
Briefwahl-Skandal in Strausberg: Wenn Wahlunterlagen in der Kaffeerösterei landen
Was klingt wie eine Realsatire aus einer Bananenrepublik, ist bittere demokratische Wirklichkeit im brandenburgischen Strausberg: Ein BĂŒrgermeisterkandidat hatte offenbar Zugriff auf die Briefwahlunterlagen der Stadt â weil sich das stĂ€dtische Postfach ausgerechnet in seiner Kaffeerösterei befand. Dass dieser Fall nun mit einer Stichwahl und einer neuen BĂŒrgermeisterin sein vorlĂ€ufiges Ende gefunden hat, sollte niemanden beruhigen. Im Gegenteil.
Eine Wahl, die zum LehrstĂŒck ĂŒber die SchwĂ€chen der Briefwahl wird
Die parteilose Anette Binder hat sich am vergangenen Wochenende mit deutlichen 60,8 Prozent in der Stichwahl gegen den ebenfalls parteilosen Patrick HĂŒbner durchgesetzt. Ein klares Ergebnis â das allerdings erst nach einem monatelangen Wahlkrimi zustande kam, der grundlegende Fragen ĂŒber die IntegritĂ€t unseres Wahlsystems aufwirft.
Eigentlich hĂ€tte die Stichwahl bereits am 15. MĂ€rz stattfinden sollen. Doch der Landrat von MĂ€rkisch-Oderland, Gernot Schmidt, zog die Notbremse und annullierte die Wahl. Sein Verdacht: UnregelmĂ€Ăigkeiten bei der Briefwahl, die in direktem Zusammenhang mit dem Kandidaten HĂŒbner stehen könnten. Denn in dessen Kaffeerösterei befand sich das Postfach der Stadt, ĂŒber das auch sĂ€mtliche Briefwahlunterlagen eingingen. Pikanter noch: Rund 30 Prozent der versandten Briefwahlunterlagen kamen nicht zurĂŒck â dreimal mehr als ĂŒblich.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache
Wer sich die Ergebnisse der Hauptwahl genauer ansieht, dem wird schnell mulmig. Bei den UrnenwĂ€hlern lag Binder mit 21,5 Prozent vorne. HĂŒbner spielte dort keine herausragende Rolle. Doch bei der Briefwahl katapultierte sich HĂŒbner mit satten 30 Prozent an die Spitze â wĂ€hrend Binder dort nur auf 20,5 Prozent kam. Ein Muster, das zumindest stutzig machen sollte.
Insgesamt flossen 2.835 Briefwahlstimmen in das Ergebnis ein. Zwischen dem Erstplatzierten HĂŒbner und dem Letztplatzierten, dem AfD-Kandidaten Dennis Panser, lagen gerade einmal 630 Stimmen. Bei derart knappen VerhĂ€ltnissen hĂ€tte selbst eine geringfĂŒgige Manipulation der Briefwahlunterlagen das gesamte Ergebnis kippen können.
Landrat handelte rechtswidrig â doch die Fragen bleiben
HĂŒbner stritt sĂ€mtliche VorwĂŒrfe ab und klagte erfolgreich gegen die Annullierung der Wahl durch den Landrat. Ein Gericht hob Schmidts Entscheidung auf. Man mag darĂŒber streiten, ob der SPD-Landrat mit seinem Eingreifen nicht selbst das Wahlergebnis beeinflusst hat â schlieĂlich fĂŒhrte die Verzögerung und die öffentliche Debatte ĂŒber die VorwĂŒrfe dazu, dass HĂŒbner in der Stichwahl mit nur 39,2 Prozent krachend unterlag. Doch das eigentliche Problem liegt tiefer.
Die Briefwahl: Einfallstor fĂŒr Manipulation
Der Fall Strausberg ist kein Einzelfall. Er reiht sich ein in eine beunruhigende Serie von VorfĂ€llen, die das Vertrauen in die Briefwahl erschĂŒttern. Man erinnere sich an den Fall QuakenbrĂŒck, wo eine Politikerin der Linken dafĂŒr sorgte, dass Migranten illegal per Briefwahl abstimmten. Oder an die zahlreichen Berichte von BĂŒrgern, deren Briefwahlunterlagen schlicht nie ankamen â und die dann am Wahltag im Wahllokal abgewiesen wurden, weil sie ja angeblich bereits per Brief gewĂ€hlt hĂ€tten.
Die Briefwahl war einst als Ausnahme gedacht â fĂŒr Menschen, die am Wahltag tatsĂ€chlich verhindert sind. Doch lĂ€ngst ist sie zur bequemen Massenveranstaltung geworden, befeuert nicht zuletzt von öffentlich-rechtlichen Medien und bestimmten Parteien, die ihre WĂ€hlerschaft regelrecht zur Briefwahl auffordern. Warum wohl? Die Antwort liegt auf der Hand: Die Briefwahl entzieht sich weitgehend der öffentlichen Kontrolle, die bei der Urnenwahl durch Wahlbeobachter gewĂ€hrleistet wird.
Noch ist das letzte Wort nicht gesprochen
Doch selbst mit Binders klarem Sieg ist das Kapitel Strausberg noch nicht abgeschlossen. Sowohl Landrat Schmidt als auch die Linke haben bereits angekĂŒndigt, Einspruch gegen die Wahl einzulegen. Sollte dieser Erfolg haben, mĂŒsste die gesamte Hauptwahl wiederholt werden. Bis dahin ist Binder zwar im Amt â doch ĂŒber ihrer Amtszeit schwebt das Damoklesschwert der juristischen Anfechtung.
Was bleibt, ist ein bitterer Nachgeschmack. In einem Land, das sich so gerne als Hort der Demokratie inszeniert, lagern Briefwahlunterlagen in der Kaffeerösterei eines Kandidaten. DreiĂig Prozent der Unterlagen verschwinden spurlos. Und ein Landrat greift eigenmĂ€chtig in den Wahlprozess ein. Wer angesichts solcher ZustĂ€nde noch von einem funktionierenden Rechtsstaat spricht, der hat entweder einen ausgeprĂ€gten Sinn fĂŒr schwarzen Humor â oder er hat schlicht aufgehört, hinzuschauen.
Die Forderung kann nur lauten: ZurĂŒck zur Urnenwahl als Regelfall. Wer wĂ€hlen will, soll persönlich ins Wahllokal gehen. Die Briefwahl muss wieder das werden, was sie einmal war â eine eng begrenzte Ausnahme fĂŒr tatsĂ€chlich Verhinderte. Alles andere ist eine Einladung zum Missbrauch. Und davon haben wir in diesem Land wahrlich genug.
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