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Kettner Edelmetalle
09.02.2026
12:58 Uhr

Erdogans Balanceakt: Warum die Türkei den Erzfeind Iran am Leben halten will

Es mutet wie ein geopolitisches Paradoxon an: Die Türkei, seit Jahrhunderten erbitterter Rivale des Iran um die Vorherrschaft im Nahen Osten, stemmt sich mit aller Kraft gegen einen möglichen Sturz des Mullah-Regimes in Teheran. Recep Tayyip Erdoğan, der türkische Präsident, machte bei seinem jüngsten Besuch in Saudi-Arabien unmissverständlich klar, dass Ankara jede militärische Aktion gegen den Iran kategorisch ablehne und sich als Vermittler zwischen Washington und Teheran anbiete.

Jahrhundertealte Rivalität trifft auf knallharte Realpolitik

Die Geschichte der türkisch-iranischen Beziehungen ist geprägt von Misstrauen und Konkurrenz. Bereits das Osmanische Reich und das Safawidenreich lieferten sich erbitterte Machtkämpfe. Diese Rivalität hat sich in den vergangenen Jahren keineswegs abgeschwächt – im Gegenteil. Der Sturz des Assad-Regimes in Syrien im Dezember 2024 markierte einen triumphalen Sieg für Ankara und eine demütigende Niederlage für Teheran. Die von der Türkei unterstützten Rebellengruppen übernahmen die Macht, während der Iran seinen wichtigsten arabischen Verbündeten verlor.

Auch im Südkaukasus konnte die Türkei ihre Position massiv ausbauen. Das von US-Präsident Donald Trump vermittelte Abkommen zwischen Aserbaidschan und Armenien eröffnet Ankara einen direkten Korridor zum Kaspischen Meer und zu den lukrativen Märkten Zentralasiens. In Teheran schrillen die Alarmglocken: Ali Akbar Velayati, Berater des iranischen Obersten Führers, warnte bereits vor einer Gefährdung der Sicherheit im Südkaukasus.

Die Angst vor dem Chaos an den Grenzen

Doch trotz all dieser strategischen Gewinne wäre ein Zusammenbruch des iranischen Staates für die Türkei ein Albtraum. Die 534 Kilometer lange gemeinsame Grenze würde sich in ein Einfallstor für Millionen von Flüchtlingen verwandeln. Bereits während der gewaltsamen Niederschlagung von Protesten im Iran suchten zahlreiche Menschen Schutz an der türkischen Grenze. Im türkischen Parlament wurden daraufhin Diskussionen über die Einrichtung einer Pufferzone geführt.

Die Türkei, die bereits über drei Millionen syrische Flüchtlinge aufgenommen hat und unter einer anhaltenden Wirtschaftskrise leidet, ist auf einen weiteren massiven Zustrom schlicht nicht vorbereitet. Hinzu kommt die explosive Kurdenfrage: Sollte das Regime in Teheran stürzen, könnten kurdische Regionen im Iran bewaffnet für Autonomie oder gar Unabhängigkeit kämpfen. Ein solcher Flächenbrand hätte unmittelbare Auswirkungen auf den Irak, Syrien und die Türkei selbst – Heimat von Millionen Kurden, der größten staatenlosen Volksgruppe der Welt.

Der Feind meines Feindes ist nicht mein Freund

Besonders brisant ist für Ankara die Aussicht, dass eine Schwächung Teherans ausgerechnet Israel stärken würde. Die vergangenen Jahre haben Israels regionalen Machtanspruch erheblich gefestigt: der Krieg im Gazastreifen, die Ausschaltung der Hisbollah-Strukturen im Libanon, regelmäßige Angriffe in Syrien und der zwölftägige Krieg mit dem Iran im Juni 2025. Außenminister Hakan Fidan formulierte es im Januar unmissverständlich: Der Mossad versuche nicht einmal mehr zu verbergen, dass er das iranische Volk offen zum Aufstand ermutige.

Energie als Lebensader der Beziehungen

Neben den geopolitischen Erwägungen spielen handfeste wirtschaftliche Interessen eine zentrale Rolle. Iranisches Erdgas deckte 2024 rund 13,5 Prozent des türkischen Bedarfs, im vergangenen Jahr stieg der Anteil auf fast 20 Prozent. Der aktuelle Liefervertrag läuft im November 2026 aus, Gespräche über eine Verlängerung sind bereits im Gange. Zudem fließt seit März des vergangenen Jahres turkmenisches Erdgas über iranisches Territorium in die Türkei.

Die Türkei mag langfristig ihre Abhängigkeit von iranischem und russischem Gas reduzieren wollen – kurzfristig sind beide Lieferanten schlicht nicht zu ersetzen. Erdoğan wird daher alles daransetzen, ein geschwächtes, aber funktionierendes Regime in Teheran so lange wie möglich zu stabilisieren. Es ist ein Balanceakt zwischen Rivalität und Notwendigkeit, zwischen Machtanspruch und Pragmatismus – typisch für die verschlungenen Pfade nahöstlicher Geopolitik.

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