
Epstein-Akten: Das Versagen der Eliten und die Ohnmacht der Justiz

Drei Millionen Dokumente, über 2.000 Videos, 180.000 Bilder – was das amerikanische Justizministerium im Fall Jeffrey Epstein freigegeben hat, ist nichts weniger als ein erschütterndes Zeugnis moralischer Verkommenheit in den höchsten Etagen der Macht. Doch während die Welt auf diese Aktenberge starrt, offenbart sich ein mindestens ebenso beunruhigendes Phänomen: das systematische Versagen jener Institutionen, die eigentlich zur Aufklärung verpflichtet wären.
Ein Sittengemälde postmoderner Dekadenz
Die freigegebenen Dokumente zeichnen das Bild einer international vernetzten Machtelite, die unsere Welt offenbar als ihren persönlichen Spielplatz betrachtet. In zahlreichen E-Mails, die Epstein mit Politikern, Managern und Bankiers austauschte, wird mit erschreckender Nonchalance über geopolitische Umwälzungen philosophiert – Umsturz in der Ukraine, eine kommende Pandemie, die Rückkehr zum Tribalismus. Alles nur Geschäftsmöglichkeiten. Je mehr Chaos, desto besser der Cashflow. So einfach, so zynisch.
Unter den Korrespondenzpartnern finden sich klangvolle Namen: der ehemalige israelische Ministerpräsident Ehud Barak, Tech-Milliardär Peter Thiel, Ariane de Rothschild von der gleichnamigen Privatbank. Und Børge Brende, der Präsident des Weltwirtschaftsforums, mit dem Epstein offenbar über eine „neue globale Architektur" sinnierte. In einer E-Mail vom September 2018 soll Epstein geschrieben haben, Davos könne die UN ersetzen – bei Themen wie Cyber, Krypto und Genetik. Er verwies dabei auf seine eigene Arbeit bei der Trilateralen Kommission.
Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Ein ehemaliger Mathematiklehrer ohne Universitätsabschluss diskutiert mit dem WEF-Präsidenten über die Neuordnung der Weltpolitik. Wie ein solcher Mann zu derart viel Einfluss und Vermögen gelangen konnte, bleibt eine der drängendsten unbeantworteten Fragen dieses Skandals.
Die Angst vor „Uncle Jeffrey"
Dass Epsteins Treiben kein Geheimnis war, bestätigte bereits 2020 Cindy McCain, die Witwe des republikanischen Präsidentschaftskandidaten John McCain. Ihre Worte sind so entlarvend wie verstörend: Alle hätten über Epstein Bescheid gewusst, alle hätten gewusst, was er tat. Doch niemand habe etwas unternommen. Man habe schlicht Angst vor ihm gehabt.
Diese Angst erklärt auch den skandalösen Ausgang des ersten und einzigen Verfahrens gegen Epstein im Jahr 2008. Der als „Uncle Jeffrey" bekannte Netzwerker bekannte sich schuldig, Minderjährige zur Prostitution angeworben zu haben – und erhielt dafür lächerliche 18 Monate Haft, von denen er nur 13 absaß. Tagsüber durfte er arbeiten gehen, nachts kehrte er ins Gefängnis zurück. Seinen Assistenten, einschließlich der berüchtigten Ghislaine Maxwell, wurde Straffreiheit zugesichert.
Der damalige Staatsanwalt Südfloridas, Alexander Acosta, soll den Deal später mit einem bemerkenswerten Satz gerechtfertigt haben: Ihm sei gesagt worden, Epstein „gehöre zum Geheimdienst", und er solle die Sache auf sich beruhen lassen. Spätestens an dieser Stelle hätte jeder investigative Journalist hellhörig werden müssen.
Geheimdienstverbindungen: Israel, die CIA und ein Netz aus Erpressung
Tatsächlich verdichten sich die Hinweise auf eine Verstrickung Epsteins in geheimdienstliche Aktivitäten. Der ehemalige israelische Geheimdienstmitarbeiter Ari Ben-Menashe erklärte bereits 2019, Epstein und seine enge Vertraute Ghislaine Maxwell seien Agenten des israelischen Militärgeheimdienstes Aman gewesen. Ghislaines Vater Robert Maxwell, ein einflussreicher britischer Medientycoon mit mutmaßlichen Verbindungen zu mehreren Geheimdiensten, habe dies in den 1980er-Jahren arrangiert.
Der republikanische Kongressabgeordnete Thomas Massie, Miturheber des parteiübergreifenden Epstein Files Transparency Act, sprach es noch deutlicher aus: Fünf US-Regierungen hätten Epsteins Verbrechen gedeckt, weil das System und die Institutionen derart verkommen seien. Bemerkenswert ist, dass dieses Gesetz im Kongress eine Mehrheit aus beiden Parteien erhielt – zum offensichtlichen Unmut von Präsident Donald Trump.
Dass Epstein selbst zweimal über das Informationsfreiheitsgesetz Auskünfte zu seiner Person bei der CIA anforderte, wie aus den veröffentlichten Akten hervorgeht, fügt dem Puzzle ein weiteres verstörendes Teil hinzu. Die amerikanische Investigativjournalistin Whitney Webb dokumentierte in ihrem 2022 erschienenen Werk „Eine Nation unter Erpressung" die Verbindungen zwischen Epstein, den Geheimdiensten und dem organisierten Verbrechen. Epstein habe demnach eine prominente Rolle beim Aufbau der israelischen Cyberabwehr gespielt.
