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21.01.2026
06:20 Uhr

Merz auf Brautschau in Delhi: Warum Deutschland plötzlich um Indien buhlt

Merz auf Brautschau in Delhi: Warum Deutschland plötzlich um Indien buhlt

Die Zeiten ändern sich, und mit ihnen die Prioritäten der deutschen Außenwirtschaftspolitik. Bundeskanzler Friedrich Merz hat sich auf den Weg nach Indien gemacht – nicht etwa als höflicher Antrittsbesuch, sondern als strategische Neuausrichtung eines Landes, das jahrzehntelang blind auf China gesetzt hat. Der indische Premierminister Narendra Modi empfing den Kanzler in seinem Heimatbundesstaat Gujarat, was in diplomatischen Kreisen als besondere Geste der Wertschätzung gilt.

Das Ende der China-Euphorie

Lange Zeit galt die Volksrepublik China als das gelobte Land der deutschen Industrie. Zweistellige Wachstumsraten, billige Vorprodukte und ein schier unerschöpflicher Absatzmarkt – eine Symbiose der Bequemlichkeit, die niemand hinterfragen wollte. Doch diese Euphorie ist einer strategischen Ernüchterung gewichen, die längst überfällig war. Die Bundesregierung betrachtet China mittlerweile offiziell als „Partner, Wettbewerber und systemischen Rivalen" – wobei die Elemente der Rivalität und des Wettbewerbs deutlich zugenommen haben.

Die Lehren aus der Energiekrise nach der russischen Invasion in der Ukraine haben offenbar auch in den Köpfen der politischen Entscheidungsträger Spuren hinterlassen. Einseitige Abhängigkeiten, sogenannte Klumpenrisiken, sind sicherheitsgefährdend. Das hätte man freilich auch schon früher erkennen können, doch besser spät als nie.

Chinas Subventionspolitik setzt deutsche Industrie unter Druck

Massive staatliche Subventionen in China, insbesondere in den Bereichen E-Mobilität und Green Tech, setzen die deutsche Kernindustrie unter erheblichen Druck. Laut einer Analyse des Kiel Instituts für Weltwirtschaft übersteigen die chinesischen Industriesubventionen das Niveau großer EU-Staaten um das Drei- bis Neunfache. Akteure wie BYD oder CRRC konnten ihre Kapazitäten massiv skalieren und eine weltweit aggressive Preispolitik etablieren, gegen die europäische Hersteller kaum ankommen.

Die Kosten einer Abkopplung

Doch so einfach ist die Sache nicht. Eine Studie des Kiel Instituts für Weltwirtschaft hat die Auswirkungen einer Abkopplung von China untersucht und kommt zu ernüchternden Ergebnissen: Bei einer abrupten Entkopplung würde das deutsche BIP im ersten Jahr um bis zu 5 Prozent einbrechen. Langfristig würde sich der dauerhafte Verlust bei 1,5 bis 2 Prozent einpegeln.

„Jede Entkopplung der deutsch-chinesischen Handelsbeziehungen ist für Deutschland mit Kosten verbunden. Die vergleichsweise geringen Kosten einer teilweisen Entkopplung können als Versicherungsprämie gegen einen schmerzhaften Wirtschaftseinbruch verstanden werden."

Indien: Der schwierige, aber notwendige Partner

Indien gilt traditionell als der „schwierige Partner". Bürokratische Hürden, Korruption und protektionistische Tendenzen schrecken viele Unternehmer ab. Laut dem „German Indian Business Outlook 2025" stellen für 65 Prozent der befragten Unternehmen bürokratische Hürden das Haupthindernis dar. Knapp ein Drittel sieht Korruption weiterhin als signifikantes Geschäftsrisiko.

Dennoch planen 79 Prozent der Unternehmen bis 2030 Investitionen in Indien als Reaktion auf geopolitische Spannungen. Die Koordinaten haben sich verschoben. Mit Wachstumsraten, die stabil über 6 Prozent liegen, hat sich Indien zum Wachstumsmotor der Weltwirtschaft entwickelt – während für China lediglich 4,2 Prozent und für Deutschland magere 1,2 Prozent prognostiziert werden.

Eine Allianz der Notwendigkeit

Merz bezeichnete Indien als „Wunschpartner für Deutschland". Die Partnerschaft ist keine romantische Schwärmerei, sondern eine Allianz der Notwendigkeit. In einer Welt, die sich zunehmend in Blöcke fragmentiert, könnte die Achse Berlin-Delhi das wichtigste Projekt für die kommenden Jahrzehnte werden. Für die deutsche Industrie ist der indische Elefant nicht mehr nur ein behäbiges Tier am Rande des Blickfeldes – er ist zum unverzichtbaren Gefährten auf dem unsicheren Terrain des globalen Marktes geworden.

Ob diese strategische Neuausrichtung gelingt, wird sich zeigen. Sicher ist nur: Die Ära der ungetrübten China-Euphorie ist endgültig beendet.

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