
Machtwechsel in Caracas: Venezuelas neue Herrin räumt die Armeespitze aus
Was sich derzeit in Venezuela abspielt, liest sich wie das Drehbuch eines geopolitischen Thrillers – nur dass es bittere Realität ist. Die Übergangspräsidentin Delcy Rodríguez hat in einem beispiellosen Schritt die gesamte Führungsspitze der venezolanischen Streitkräfte entlassen und durch eigene Gefolgsleute ersetzt. Ein Vorgang, der die ohnehin fragile Machtarchitektur des südamerikanischen Landes grundlegend erschüttert.
Maduros Schatten wird ausgelöscht
Bereits am Mittwoch hatte Rodríguez den langjährigen Verteidigungsminister Vladimir Padrino López seines Amtes enthoben. Padrino López galt als einer der engsten Vertrauten des bei einem US-Militäreinsatz Anfang Januar gefangengenommenen Präsidenten Nicolás Maduro. Einen Tag später folgte dann der große Kahlschlag: Sämtliche hochrangigen Armeekommandanten wurden abgesetzt. „Ich gebe die Ernennung des neuen Oberkommandos der Streitkräfte bekannt", verkündete Rodríguez am Donnerstag über soziale Medien – knapp, kühl, unmissverständlich.
Man muss sich die Tragweite dieses Schrittes vor Augen führen. Die venezolanische Armee ist weit mehr als eine bloße Verteidigungsinstitution. Sie kontrolliert weite Teile der Wirtschaft – vom Erdölsektor über den Bergbau bis hin zur Lebensmittelverteilung. Sie beherrscht den Zoll, besetzt Schlüsselministerien und durchdringt das gesamte Staatswesen wie ein Nervensystem. Wer die Armee kontrolliert, kontrolliert Venezuela. So einfach ist das.
Washingtons langer Arm reicht bis Caracas
Die eigentlich spannende Frage lautet freilich: Für wen räumt Rodríguez hier auf? Die Antwort dürfte in Washington zu finden sein. US-Präsident Donald Trump hatte nach der Gefangennahme Maduros unmissverständlich erklärt, Venezuela stehe nun unter der Kontrolle der Vereinigten Staaten. Rodríguez, einst Maduros Stellvertreterin, wurde von Trump als „fantastisch" gelobt – ein Prädikat, das der US-Präsident bekanntlich nicht leichtfertig vergibt.
Was Trump im Gegenzug verlangt, ist kein Geheimnis: Zugang zu den gigantischen Ölvorkommen Venezuelas, die zu den größten der Welt zählen. In den vergangenen Wochen lockerte Washington bereits seine Sanktionen gegen das Land – ein deutliches Signal, dass die neue Achse Caracas-Washington auf Kooperation ausgelegt ist. Man könnte auch sagen: auf Abhängigkeit.
Ein Land zwischen Chaos und Neuordnung
Maduro selbst sitzt derweil in New York in Haft. Ihm soll wegen „Drogenterrorismus" der Prozess gemacht werden – ein Vorwurf, der seit Jahren im Raum steht und nun offenbar juristisch untermauert werden soll. Der linksnationalistische Autokrat, der sein Land über Jahre hinweg in den wirtschaftlichen Ruin getrieben hatte, dürfte kaum noch Hoffnung auf eine Rückkehr an die Macht hegen.
Was bleibt, ist ein Venezuela im Umbruch. Die Säuberung der Armeeführung durch Rodríguez zeigt, wie schnell sich Loyalitäten verschieben, wenn die Machtverhältnisse kippen. Dass ausgerechnet Maduros ehemalige Stellvertreterin nun als Washingtons Statthalerin agiert, entbehrt nicht einer gewissen bitteren Ironie. Doch so funktioniert Realpolitik – und sie war schon immer unsentimentaler als jede Ideologie.
Für Europa und insbesondere für Deutschland sollte die Entwicklung in Venezuela ein Weckruf sein. In einer Welt, in der Rohstoffzugang zunehmend über geopolitische Macht entscheidet, positionieren sich die USA mit bemerkenswerter Konsequenz. Während man hierzulande noch über Energiewenden und Sondervermögen debattiert, sichert sich Washington handfeste Ressourcen. Die Frage, ob Deutschland in diesem globalen Machtpoker überhaupt noch mitspielen kann – oder will –, bleibt unbeantwortet. Und das ist vielleicht die beunruhigendste Erkenntnis von allen.
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