Jong Un auf einer Reise nach China. Ein Schritt, der die Spekulationen über ihren Status weiter befeuerte. Denn wer in Nordkorea den Machthaber auf diplomatischer Mission ins Ausland begleiten darf, der gehört zum innersten Zirkel der Macht – oder ist auf dem besten Weg dorthin.
Dynastische Herrschaft als Stabilitätsgarant?
Über Kims andere Kinder ist nach wie vor praktisch nichts bekannt. Die gezielte Fokussierung auf Ju Ae lässt vermuten, dass die Entscheidung über die Nachfolge bereits gefallen sein könnte. In einem Land, dessen gesamtes politisches System auf der dynastischen Legitimität der Kim-Familie aufgebaut ist – vom Großvater Kim Il Sung über den Vater Kim Jong Il bis zum heutigen Machthaber –, wäre eine weibliche Nachfolgerin zwar ein Novum, aber keineswegs ein Bruch mit der Tradition. Im Gegenteil: Es wäre die konsequente Fortführung eines Herrschaftsmodells, das seit über sieben Jahrzehnten funktioniert.
Während der Westen sich in endlosen Debatten über Identitätspolitik und Genderfragen verliert, setzt Nordkorea auf das älteste Herrschaftsprinzip der Menschheitsgeschichte: Blut und Dynastie. Man mag das Regime in Pjöngjang für vieles kritisieren – und es gibt wahrlich genug Gründe dafür –, doch eines muss man ihm lassen: An Klarheit in der Nachfolgefrage mangelt es nicht. Ob die Welt bereit ist für eine junge Frau an der Spitze einer nuklear bewaffneten Diktatur, steht freilich auf einem ganz anderen Blatt.
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