
Doppelmoral als Bumerang: Jens Spahn stolpert über seine eigene Leihmutterschaft
Es ist ein politisches Erdbeben, das die Union an einem Sommersamstag erschüttert: Jens Spahn, langjähriger Strippenzieher der CDU und Fraktionsvorsitzender im Bundestag, hat sein Amt niedergelegt. In einem Schreiben an die Fraktion, das mehreren Medien vorliegt, erklärt er seinen Rückzug. Der Grund? Ein Konflikt, der so alt ist wie die Politik selbst – die Kluft zwischen dem, was man predigt, und dem, was man selbst tut.
Wenn der Prediger sündigt, den er verdammt
Spahn und sein Ehemann Daniel Funke hatten am Mittwoch verkündet, Eltern eines Sohnes geworden zu sein – ausgetragen von einer Leihmutter in den USA. Was auf den ersten Blick als private Familienfreude erscheinen mag, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als politischer Sprengsatz. Denn Leihmutterschaft ist in Deutschland aus guten Gründen verboten. Und die CDU – jene Partei, deren Fraktion Spahn bis eben noch anführte – lehnt eine Legalisierung strikt ab. Ebenso wie Spahn selbst es in der Vergangenheit tat.
Man muss es beim Namen nennen: Hier hat sich ein Spitzenpolitiker über jene Regeln hinweggesetzt, die er anderen aufzuerlegen bereit war. Der Vorwurf der Doppelmoral steht dabei nicht im luftleeren Raum – er ist der Kern der ganzen Affäre.
Merz macht kurzen Prozess
Berichten zufolge soll Bundeskanzler Friedrich Merz gemeinsam mit CSU-Chef Markus Söder in einem Telefonat den Rücktritt eingefordert haben. Auch Spahns Heimat-CDU sowie mehrere Landesverbände hatten offen zum Rückzug aufgerufen. In seinem Abschiedsschreiben formuliert Spahn, der Spagat zwischen seiner "privaten Entscheidung zu einem Kind durch Leihmutterschaft" und den Erwartungen an sein Amt sei größer geworden, als er es erwartet habe.
Lasst uns bei aller Klarheit und Entschiedenheit in der Sache immer auch menschlich im Ton bleiben.
So appelliert Spahn an seine Fraktion und beklagt zugleich eine "zunehmende Unerbittlichkeit in der öffentlichen Auseinandersetzung". Doch darf man fragen: Ist es wirklich Unerbittlichkeit, wenn der Bürger von seinen Volksvertretern schlicht verlangt, dass sie sich an die eigenen Grundsätze halten? Wer geltendes Recht umgeht, das er selbst mitträgt, darf sich über kritische Nachfragen nicht wundern.
Ein Lehrstück über Glaubwürdigkeit
Der Fall Spahn ist mehr als eine Personalie. Er ist ein Symptom jener politischen Kultur, in der zwischen öffentlichem Anspruch und privatem Handeln zuweilen Welten liegen. Gerade eine Partei, die das christlich-konservative Fundament für sich reklamiert und für die Werte von Familie und Verantwortung eintritt, muss sich an ihren eigenen Maßstäben messen lassen. Glaubwürdigkeit ist das kostbarste Gut in der Politik – und sie lässt sich, einmal verspielt, nur schwer zurückgewinnen.
Wie die Union diese Führungslücke füllt und ob der Rücktritt tatsächlich einen Schlussstrich unter die Affäre setzt, wird sich zeigen müssen. Fest steht: Der Vertrauensverlust, den die etablierte Politik ohnehin bei weiten Teilen der Bevölkerung erleidet, dürfte durch derartige Vorgänge kaum kleiner werden.
Dieser Beitrag gibt die Einschätzung unserer Redaktion auf Grundlage der vorliegenden Informationen wieder und stellt weder eine Rechts- noch eine Steuerberatung dar.
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