Die These der systematischen Erpressung
Ben-Menashes zweite, noch brisantere Behauptung lautet, dass Epstein und Maxwell gezielt einflussreiche Politiker, Wissenschaftler und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens ausgesucht hätten, um sie in kompromittierende Situationen zu verwickeln und erpressbar zu machen. Direkte Belege dafür finden sich in den freigegebenen Akten nicht – doch es sind bei Weitem nicht alle Dokumente veröffentlicht worden. Alles, was als geheim eingestuft wurde, bleibt der Öffentlichkeit vorenthalten.
Was sich hingegen finden lässt, ist die Aufzeichnung eines dreistündigen Telefongesprächs zwischen Ehud Barak und Epstein, in dem Letzterer den ehemaligen israelischen Premierminister für einen Wechsel in die Wirtschaft coachte. Epsteins Rat: Nicht mit Expertentum prahlen, sondern eine Liste von Menschen anfertigen, die einem etwas schulden. Deutlicher kann man das Prinzip von Macht durch Abhängigkeit kaum formulieren.
Kein Einzelfall: Von Franklin über Dutroux bis Savile
Der Fall Epstein steht nicht isoliert da. Er reiht sich ein in eine verstörende Kette ähnlicher Skandale, die über Jahrzehnte hinweg immer wieder an die Oberfläche drangen – und ebenso regelmäßig wieder unter den Teppich gekehrt wurden. 1989 kam mit dem Franklin-Skandal ans Licht, dass offenbar Hunderte Kinder durch die USA geflogen worden waren, um von hochrangigen Mitgliedern des Establishments missbraucht zu werden. In Großbritannien entpuppte sich BBC-Moderator Jimmy Savile nach seinem Tod als der „schlimmste Sexualverbrecher in der Geschichte des Landes", wie Scotland Yard feststellte – wobei er keineswegs ein Einzeltäter gewesen sein soll.
Besonders erschütternd bleibt der Fall Dutroux in Belgien, wo mindestens 27 Zeugen unter ungeklärten Umständen starben. Die Ermittler konnten mehr als fünf Jahre nach der Verhaftung des Täters keine formelle Anklage erheben, weil sie befürchteten, dass ihre Untersuchungen führende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens – darunter möglicherweise sogar den König – in Mitleidenschaft ziehen könnten.
Auch im Umfeld Epsteins sollen laut einem Bericht des National Enquirer vom August 2025 mindestens 22 Personen unter „mysteriösen Umständen" gestorben sein – darunter mutmaßliche Opfer, Hausmanager, Anwälte, Buchhalter, Journalisten und Zuhälter. Ein Muster, das sich durch all diese Fälle zieht wie ein roter Faden des Grauens.
Keine Anklagen, keine Konsequenzen
Und was geschieht nun? Nichts. Jedenfalls nichts, was den Opfern auch nur ansatzweise Gerechtigkeit brächte. Ein Staatsanwalt erklärte in einem internen Schreiben, dass die in Epsteins Immobilien sichergestellten Video- und Fotomaterialien weder Anzeichen von Misshandlungen noch Hinweise auf die Verwicklung weiterer Personen enthielten. Ein internes Memo aus dem Jahr 2019 stellte fest, dass in Epsteins Finanzunterlagen – trotz Zahlungen an Institutionen mit Verbindungen zu prominenten Akteuren aus Wissenschaft, Finanzwesen und internationaler Diplomatie – „keinerlei Verknüpfungen zu strafbaren Handlungen erkennbar" gewesen seien.
Wer das glaubt, der glaubt auch, dass ein Mathematiklehrer ohne Abschluss zufällig zum Milliardär und Berater von Staatschefs wird. Sollte es bei diesem Ergebnis bleiben, wäre es eine weitere Demütigung aller geschändeten Kinder und Jugendlichen – und ein vernichtendes Urteil über den Zustand westlicher Rechtsstaatlichkeit.
Das Versagen der Medien
Fast ebenso beschämend wie die Untätigkeit der Justiz ist das Versagen der Medien. Statt investigativer Tiefe dominiert Standard-Empörungsjournalismus. Die sogenannten Leitmedien kratzen bestenfalls an der Oberfläche, während alternative Medien – insbesondere konservative Plattformen – auf vielen Strecken ebenso dürftig bestückt seien, wie Kritiker monieren. Wenn ein Fernsehmoderator wie Markus Lanz ein Foto, auf dem sich Prinz Andrew über ein junges Mädchen beugt, mit der naiven Frage „Hilft der jemand?" kommentiert, dann grenzt das tatsächlich an unfreiwillige Comedy.
Derweil versucht der polnische Premierminister Donald Tusk, den gesamten Skandal als russische Geheimdienstoperation umzudeuten. „Immer mehr Hinweise deuten darauf hin, dass dieser beispiellose Pädophilie-Skandal von russischen Geheimdiensten mitorganisiert wurde", ließ er verlauten. Ein durchsichtiges Ablenkungsmanöver, das angesichts der erdrückenden Hinweise auf israelische und amerikanische Geheimdienstverbindungen geradezu grotesk anmutet.
Was bleibt, ist die bittere Erkenntnis, dass in unseren westlichen Demokratien offenbar Strukturen existieren, die sich jeder demokratischen Kontrolle entziehen. Strukturen, in denen die Schwächsten – Kinder und Jugendliche – zum Spielball der Mächtigen werden. Und Strukturen, die selbst dann nicht zur Rechenschaft gezogen werden, wenn drei Millionen Dokumente ihr Treiben dokumentieren. Die Epstein-Files sind, wie der Titel treffend formuliert, tatsächlich nur die Spitze des Eisbergs. Die Frage ist, ob unsere Gesellschaft den Mut aufbringt, tiefer zu tauchen – oder ob wir uns weiterhin mit dem Empörungstheater an der Oberfläche zufriedengeben.

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