
Mexikos Drogenkrieg eskaliert: Tod von „El Mencho" entfesselt Chaos und Gewalt
Was passiert, wenn man einer Hydra den Kopf abschlägt? In der griechischen Mythologie wuchsen bekanntlich zwei neue nach. Ob diese Metapher auch auf den mexikanischen Drogenkrieg zutrifft, wird sich zeigen – doch die unmittelbaren Folgen der Tötung des berüchtigten Kartellchefs Nemesio Oseguera Cervantes, besser bekannt als „El Mencho", sind bereits jetzt verheerend.
Militäreinsatz mit weitreichenden Konsequenzen
Am Sonntag erschossen Soldaten einer mexikanischen Sondereinheit den 59-jährigen Drogenboss bei einem Zugriff in der Gemeinde Tapalpa im westlichen Bundesstaat Jalisco. Oseguera sei während des Transports nach Mexiko-Stadt seinen Verletzungen erlegen, teilte das Verteidigungsministerium mit. Sechs weitere Bandenmitglieder seien bei dem Einsatz getötet, zwei festgenommen worden. Drei Soldaten hätten Verletzungen erlitten. Die Sicherheitskräfte stellten dabei ein Arsenal sicher, das selbst hartgesottene Beobachter erschaudern lässt: Panzerfahrzeuge, Raketenwerfer und schwere Waffen – ein Beleg dafür, wie weit die Militarisierung der mexikanischen Kartelle mittlerweile fortgeschritten ist.
Die US-Behörden hätten im Rahmen bilateraler Zusammenarbeit mit nachrichtendienstlichen Informationen zum Erfolg der Operation beigetragen. Kein Wunder: Washington hatte das von Oseguera geführte Kartell Jalisco Nueva Generación (CJNG) als ausländische Terrororganisation eingestuft und sage und schreibe 15 Millionen US-Dollar Kopfgeld auf „El Mencho" ausgesetzt.
Brennende Städte, blockierte Straßen, gestrichene Flüge
Die Reaktion des Kartells ließ nicht lange auf sich warten – und sie fiel so brutal aus, wie man es von einer Organisation erwarten konnte, die zu den gewalttätigsten der Welt zählt. In mindestens fünf Bundesstaaten – Jalisco, Michoacán, Aguascalientes, Tamaulipas und Guanajuato – errichteten Kartellmitglieder Straßensperren aus brennenden Autos, Lastwagen und Bussen. Geschäfte und Apotheken gingen in Flammen auf. Über der beliebten Touristenstadt Puerto Vallarta stiegen dichte Rauchwolken empor, während verängstigte Urlauber in ihren Hotels ausharrten.
Besonders brisant: Auch in Guadalajara, das als Austragungsort der bevorstehenden Fußball-Weltmeisterschaft fungieren soll, blockierten brennende Fahrzeuge zentrale Verkehrsadern. Man fragt sich unwillkürlich, ob die FIFA bei der Vergabe der WM-Spiele an mexikanische Städte die Sicherheitslage auch nur ansatzweise realistisch eingeschätzt hat – oder ob hier einmal mehr wirtschaftliche Interessen über die Sicherheit von Fans und Sportlern gestellt wurden.
Der Gouverneur von Jalisco reagierte mit drastischen Maßnahmen: Der öffentliche Nahverkehr wurde ausgesetzt, der Schulunterricht abgesagt. Mehrere internationale Fluggesellschaften, darunter United, Southwest und Air Canada, strichen ihre Verbindungen nach Puerto Vallarta, Guadalajara und Manzanillo. Einige Maschinen kehrten sogar auf halber Strecke um.
Deutsche Botschaft warnt – ein Weckruf für naive Touristen
Auch die deutsche Botschaft sah sich gezwungen, umgehend zu reagieren. Auf der Plattform X warnte sie vor „Unruhen, Straßensperren und Brandstiftungen" in verschiedenen Landesteilen. Deutsche Staatsangehörige sollten an sicheren Orten wie Hotels verbleiben und auf nicht erforderliche Fahrten verzichten. Besonders eindringlich der Hinweis: „Versuchen Sie bei Straßensperren nicht, sich zu widersetzen oder zu flüchten." Ein Satz, der die ganze Brutalität der Lage in wenigen Worten zusammenfasst.
