
Bosch opfert profitable Musterfabrik in Bretten – 1.000 Arbeitsplätze auf dem Altar der Konzernstrategie
Es ist eine jener Geschichten, die man zweimal lesen muss, um sie zu glauben. Im badischen Bretten, unweit von Karlsruhe, betreibt die Bosch-Tochter BSH (Bosch-Siemens Hausgeräte) ein Werk für Backöfen und Dunstabzugshauben, das erst 2025 mit einer hochmodernen Emaillierungsanlage aufgerüstet wurde – ein technisches Vorzeigeprojekt, wie der Konzern selbst nicht müde wurde zu betonen. Und genau dieses Werk soll nun spätestens im März 2028 seine Tore für immer schließen. Rund 1.000 Beschäftigte stehen vor dem Nichts.
Millionen investiert – und dann der Todesstoß
Die Absurdität dieser Entscheidung lässt sich kaum in Worte fassen. Während in der Fabrik gepresste Stahlbleche an Förderbändern hängen, mit Pulver beschichtet und in einer 835 Grad heißen Anlage emailliert werden – einer Anlage, die als technisch besonders fortschrittlich gilt –, hat die Konzernzentrale längst das Todesurteil unterschrieben. Neue automatisierte Linien für Dunstabzugshauben wurden installiert, die Ofenmontage modernisiert, sogar das Schulungszentrum auf dem Gelände wird noch umgebaut. Man investiert also munter weiter in einen Standort, den man gleichzeitig abwickeln will. Betriebsratschef Kristian Kipcic-Suta bringt es auf den Punkt: Das sei eine Katastrophe und völlig unverständlich.
Und er hat recht. Denn hier offenbart sich ein Muster, das in der deutschen Industrielandschaft immer häufiger zu beobachten ist: Konzerne, die ihre Standorte in Deutschland systematisch ausbluten lassen, während sie gleichzeitig Lippenbekenntnisse zum Industriestandort abgeben. Noch Anfang 2024 hatte BSH bei einem weltweiten Stellenabbau ausdrücklich erklärt, an allen sechs deutschen Produktionsstandorten festhalten zu wollen. Keine zwölf Monate später war dieses Versprechen Makulatur.
Schockstarre in der Belegschaft, Wut im Rathaus
Die Nachricht traf die Beschäftigten im Oktober wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Ein Mitarbeiter beschrieb den Moment der Verkündung mit erschütternden Worten: Die Kollegen hätten mit leerem Blick dagestanden, in einer regelrechten Schockstarre. Ein ganzes Wochenende hätten sie gebraucht, um überhaupt zu begreifen, was geschehen sei. Bis heute habe die Belegschaft die Entscheidung nicht akzeptiert.
Besonders pikant ist die Rolle der Stadt Bretten. Die Kommune hatte den Standort aktiv gestützt und 2022 ein Parkhaus für 8,5 Millionen Euro errichtet, damit BSH Flächen auf dem Werksgelände für Produktion, Verwaltung und Logistik nutzen konnte. Steuergeld, das nun buchstäblich in einer Sackgasse endet. Oberbürgermeister Nico Morast kritisiert, dass die Geschäftsführung bis heute keine nachvollziehbare Begründung vorgelegt habe und Gespräche über Alternativen schlicht abblocke. Nach seinen Schätzungen stünden nicht nur die 1.000 Stellen im Werk auf dem Spiel, sondern bis zu 3.000 weitere Arbeitsplätze in der Region – bei Zulieferern, Handwerkern und Dienstleistern.
150 Jahre Tradition – und dann das Ende
Was die Angelegenheit noch bitterer macht: Bretten ist nicht irgendein Standort im BSH-Netzwerk. Es ist der historische Kern der Marke Neff. 1877 gründete Carl Andreas Neff dort einen Betrieb für kohlebefeuerte Backöfen, aus dem über die Jahrzehnte ein bedeutender Hersteller von Elektroherden hervorging. Nach mehreren Eigentümerwechseln und einer Rettung während der AEG-Krise ging das Werk schließlich an BSH über. Ausgerechnet kurz vor dem 150-jährigen Jubiläum im Jahr 2027 soll nun Schluss sein. Man könnte meinen, der Konzern habe ein besonderes Gespür für historische Ironie.
Auch die wirtschaftlichen Argumente der Konzernführung halten einer näheren Betrachtung kaum stand. Branchenexperten schätzen für das Werk im Jahr 2025 einen operativen Gewinn von rund 23 Millionen Euro bei einem Umsatz zwischen 250 und 300 Millionen Euro. Ein profitabler Standort also, der schwarze Zahlen schreibt. BSH argumentiert dagegen mit der niedrigsten Kapazitätsauslastung im europäischen Backofen-Verbund und den höchsten Arbeitskosten. Die Schließung sei eine strategische Maßnahme zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit des Gesamtunternehmens.
Symptom einer verfehlten Standortpolitik
Doch wer genauer hinschaut, erkennt in diesem Fall ein weit größeres Problem. Die hohen Arbeitskosten, die BSH als Begründung anführt, sind kein Naturgesetz – sie sind das direkte Ergebnis einer politischen Weichenstellung, die den Industriestandort Deutschland seit Jahren systematisch verteuert. Explodierende Energiepreise, eine erdrückende Bürokratielast, steigende Sozialabgaben und eine Steuerpolitik, die Unternehmen eher bestraft als fördert: All das macht es Konzernen zunehmend leicht, Produktionsverlagerungen ins Ausland zu rechtfertigen.
Bosch selbst ist längst kein Einzelfall mehr. Der Konzern hat bereits den Abbau von 22.000 Stellen mit dem Betriebsrat vereinbart, die Produktion der Verbindungstechnik in Waiblingen eingestellt und zwei weitere Werke geschlossen, um die Power-Tools-Produktion ins Ausland zu verlagern. Allein in der Hausgerätesparte wurden 3.500 Stellen gestrichen. Was hier geschieht, ist keine Betriebsoptimierung – es ist die schleichende Deindustrialisierung Deutschlands.
Die neue Bundesregierung unter Friedrich Merz hat zwar versprochen, die Wirtschaft wieder in den Mittelpunkt zu rücken. Doch solange die strukturellen Probleme – von den Energiekosten über die Bürokratie bis hin zur steuerlichen Belastung – nicht grundlegend angegangen werden, dürften Fälle wie Bretten zur traurigen Normalität werden. Jede geschlossene Fabrik, jeder verlorene Arbeitsplatz ist ein weiterer Nagel im Sarg des deutschen Wohlstandsmodells. Und die Menschen in Bretten, die seit Generationen mit der Marke Neff verbunden sind, zahlen den Preis für eine Politik, die den Standort Deutschland offenbar sehenden Auges in die Bedeutungslosigkeit gleiten lässt.
Es bleibt die bange Frage: Wie viele Musterfabriken müssen noch geschlossen werden, bevor die Verantwortlichen in Berlin und in den Konzernzentralen aufwachen?
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