
Handgreiflichkeiten in der Berliner SPD: Wenn der Kampf um Listenplätze eskaliert
Was sich wie eine Szene aus einem schlechten Politthriller liest, soll sich tatsächlich vor der Berliner SPD-Zentrale abgespielt haben: Eine Abgeordnete des Berliner Abgeordnetenhauses soll einen parteiinternen Konkurrenten körperlich angegriffen und ihm den Arm verdreht haben. Ausgerechnet die bildungspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Maja Lasić, steht im Zentrum dieser Vorwürfe – eine Partei, die sich sonst so gerne als moralische Instanz in Sachen Gewaltprävention und respektvollem Umgang inszeniert.
Verteilungskampf um schwindende Pfründe
Der Hintergrund des Konflikts ist so banal wie bezeichnend für den Zustand der einst stolzen Sozialdemokratie. Im Kreisverband Mitte tobt ein erbitterter Kampf um die immer knapper werdenden sicheren Listenplätze für die Abgeordnetenhauswahl am 20. September dieses Jahres. Der stetige Stimmenschwund der SPD – eine logische Konsequenz jahrelanger Fehlpolitik, möchte man meinen – sorgt dafür, dass die Genossen sich gegenseitig an die Gurgel gehen. Im wahrsten Sinne des Wortes, wenn man den Vorwürfen Glauben schenkt.
Der 62-jährige Kazem Radpasand, Vorsitzender der SPD-Abteilung Panke-Kiez, schildert den Vorfall in einem Brief an das sogenannte „Awareness-Team" der SPD – allein die Existenz eines solchen Gremiums spricht Bände über den Zustand dieser Partei. Demnach soll Lasić ihn am 10. September 2025 vor einem Funktionärstreffen auf offener Straße abgefangen und „mit erhobener Stimme" zur Rede gestellt haben. Der Grund: Er habe sie nicht über ein Vorbereitungstreffen einiger Abteilungsvorsitzender informiert.
Vom Wortgefecht zur Handgreiflichkeit
Was dann geschehen sein soll, klingt weniger nach demokratischem Diskurs als nach Schulhofschlägerei. Radpasand beschreibt in seinem Schreiben, wie Lasić handgreiflich geworden sei, als er versuchte, Abstand zu gewinnen. Sie habe ausgeholt, seinen Arm ergriffen und diesen „schmerzhaft verdreht", während sie ihn zu sich zurückzog. Anschließend soll sie gedroht haben: „Die Diskussion ist noch lange nicht beendet, ich bin mit dir noch nicht fertig." Man fragt sich unwillkürlich, ob hier eine Abgeordnete spricht oder eine Figur aus einem zweitklassigen Gangsterfilm.
Die 1979 im damals jugoslawischen Mostar geborene Lasić, die als 14-Jährige als Flüchtling vor dem Bosnienkrieg nach Deutschland kam, bestreitet die körperliche Attacke über ihren Anwalt vehement. Sie räumt lediglich ein, dass ihre verbale Ansprache „nicht angemessen" gewesen sei. Weder habe sie Radpasand den Arm verdreht noch ihn „sonst in irgendeiner Weise körperlich unangemessen behandelt". Auch die ihr zugeschriebenen Drohungen seien „so nicht gefallen".
Wer ist hier das Opfer?
Besonders pikant: Lasić vermutet hinter der Veröffentlichung der Vorwürfe ein politisches Kalkül ihres Kontrahenten. Radpasand war ihr sowohl bei der Kandidatenaufstellung als auch bei einer weiteren parteiinternen Wahl unterlegen. Ihr Anwalt spricht von einem „Muster, bei dem jede politische Niederlage der Strömung von Herrn Radpasand auf Parteitagen zu einer erneuten Eskalation des Konfliktes führt".
Radpasand hingegen beteuert, er habe bewusst weder die Öffentlichkeit gesucht noch ein Parteiordnungsverfahren angestrengt oder strafrechtliche Schritte eingeleitet – obwohl ihm dies empfohlen worden sei. Sein erklärtes Ziel sei eine „sachliche, interne Klärung sowie eine angemessene Entschuldigung" gewesen. Diese stehe bis heute aus.
Ein Sinnbild des politischen Verfalls
Der Vorfall ist mehr als eine peinliche Randnotiz aus dem Berliner Politikbetrieb. Er offenbart den desolaten Zustand einer Partei, die einst den Anspruch erhob, für die arbeitende Bevölkerung zu sprechen, und sich heute in internen Grabenkämpfen um die letzten verbliebenen Versorgungsposten zerfleischt. Wenn die Nerven derart blank liegen, dass es angeblich zu körperlichen Übergriffen kommt, dann ist das ein Symptom einer viel tieferen Krise.
Die SPD, die sich stets als Vorkämpferin gegen Gewalt und für einen respektvollen Umgang geriert, die bei jeder Gelegenheit „Awareness-Teams" und Verhaltenskodizes einfordert, scheint an ihren eigenen Maßstäben krachend zu scheitern. Wasser predigen und Wein trinken – dieses Prinzip beherrscht die deutsche Sozialdemokratie offenbar meisterhaft. Ob die Vorwürfe letztlich zutreffen oder nicht: Das Bild, das die Berliner SPD hier abgibt, ist verheerend. Und es passt leider nur allzu gut in das Gesamtbild einer politischen Klasse, die den Kontakt zur Realität – und offenbar auch zur Selbstbeherrschung – längst verloren hat.

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