Man muss sich diese Situation einmal vergegenwärtigen: Ein Land, das Millionen von Touristen jährlich anlockt, versinkt binnen Stunden im Chaos – und die offizielle Empfehlung lautet, sich in Hotelzimmern zu verschanzen. Das ist kein Abenteuerurlaub, das ist ein Krisengebiet.
Wer war „El Mencho"?
Die Biographie Osegueras liest sich wie das Drehbuch einer Netflix-Serie – nur dass die Realität weitaus grausamer ist als jede Fiktion. 1966 im Bundesstaat Michoacán geboren, wurde er in den 1990er Jahren in Kalifornien wegen Heroinschmuggels verhaftet und später nach Mexiko abgeschoben. Dort arbeitete er ausgerechnet zeitweise als Polizist – ein Detail, das die tiefe Durchdringung mexikanischer Institutionen durch die organisierte Kriminalität auf erschreckende Weise illustriert.
Nach Stationen im Milenio-Kartell gründete er das CJNG, das sich unter seiner Führung zu einer der mächtigsten kriminellen Organisationen des Landes entwickelte. Die Liste der ihm zur Last gelegten Verbrechen ist lang: Anschläge auf Sicherheitskräfte, öffentliche Hinrichtungen, Zwangsrekrutierung junger Menschen. Das Kartell kontrollierte ein Imperium, das vom Fentanyl-Schmuggel über Waffenhandel bis zur Schleusung von Migranten reichte.
Die Fentanyl-Krise als transatlantisches Problem
Gerade der Fentanyl-Handel verdient besondere Aufmerksamkeit. Die synthetische Droge hat in den USA eine Opioid-Epidemie ausgelöst, die jährlich Zehntausende Menschenleben fordert. Es war nicht zuletzt dieser verheerende Drogenstrom, der US-Präsident Donald Trump dazu veranlasste, massive Zölle gegen Mexiko zu verhängen und sogar militärische Optionen nicht kategorisch auszuschließen. Die Einstufung des CJNG als Terrororganisation war ein klares Signal: Washington betrachtet die mexikanischen Kartelle nicht mehr nur als kriminelle Vereinigungen, sondern als existenzielle Bedrohung der nationalen Sicherheit.
Ein Pyrrhussieg im Drogenkrieg?
Die Geschichte des mexikanischen Drogenkriegs lehrt uns eines mit brutaler Klarheit: Die Tötung oder Verhaftung einzelner Kartellchefs hat die Gewalt noch nie dauerhaft eingedämmt. Im Gegenteil – oft folgte auf die Ausschaltung eines Anführers ein blutiger Machtkampf zwischen rivalisierenden Fraktionen, der noch mehr Opfer forderte als zuvor. Die Festnahme von Joaquín „El Chapo" Guzmán im Jahr 2016 führte nicht etwa zum Niedergang des Sinaloa-Kartells, sondern zu dessen Fragmentierung und einer Eskalation der Gewalt.
Ob es diesmal anders sein wird? Die Zeichen stehen nicht gut. Die koordinierte Gewaltwelle, die innerhalb weniger Stunden nach dem Tod „El Menchos" über mehrere Bundesstaaten hinwegfegte, zeigt, dass das CJNG über funktionierende Kommandostrukturen verfügt, die auch ohne ihren Anführer handlungsfähig sind. Das Kartell wird nicht einfach verschwinden – es wird sich reorganisieren, möglicherweise spalten, und der Kampf um die Nachfolge könnte Mexiko in eine noch tiefere Gewaltspirale stürzen.
Für Deutschland sollte diese Entwicklung ein Lehrstück sein. Denn die Mechanismen, die in Mexiko zu einem faktischen Staatsversagen geführt haben – unkontrollierte Migration, Korruption, eine überforderte Justiz und der Verlust des staatlichen Gewaltmonopols – sind keine exotischen Phänomene ferner Länder. Sie sind Warnsignale, die auch hierzulande ernst genommen werden müssen, bevor es zu spät ist.
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