
Die Brandmauer wankt: Wie ein harmloses Foto die CDU in Panik versetzt

Es ist eine Szene, die symptomatischer kaum sein könnte für den Zustand der deutschen Union: Ein Foto, das einen freundlich blickenden CDU-Fraktionschef neben einem AfD-Spitzenkandidaten zeigt – und schon bricht in der Partei hektische Betriebsamkeit aus. Guido Heuer, Chef der CDU-Fraktion im Landtag von Sachsen-Anhalt, sah sich nach einer Podiumsdiskussion in Halberstadt gezwungen, eilig auf Distanz zu gehen. Von einer „unglücklichen Aufnahme“ ist die Rede. Man kennt das mittlerweile.
Eine „unglückliche Aufnahme“ – oder einfach nur Normalität?
Was war geschehen? Bei einer Veranstaltung des Liberalen Mittelstands entstand jenes nun viel diskutierte Bild, das Heuer gemeinsam mit dem AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund zeigt. Heuer beeilte sich anschließend zu betonen, dass das Foto lediglich entstanden sei, weil es „nur zwei Mikrofone gab“ und er bei einer angeblichen Falschaussage Siegmunds habe „intervenieren müssen“. Er habe ihm das Mikrofon aus der Hand genommen – und dabei sei eben diese „unglückliche Aufnahme“ entstanden.
„Das war allerdings keine Kumpelei, sondern politische Konfrontation.“
Man stelle sich das einmal vor: Ein gewählter Volksvertreter muss sich rechtfertigen, weil er auf einem Bild neben einem anderen gewählten Volksvertreter steht – und dabei nicht mit verkniffenem Gesicht in die Kamera schaut. Welch ein Skandal. Welch eine Zumutung für die selbsternannten Hüter der demokratischen Reinheit.
Das Theater um die Brandmauer
Besonders pikant: Zu seiner Aussage über die berüchtigte „Brandmauer“ steht Heuer nach eigenen Worten weiterhin. Allerdings beteuert er, das Wort selbst nie verwendet zu haben. Für ihn gelte der Fraktionsbeschluss „Abgrenzen, aber nicht ausgrenzen“. Eine sprachliche Pirouette, die ihresgleichen sucht. Man möchte fast applaudieren ob dieser rhetorischen Geschmeidigkeit.
Siegmund seinerseits ließ sich die Steilvorlage nicht entgehen. In einem Beitrag auf der Plattform X verwies er auf die Parlamentsreform in Sachsen-Anhalt, die sich erkennbar gegen eine erstarkende AfD richte, sowie darauf, dass seiner Fraktion seit Jahren ein eigentlich zustehender Vizepräsidentenposten verweigert werde. Hier offenbart sich das ganze Dilemma: Die etablierten Parteien wollen den Wählerwillen partout nicht akzeptieren.
Wenn die FDP ihre eigene Veranstaltung boykottiert
Die Begleitumstände der Veranstaltung lesen sich wie eine Realsatire. Auf dem Podium saßen Vertreter von AfD, CDU, SPD, Grünen, Linken und BSW – allesamt Parteien, die in der jüngsten Infratest-dimap-Umfrage gelistet waren. Die im Landtag vertretene FDP fehlte, weil sie es nur noch unter „Sonstige“ schaffte. Und damit nicht genug: Die Bundesvorsitzende des Liberalen Mittelstands, zugleich Mitglied des FDP-Bundesvorstands, hatte sich im Vorfeld von der eigenen Veranstaltung distanziert – weil die AfD eingeladen worden war.
Hier wird ein Muster sichtbar, das viele Bürger längst durchschaut haben: Statt sich der politischen Auseinandersetzung zu stellen, flüchten sich die Verantwortlichen in Ausgrenzung und symbolische Distanzierung. Ein gefährliches Spiel, das die ohnehin tiefe Spaltung der Gesellschaft weiter befördert.
Ein Sittenbild deutscher Politik
Was bleibt, ist ein bezeichnendes Bild vom Zustand der politischen Kultur in diesem Land. Ein Foto, ein freundlicher Blick, ein gemeinsames Mikrofon – und schon kennt die Hektik keine Grenzen mehr. Während die Bürger in Sachsen-Anhalt mit realen Problemen kämpfen, dreht sich die mediale Debatte um die Frage, wer neben wem stehen darf. Es ist diese Realitätsferne, die immer mehr Menschen den etablierten Parteien den Rücken kehren lässt.
Und so darf man gespannt sein, wie sich das Spiel im Herbst entwickelt, wenn in Sachsen-Anhalt und anderen ostdeutschen Ländern gewählt wird. Denn eines ist gewiss: Der Wähler hat ein gutes Gedächtnis – auch für unglückliche Aufnahmen und noch unglücklichere Rückzieher.

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