
Koalitionskrise um den 1. Mai: Als Merz den heiligsten Feiertag der SPD schleifen wollte

Es gibt Momente in der Politik, die so absurd anmuten, dass man sie fĂŒr Satire halten könnte â wĂ€re die RealitĂ€t nicht lĂ€ngst jenseits jeder Karikatur angekommen. Am vergangenen Wochenende soll es in der Berliner Villa Borsig beinahe zum groĂen Knall gekommen sein. Die GroĂe Koalition aus CDU/CSU und SPD stand offenbar am Rande des Zusammenbruchs. Der Auslöser? Unter anderem die Forderung der Union, den 1. Mai als bundesweiten Feiertag abzuschaffen. Man reibt sich die Augen.
Verhandlungsmarathon am Tegeler See
Wie der Spiegel berichtet, berieten die Koalitionsspitzen in einem 24-stĂŒndigen Verhandlungsmarathon ĂŒber Entlastungen fĂŒr die BĂŒrger angesichts der durch den Irankrieg ausgelösten Energiekrise. Haushaltsfragen, eine Reform der Sozialsysteme, die Zukunft der Energiebesteuerung â die Themen waren gewichtig genug, um die ohnehin fragile Koalition an ihre Belastungsgrenze zu fĂŒhren. Dass ein Abbruch der GesprĂ€che im Raum stand, ĂŒberrascht angesichts der fundamentalen Differenzen zwischen den Partnern kaum noch jemanden.
Am Ende einigte man sich â natĂŒrlich. Denn ein Gang vor die Kameras ohne Ergebnis hĂ€tte beide Seiten politisch beschĂ€digt. Neuwahlen? Davor fĂŒrchten sich sowohl Union als auch SPD wie der Teufel das Weihwasser. Zu groĂ die Gefahr, Stimmen an jene KrĂ€fte zu verlieren, die man seit Jahren mit der Brandmauer auf Distanz hĂ€lt. Also wurde wieder einmal der kleinste gemeinsame Nenner gesucht â und gefunden: eine vorĂŒbergehende Senkung der Energiesteuer auf Benzin und Diesel, die von Experten bereits als weitgehend unwirksam kritisiert wird. Ein Pflaster auf einer klaffenden Wunde.
Provokation oder KalkĂŒl?
Besonders brisant war die ĂŒber die Bild-Zeitung lancierte Forderung der CDU, die Lohnfortzahlung am ersten Krankheitstag abzuschaffen und einen Karenztag einzufĂŒhren. Zusammen mit dem VorstoĂ zur Streichung des 1. Mai als Feiertag interpretierte die SPD dies als gezielte Provokation. Und man muss kein Sozialdemokrat sein, um zu erkennen, dass der Angriff auf den âTag der Arbeit" â historisch das HerzstĂŒck gewerkschaftlicher IdentitĂ€t â in einer Koalition mit der SPD einem politischen Kamikaze-Manöver gleichkommt.
Die historische Ironie dabei ist bemerkenswert: Der 1. Mai wurde 1919 erstmals in Deutschland als Feiertag begangen, seine Wurzeln liegen in der amerikanischen Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts. Zum dauerhaften gesetzlichen Feiertag mit Lohnfortzahlung machten ihn ausgerechnet die Nationalsozialisten 1933 â als zynisches Instrument zur Vereinnahmung der Arbeiterschaft, bevor sie tags darauf die Gewerkschaften zerschlugen. Dass die SPD nun ausgerechnet diesen Feiertag mit ZĂ€hnen und Klauen verteidigt, entbehrt nicht einer gewissen geschichtlichen Pikanterie.
Gegenseitige Schuldzuweisungen als Koalitionsritual
Das Spiel der wechselseitigen VorwĂŒrfe folgt mittlerweile einem ermĂŒdend vorhersehbaren Drehbuch. Die SPD wirft der Union ein âPolitikmanagementproblem" vor und beklagt, dass weit fortgeschrittene Verhandlungen ĂŒber eine Einkommensteuerreform ohne erkennbaren Grund abgebrochen worden seien. Die Union kontert, die Sozialdemokraten hĂ€tten mit ihrem Beharren auf einer Ăbergewinnsteuer fĂŒr Mineralölkonzerne die GesprĂ€che unnötig torpediert â getrieben vom linken ParteiflĂŒgel und den Gewerkschaften.
Am Ende verstĂ€ndigte man sich auf den typischen Berliner Kompromiss: Eine Ăbergewinnsteuer solle nur dann eingefĂŒhrt werden, falls die EU eine entsprechende Regelung beschlieĂe. Gleichzeitig wurde jedoch bereits eine Abschöpfung âzu hoher Gewinne" in Aussicht gestellt. Mit anderen Worten: Man hat sich darauf geeinigt, sich nicht zu einigen â und die Entscheidung nach BrĂŒssel zu delegieren. Ein Meisterwerk der politischen Verantwortungsvermeidung.
Die eigentliche Krise liegt tiefer
Was dieser Krisengipfel in Wahrheit offenbart, ist weitaus beunruhigender als der Streit um einen einzelnen Feiertag. Er zeigt eine Koalition, die weder willens noch fĂ€hig ist, die strukturellen Probleme Deutschlands anzupacken. Statt ĂŒber den aufgeblĂ€hten Staatsapparat, die erdrĂŒckende BĂŒrokratie oder die explodierenden Sozialausgaben zu sprechen, streitet man sich ĂŒber Symbolpolitik. Statt die Energiekosten durch eine vernĂŒnftige, technologieoffene Energiepolitik dauerhaft zu senken, verteilt man Almosen in Form temporĂ€rer Steuersenkungen.
Die Finanzen des Landes scheinen offenbar in einem derart desolaten Zustand zu sein, dass man bereits ĂŒber die Abschaffung von Feiertagen nachdenkt, um die Wirtschaftsleistung marginal zu steigern. Dabei liegt das Problem nicht in zu wenig Arbeitstagen, sondern in einer Politik, die seit Jahren systematisch den Wirtschaftsstandort Deutschland ruiniert: durch die höchsten Energiepreise Europas, durch eine Abgabenlast, die LeistungstrĂ€ger in die Flucht treibt, und durch ein Sozialsystem, das unter dem Gewicht unkontrollierter Zuwanderung zu implodieren droht.
Friedrich Merz hatte im Wahlkampf versprochen, keine neuen Schulden zu machen. Stattdessen hat seine Regierung ein 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen auf den Weg gebracht, das kommende Generationen mit Zinszahlungen belasten wird. Und nun soll der fleiĂige Arbeitnehmer auch noch seinen Feiertag hergeben? Es ist diese Mischung aus Wortbruch und Dreistigkeit, die das Vertrauen der BĂŒrger in die Politik weiter erodieren lĂ€sst.
Ein Trauerspiel ohne Vorhang
Diese Koalition hĂ€lt nicht zusammen, weil sie gemeinsame Ăberzeugungen teilt. Sie hĂ€lt zusammen, weil beide Partner wissen, dass Neuwahlen fĂŒr sie zum Desaster wĂŒrden. Es ist eine Zweckgemeinschaft der Angst, keine Regierung der Gestaltung. Und der BĂŒrger? Der darf zusehen, wie sein Land von einer politischen Klasse verwaltet wird, die mehr mit sich selbst beschĂ€ftigt ist als mit den realen Problemen der Menschen. Der 1. Mai mag vorerst gerettet sein. Die Frage ist nur, ob es in ein paar Jahren noch genĂŒgend Arbeitnehmer in Deutschland geben wird, die ihn feiern können.
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